„Migration ist kein Ereignis, sondern ein Prozess“
Dokumentation der Fachtagung „Vorintegration und Übergangsmanagement“ mit Experten aus Politik, Wissenschaft und Zivilgesellschaft am 6. und 7. März 2012 in Berlin, auf Einladung des Goethe-Instituts.
Inhalt
Eröffnungsrede von Staatsministerin Böhmer
Die wesentlichen Ergebnisse der Studie „Der Übergang von der vorintegrativen Sprachförderung zum Integrationskurs“
Deutschland muss weiter an seiner „Willkommenskultur“ arbeiten
Vorintegration und Übergangsmanagement in anderen Ländern
Vorintegration unter soziologischen, methodisch-didaktischen und juristischen Gesichtspunkten
Möglichkeiten und Perspektiven
Bildergalerie
Programm
Hintergrund
Eröffnungsrede von Staatsministerin Böhmer
Staatsministerin Prof. Dr. Maria Böhmer, Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, eröffnete die Konferenz in der Akademie der Künste mit einem sehr persönlichen Vortrag, in dem sie darauf einging, welche Eindrücke diverse Besuche vorintegrativer Sprachkurse an Goethe-Instituten bei ihr in der Vergangenheit hinterlassen haben. Sie sprach dem Institut ihre Anerkennung und ihren Dank aus für qualitativ hochwertige Arbeit und das große Engagement der Mitarbeiter.
Bereits im Beitrag der Staatsministerin wurden wesentliche Eckpunkte der Veranstaltung klar: Die Übergangszeit zwischen Ablegung der Sprachprüfung im Heimatland als Visumsvoraussetzung nachziehender Ehegatten und dem Beginn eines Integrationskurses dauert derzeit noch zu lange und wird unter den Aspekten „Sprache, Information, Beratung“ noch nicht ideal genutzt. Auch sollte der Fokus des sogenannten Übergangsmanagements nicht nur auf nachziehende Ehegatten liegen, sondern weitere Zielgruppen, wie die in Deutschland gesuchten Fachkräfte, sollten in den Blick genommen werden.
Die vollständige Eröffnungsrede von Staatsministerin Böhmer (PDF, ca. 0,2 MB)
Begrüßungsrede von Dr. Matthias Makowski (PDF, ca. 0,1 MB)
Die wesentlichen Ergebnisse der Studie „Der Übergang von der vorintegrativen Sprachförderung zum Integrationskurs“
Nach der Eröffnungsrede stellte das Goethe-Institut die wesentlichen Ergebnisse seiner Studie „Der Übergang von der vorintegrativen Sprachförderung zum Integrationskurs“ vor: Sechs Monate vergehen durchschnittlich nach Ablegen der Prüfung im Heimatland bis zur Ausreise und fünf Monate von der Einreise bis zum Beginn des Integrationskurses, die Übergangszeit dauert im Durchschnitt also elf Monate.
Die Vorintegrationsarbeit zeigt insgesamt positive Wirkung: Die befragten Zugewanderten schätzten den Spracherwerb im Heimatland rückblickend zum Großteil als sehr hilfreich (58 Prozent) oder hilfreich (30 Prozent) für die Vorbereitung auf Deutschland ein. Die Studie zeigt aber auch, dass ein großer Teil der neu Zugewanderten mit A1-Zertifikat aus dem Heimatland den Integrationskurs in Deutschland – zum Teil auf eigenen Wunsch – mit Modul 1 beginnt. Die Migranten selbst sind hochmotiviert, ihre Sprach- und Landeskundekenntnisse während der Übergangszeit zu trainieren bzw. zu erweitern, gerne unter Nutzung digitaler Medien. Es fehlt jedoch noch weitgehend an Lern-, Übungs- und Informationsmaterial, das auf diese Zielgruppe und deren Bedürfnisse abgestimmt ist und mit dem während der Übergangszeit eigenständig weitergelernt werden kann.
