Integrationskurse und Zertifikate

Der Integrationskurs als Pflicht und Chance für Zuwanderer – Stimmen aus unseren Integrationskursen

Foto: Anja Schwab

Am 1. Januar 2005 ist das deutsche Zuwanderungsgesetz in Kraft getreten. Seitdem haben viele Neuzuwanderer die deutsche Sprache in Integrationskursen gelernt. Jetzt müssen und dürfen auch Asylbewerber und Geflüchtete nach ihrer Ankunft in Deutschland erstmal die Schulbank drücken.

Thanida (30) kommt aus Thailand und ist zu ihrem deutschen Mann nach Köln gezogen. Pawel (23) ist mit seiner Freundin nach Deutschland gekommen, weil er in Berlin eine Ausbildung zum Polizisten machen will. Federico (41) wuchs als Kind eines deutschen Vaters in Argentinien auf und ist nun in Berlin, um die Heimat seiner Familie kennenzulernen. Alle drei besuchen einen Integrationskurs, wo sie die deutsche Sprache von der Pike auf erlernen: Wie stelle ich mich vor? Wie fülle ich beim Amt ein Formular aus? Wie erkläre ich einem Arzt, welches Körperteil mir weh tut? Wie gehe ich damit um, wenn die Lehrerin mir am Elternsprechtag von den Problemen meiner Tochter erzählt? Wie kann ich zum Beispiel in Sportkursen Kontakte zu Gleichgesinnten knüpfen? Und wie schreibe ich eine Bewerbung?

Deutsch lernen – nicht nur für den Job

Seit dem 1. Januar 2005 haben Neuzuwanderer in Deutschland die Möglichkeit, einen Integrationskurs zu besuchen. Der Unterricht ist darauf angelegt, dass die Neuankömmlinge am deutschsprachigen Alltag teilhaben, also buchstäblich mitreden können. „Ich brauche die deutsche Sprache nicht nur für die Arbeit, sondern zum Beispiel auch, um Radio zu hören oder fernzusehen. Außerdem ist Deutsch die Sprache meiner Familie, doch ich spreche sie nicht. Deshalb bin ich dankbar, dass mir das Jobcenter den Kurs finanziert – obwohl ich hier noch gar keine Steuern bezahlt habe“, sagt Federico. Pawel findet den Klassenraum in der Sprachschule zu klein und die Akustik zu schlecht. Dennoch macht ihm der Integrationskurs Spaß – zumal er nicht nur Deutsch lernt, sondern auch viel über das hiesige Ausbildungssystem erfährt. Und Thanida ist sehr glücklich darüber, dass sie im Integrationskurs Kontakte zu Menschen aus aller Welt knüpfen kann – denn so fühlt sie sich nicht mehr ganz so allein in der neuen Heimat.

Doch nicht alle Zuwanderer machen den Integrationskurs freiwillig. Wer weder einer Arbeit noch einem Studium nachgeht, ist gemäß Aufenthaltsgesetz zur Teilnahme verpflichtet. „Die meisten unserer Teilnehmer sind sehr motiviert. Aber natürlich gibt es auch Migranten, die schon lange in Deutschland leben und denen das Lernen sehr schwer fällt, weil sich schon falsche Strukturen verfestigt haben“, sagt Ingo Schöningh. Er leitet das Goethe-Institut in Mannheim, das als einer von vielen Kursträgern – neben Volkshochschulen und privaten Sprachschulen – Integrationskurse anbietet. Ein Integrationskurs umfasst in der Regel 600 Stunden Sprachunterricht und 60 Stunden „Orientierungskurs“, in dem die Teilnehmer die Geschichte, Gesellschaft und Kultur Deutschland kennenlernen sollen. Finanziert wird das Angebot zum Großteil vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF). Die Teilnehmer bezahlen in der Regel einen Eigenkostenanteil von 1,95 Euro pro Stunde.