Ein weiteres Ergebnis der Studie ist der hohe Bedarf an muttersprachlichen Beratungsangeboten, die bereits im Heimatland ansetzen, die Zuwandernden während der Übergangszeit weiter betreuen und schließlich in das Beratungssystem in Deutschland vermitteln und integrieren. Auf diesen Bedarf reagiert das Goethe-Institut derzeit mit dem Aufbau eines Internetangebots, das es ermöglicht, die Deutsch- und Deutschlandkenntnisse zu trainieren bzw. zu erweitern sowie die notwendigen Informationen für ein künftiges Leben in Deutschland abzurufen und sich mit anderen Zuwandernden zu vernetzen.
Vollständiger Vortrag zu den Ergebnissen (PDF, ca. 0,6 MB)
Deutschland muss weiter an seiner „Willkommenskultur“ arbeiten
In einem Panel zur Einordnung dieser Thematik in die bundesdeutsche und europäische Integrationspolitik diskutierten anschließend Frau Prof. Rita Süssmuth, ehemalige Vorsitzende des Sachverständigenrates für Zuwanderung und Integration, Dr. Michael Griesbeck, Vizepräsident des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge, Dr. Dieter Wiefelspütz, innenpolitischer Experte der SPD, Reinhard Grindel (CDU), Obmann der CDU/CSU-Fraktion im Innenausschuss des Deutschen Bundestages, sowie der Vorstand des Goethe-Instituts, vertreten durch Herrn Dr. Bruno Gross.
Es herrschte trotz unterschiedlicher Positionen zu der gesetzlichen Regelung Konsens darüber, dass Deutschland weiter an seiner „Willkommenskultur“ arbeiten müsse. Dr. Bruno Gross unterstrich, dass in dieser Diskussion zu stark zwischen Integration und Vorintegration, zwischen Innen und Außen, unterschieden werde.
Vorintegration und Übergangsmanagement in anderen Ländern
Antworten auf die Frage, wie andere Länder mit dem Thema umgehen, lieferte Dr. Tineke Strik von der Radboud-Universität Nijmegen am zweiten Konferenztag. In der federführend von ihr durchgeführten und koordinierten Studie INTEC – Integration and Naturalisation Tests: The New Way to European Citizenship wurden Vorintegrations-, Integrations- und Einbürgerungstests und deren Auswirkungen in neun Mitgliedsstaaten vergleichend untersucht. Dabei wurde festgestellt, dass die Kopplung von Tests und Aufenthaltsrecht einzelne Gruppen benachteilige – vor allem bildungsfernere und ältere Menschen.
Vollständiger Vortrag von Dr. Tineke Strik (PDF, ca. 0,2 MB)
Im sich anschließenden Podium „Vorintegrative Maßnahmen – ein Ländervergleich zwischen Deutschland, Frankreich, Kanada, den Niederlanden, Österreich und der Schweiz“, berichteten verschiedene Experten aus Theorie und Praxis zu Aktivitäten und Planungen aus dem Arbeitsfeld der Vorintegration in den genannten Ländern.
Frankreich wurde durch Jean Godfroid, Directeur général im Office Français de l’Immigration et de l’Intégration/Paris vertreten, Kanada durch Pindie Stephen aus der Zentrale der International Organisation for Migration (IOM), die Niederlande durch Dr. Tineke Strik, Österreich durch Mag. Tamara Völker vom Bundesministerium für Inneres in Wien, die Schweiz durch Yüksel Tellici/Fachstelle Migration in Zug und Deutschland durch Klaus-Thomas Frick aus der Zentrale des Goethe-Instituts in München.
Vorintegration unter soziologischen, methodisch-didaktischen und juristischen Gesichtspunkten
Zentrum des zweiten Konferenztages war weiterhin die Vorstellung aktueller Forschungsergebnisse in drei parallelen Workshops: Themen waren dabei der juristische, der methodisch-didaktische und der soziologische Blick auf das Thema „Vorintegration“:
Die juristische Perspektive
Jonathan Leuschner und Prof. Dr. Anne Walter kamen darauf zu sprechen, dass die für Deutschland geltenden Bedingungen zum Ehegattennachzug derzeit gerichtlich geprüft würden. Denn der Zwang eines Sprachnachweises im Herkunftsland verlängere die Trennung der betroffenen Familien und könne in Konflikt mit Artikel 6 des deutschen Grundgesetzes gesehen werden, der den besonderen Schutz von Ehe und Familie garantiert. Eine mögliche Lösung, die auf der Tagung diskutiert wurde, wären Ausnahme- bzw. Härtefallregelungen.
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Zusammenfassung des Workshops „Vorintegration – Das Thema aus juristischer Perspektive“, vorgetragen von Jürgen Lenzko, Leiter der Spracharbeit am Goethe-Institut Jakarta |
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Vollständige Vorträge von
Jonathan Leuschner (PDF, ca. 0,1 MB) und
Prof. Anne Walter (PDF, ca. 0,6 MB)
Die methodisch-didaktische Perspektive
Nimet Tan und Dilek Baskan präsentierten ihre Forschungsergebnisse zum Thema „Sprachvermittlung im Rahmen der Vorintegration“. Wesentliche Ergebnisse waren, dass Methodik und Didaktik des Unterrichts sowie die verwendeten Materialien auf die Zielgruppe nachziehende Ehegatten, die eher einem bildungsfernen Milieu entstammt, ausgerichtet sein müssen. Außerdem wurde festgestellt, dass die Vorintegrationskurse die Herausbildung sozialer Netzwerke fördern.
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Zusammenfassung des Workshops „Sprachvermittlung im Rahmen der Vorintegration“ vorgetragen von Gisela Gibtner, Leiterin der Spracharbeit am Goethe-Institut Rabat/Casablanca |
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Vollständige Vorträge von
Dilek Başkan Akdağ (PDF, ca. 0,5 MB) und
Nimet Tan (PDF, ca. 0,3 MB)
Die sozialwissenschaftliche Perspektive
Dr. Can Aybek und Prof. Dr. Gaby Straßburger befassten sich in einer sozialwissenschaftlichen Studie mit Strategien und Risiken bei der Heiratsmigration. Es überwiegt der Nachzug von Frauen zu ihren Männern, die sog. Patrilokalität, da mit dem Nachzug des Mannes zu seiner Frau ein Statusverlust verbunden wäre. Lange Wartezeiten durch vorausgehende Sprachkurse und Visumsbearbeitung stellen ein Risiko für die Beziehung dar.
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Zusammenfassung des Workshops „Vorintegration – Das Thema aus sozialwissenschaftlicher Perspektive“, vorgetragen von Gerald Kusche, Beauftragter für Sprachkurse und Prüfungsorganisation am Goethe-Institut Bangkok |
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Vollständiger Vortrag von Dr. Can Aybek und Prof. Dr. Gaby Straßburger (PDF, ca. 0,2 MB)
Möglichkeiten und Perspektiven
In einer abschließenden Gesprächsrunde wurde über das Thema „Vorintegration – Möglichkeiten und Perspektiven“ unter der Leitung von Dr. Roland Meinert, Bereichsleiter 'Sprachkurse und Prüfungen' des Goethe-Instituts diskutiert. Dr. Can Aybek vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung betonte noch einmal, dass Migration und Integration kein einzelnes Ereignis, sondern ein Prozess sei und somit auch unterschiedliche Phasen und unterschiedliche Herausforderungen an Zuwandernde und Aufnahmegesellschaft stelle. Dr. Gunilla Fincke, Geschäftsführerin des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration GmbH nahm zu rechtlichen Fragen des Zuwanderungsgesetzes nicht direkt Stellung, sie betonte aber, dass es wohl keine gesteuerte Zuwanderung ohne gewisse Härten für Einzelne geben könne; dies zeige sich auch in den europäischen Nachbarländern. Herr Dr. Matthias Makowski, Abteilungsleiter Sprache des Goethe-Instituts fügte hinzu, dass das Goethe-Institut durch seine Angebote zur Vorintegration und für die Übergangszeit bis zur erfolgten Zuwanderung dazu beiträgt, die Härten für die davon betroffenen Menschen zu mildern und echte Chancen für Integration auf sprachlicher, interkultureller und landeskundlicher Ebene zu bieten. Frau Anja Treichel vom Verband binationaler Ehen und Partnerschaften beschrieb, wie besonders bildungsfern sozialisierte und gering verdienende Menschen von der gesetzlichen Auflage zum Sprachnachweis vor Zuwanderung betroffen seien.