Integrationskurse – jetzt auch für Flüchtlinge

Integrationskurse richten sich an Menschen, die dauerhaft in Deutschland leben wollen und eine Aufenthaltserlaubnis haben. Seit Oktober 2015 dürfen darüber hinaus auch Asylbewerber mit guter Bleibeperspektive daran teilnehmen. „Bisher hatten Flüchtlinge die Möglichkeit, in speziellen Kursen zu lernen, die von der Bundesagentur für Arbeit gefördert werden. Diese Kurse waren ein großer Erfolg, weil viele der Geflüchteten aufgrund ihrer Biografie hochgradig intrinsisch motiviert sind und sehr schnell lernen. Wir erwarten ab September viel mehr Flüchtlinge in den regulären Integrationskursen“, sagt Ingo Schöningh. Und Benjamin Beckmann vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge unterstreicht: „Flüchtlinge mit guter Bleibeperspektive hätten ohnehin über kurz oder lang die Berechtigung zur Teilnahme am Integrationskurs bekommen. Dass sie schon etwas früher teilnehmen können, wirkt sich aufgrund der großen Zahlen an Schutzberechtigen allerdings sehr stark auf die aktuellen Teilnehmerzahlen aus.“ Seit Einführung der Integrationskurse im Jahr 2005 haben über 1,3 Millionen Menschen einen Integrationskurs besucht, zwischen 2012 und 2015 ist die Zahl von 94.000 auf 180.000 gestiegen und 2016 wird ein weiterer Anstieg erwartet. Während bis zum letzten Jahr die meisten Teilnehmer aus europäischen Ländern wie Polen, Rumänien oder Bulgarien kamen, steht jetzt Syrien auf Platz 1 der Herkunftsländer von Integrationskursteilnehmern.

Auch der 26-jährige Cemal und der 35-jährige Anas D. sind vor dem Krieg in Syrien geflüchtet. Weil sie noch nicht an einem regulären Integrationskurs teilnehmen konnten, haben sie einen Kurs der Bundesagentur für Arbeit am Goethe-Institut Mannheim absolviert. Beide sind seit sieben Monaten in Deutschland und waren dankbar für diese Möglichkeit, einen Deutschkurs zu besuchen: „Unsere Lehrerin kann sehr gut erklären und wir haben sehr viel gelernt. Die Übungen und Gespräche im Kurs waren hilfreich und wir haben auch in unserer Freizeit auf Deutsch gesprochen, wenn wir zum Beispiel zusammen ins Café gegangen sind“, sagt Cemal. Anas betont: „Das Goethe-Institut ist uns aus den arabischen Ländern bekannt und es war für mich die erste Wahl zum Deutsch lernen. Nur schade, dass ich hier keine Möglichkeit habe, einen Abendkurs zu belegen.“ Cemal hat bereits einen Studienplatz für IT-Management an einer privaten Hochschule in der Tasche – in einem Studienprogramm, das speziell für Flüchtlinge aufgelegt wurde. Und Anas hat eine Stelle als Verwaltungsmitarbeiter beim Deutschen Roten Kreuz in Mannheim und möchte im nächsten Jahr seinen Master in Business Administration machen.

Anas S. (24), Munir (36) und Ahmad (42) sind auch als Flüchtlinge aus Syrien gekommen und besuchen bereits Integrationskurse in beziehungsweise bei Berlin. Alle drei wurden vom Jobcenter dazu verpflichtet, hier Deutsch zu lernen – und betonen, dass sie das gut und richtig finden. Ahmed sagt: „Wenn der Lehrer gut erklärt, macht das Lernen Spaß und du freust dich jeden Tag, zur Schule zu kommen.“ Munir betont: „Ich hatte zwar schon eine Stelle als Koch in einem Hotel, wo ich auf Englisch kommunizieren konnte. Aber wer weiß, ob ich da auch in drei Jahren noch eine Stelle habe. Ich lebe in Deutschland und deshalb muss ich die deutsche Sprache lernen. Ich hoffe, irgendwann bin ich so gut, dass ich die Bücher von Goethe im Original lesen kann“. Munir wohnt in einer weit abgelegenen Flüchtlingsunterkunft, hat deshalb wenig Kontakt zu Deutschen und muss pro Strecke über eine Stunde mit dem Bus fahren, um den Kurs zu besuchen. Deshalb wünscht er sich, bald eine Wohnung in der Nähe des Kursortes zu finden. Anas steht kurz vor dem Ende seines Integrationskurses und meint: „Der Unterricht war echt gut für mich, ich konnte meine Sprache verbessern, Grammatik und Wortschatz.“ Schade findet er nur, dass der Integrationskurs bereits mit dem B1-Niveau abgeschlossen ist: „Ich habe immer noch so viele Ideen und Gedanken, die ich noch nicht alle auf Deutsch ausdrücken kann. Deshalb versuche ich, an einer Uni einen B2- und C1-Kurs zu machen, um dann zu studieren.“

Natürlich sucht auch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge nach Anschlussmöglichkeiten. Um die Integrationskurse optimal in andere existierende Sprachförderangebote zu integrieren und alle Programme in eine nahtlose Förderkette zu bringen, hat die Bundesregierung das Gesamtprogramm Sprache aufgesetzt. Das Goethe-Institut überarbeitet gegenwärtig im Auftrag des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge das Rahmencurriculum der Integrationskurse, so dass ein optimaler Übergang in die berufsbezogene Sprachförderung möglich wird.


Die Interviews führten Janna Degener und Max Böhner.

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