Alle Diskutanten waren sich darin einig, dass Angebote zur Vorintegration sinnvoll und wünschenswert sind und dass allein der Appell an die Freiwilligkeit nicht als Motivation für die Betroffenen ausreichen würde. Es wurde auch festgestellt, dass sich Angebote für Vorintegration und für die Übergangszeit nicht nur für die Gruppe der nachziehenden Ehegatten anbieten, sondern genauso auch für sog. Arbeitsmigranten. Das Abholen von Menschen durch vorintegrative Maßnahmen ist schon ein Stück der vielbeschworenen und doch oft nur schemenhaft beschriebenen Willkommenskultur.
Die Veranstaltung machte insgesamt deutlich, dass abzuwarten bleibt, in welche Richtung sich die Gesetzeslage in den kommenden Jahren bewegen wird. Zum jetzigen Zeitpunkt bleibt festzuhalten, dass ein Netzwerk aus verschiedenen Beratungs- und Sprachkursanbietern seit 2007 daran arbeitet, aus der gesetzlichen Hürde für möglichst viele Menschen eine Chance werden zu lassen. Dass Deutschland und insbesondere das Goethe-Institut hier große Erfolge vorzuweisen haben, wurde von den Veranstaltungsbesuchern in den zwei Tagen immer wieder betont. Wie wichtig der Austausch zwischen Politik, Praxis und Forschung in Bezug auf das Thema sei, unterstrich Dr. Dieter Wiefelspütz, innenpolitischer Experte der SPD, ausdrücklich, indem er dem Goethe-Institut die Empfehlung aussprach, an die Berliner Tagung in regelmäßigen Abständen anzuknüpfen, um so den Dialog weiterzuführen.
Bildergalerie
Programm
Das Tagungsprogramm herunterladen (PDF, ca. 0,5 MB)
Hintergrund
Das Goethe-Institut hat – insbesondere durch seinen Auftrag, über Deutschland zu informieren, den internationalen Kulturaustausch zu unterstützen und die deutsche Sprache im Ausland zu fördern – einen besonderen und direkten Zugang zu dem für Deutschland relevanten Thema Migration und Integration.
Wir versuchen, die Menschen, die für eine längere oder kürzere Zeit nach Deutschland ziehen wollen, bereits in ihrem Herkunftsland mit Informationen und Beratungsangeboten, Sprachkursen und Trainings zur interkulturellen Kompetenz anzusprechen. Eine besondere Rolle spielen in diesem Zusammenhang die nachziehenden Ehegatten.
Das Goethe-Institut engagiert sich seit 2007 in dem Handlungsfeld Vorintegration und bereitet die nachziehenden Ehegatten auf ihr Leben in Deutschland vor. Eng mit der Vorintegration verbunden ist das sogenannte Übergangsmanagement, das sich auf die Zeit zwischen dem Abschluss der Vorintegration und dem Beginn des Integrationskurses in Deutschland bezieht.
Diese beiden Themen hat das Goethe-Institut am 6. und 7. März 2012 mit Experten aus dem In- und Ausland und der interessierten Öffentlichkeit erörtert und ist dabei der Frage nachgegangen, welche Rolle Vorintegration und Übergangsmanagement in Deutschland spielen. Anlass war der Abschluss des Projekts „Evaluierung des Übergangs von der vorintegrativen Sprachförderung zum Integrationskurs“ des











