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Kultur und Kohle. Welterbe Zeche Zollverein

Fördergerüst Schacht XII der Zeche Zollverein; © Thomas WillemsenFördergerüst Schacht XII der Zeche Zollverein; © Thomas WillemsenIm 20. Jahrhundert galt die Zeche Zollverein in Essen als „schönste Zeche der Welt“. Heute ist das Industriedenkmal Welterbe der UNESCO. Wo früher rund 5.000 Bergleute aus dem Ruhrpott malochten, wandern inzwischen Millionen Kunst- und Kulturinteressierte aus aller Welt durch die einstigen Förderhallen.

Wer vom S-Bahnhof im Essener Stadtteil Katernberg zum Schacht 1/2/8 der Zeche Zollverein gehen will, kann sich von gelben Kanarienvögeln leiten lassen. Acht der zwei Meter hohen und 100 Kilo schweren Plastikskulpturen weisen Besuchern auf der „Designallee Zollverein” seit Anfang 2010 den Weg.

Projekt Kanarienvögel von „Axel Hummert Architekten“; © Axel HummertDie Kanarienvögel sind Überbleibsel des Großprojekts RUHR.2010, mit dem sich das Ruhrgebiet als „Europäische Kulturmetropole“ präsentieren wollte. Dabei war die Zeche Zollverein die zentrale Anlaufstation. „Wir haben nach Sympathieträgern gesucht, die einen Bezug zum Bergbau haben”, sagt Architekt Axel Hummert über sein sprachloses Wegeleitsystem. „Da fielen uns die Kanarienvögel ein: Die sind niedlich, nett – und haben einst Leben gerettet.”

Tatsächlich nahmen die Bergarbeiter immer wieder Singvögel als Frühwarnsystem mit in den Stollen: Starb das Tier an giftigem Grubengas, blieb den Kumpeln nur noch wenig Zeit zur Flucht nach oben. 

Denkmalpfad Zollverein; © Thomas Willemsen 

Symbol des Wandels

Blick ins Publikum bei der Eröffnung der Kulturhauptstadt Europas RUHR.2010 auf dem Welterbe Zeche Zollverein beim Festakt im Januar 2010; © Manfred VollmerMit ihren knallgelben Plastikkörpern stehen die Essener Kanarienvögel stellvertretend auch für das, was die Aktionen der Zeche Zollverein zur RUHR.2010 im Rückblick waren: sympathisch und medienwirksam, teils witzig, teils bombastisch, oft grandios – und manchmal auch ein bisschen kitschig. Fast immer aber hatten die Aktionen Bezüge zum Bergbau der Region. Denn die Zeche Zollverein soll im Herzen der Kulturhauptstadt Europas als „industrielle Kulturlandschaft” vor allem dafür werben, wie eindrucksvoll sich das Ruhrgebiet von einem Schmelztiegel der Kohle- und Eisenindustrie zur Kulturstätte gewandelt hat.

Portal der Industriekultur; © Matthias DuschnerAuf 100 Hektar Fläche ist die Zeche Zollverein heute ein Terrain mit Museen und Veranstaltungsorten für Ausstellungen, Tanzevents und Musikkonzerte. Auf einem „Denkmalpfad” können Besucher entlang riesiger Maschinen und Transportbänder dem „Weg der Kohle” von der Förderung bis zur Verladung folgen. Aber auch Restaurants, Cafés, Geschäfte und Firmen, ein Solarkraftwerk und eine keramische Werkstatt haben sich in Waschkaue und Mischanlage angesiedelt, ebenso finden hier Kongresse, Tagungen und Produktpräsentationen statt.

Ein Wildwuchspark mit Ringpromenade und Kunstpavillons soll Ausflügler und Jogger locken. Im Sommer können Besucher im Werksschwimmbad der Kokerei im Freien baden, im Winter auf dem vereisten Druckmaschinengleis Schlittschuh fahren. Und ein Riesenrad gewährt Besuchern einen Blick über das Ruhrgebiet und ins Innere der Koksöfen. 

Kokerei der Zeche Zollverein; © Thomas Willemsen

 

Mammuts und Altäre

Wie stark die Zeche Zollverein versucht, die Tradition in ein modernes Nutzungskonzept zu integrieren, zeigt nicht zuletzt das 2010 in der ehemaligen Kohlewäsche eröffnete Ruhr Museum, das als „historisches Gedächtnis des Ruhrgebiets” auch mittelalterliche Altäre und ein Mammutskelett zu seinen Exponaten zählt. Aber auch ein innovatives „Kreativzentrum” will die Zeche sein: So hat das red dot design museum des Design Zentrums NRW im ehemaligen Kesselhaus Einzug gehalten.

SANAA-Gebäude auf der Zeche Zollverein; © Thomas WillemsenDas red dot design museum wurde von Sir Norman Foster umgestaltet – so wie die Zeche Zollverein überhaupt versucht, Entwürfe namhafter Architekten in ihr Konzept mit einzubeziehen. Den Masterplan zur sinnvollen Einbindung des Geländes ins öffentliche Leben besorgte 2001 der Niederländer Rem Koolhaas. Und der vom japanischen Architekturbüro SANAA entworfene lichtdurchflutete Würfel der Zollverein School of Management and Design mit seiner von 134 Fenstern durchbrochenen Fassade erhielt 2010 den Architekturpreis Nike „für die beste städtebauliche Symbolik“.

SANAA-Gebäude auf der Zeche Zollverein; © Thomas Willemsen

 

Kritik am Umbau

Nicht immer vollzog sich der Wandel zum Kultur- und Eventzentrum kritiklos. Denkmalschützer etwa monierten, dass die maschinelle Ausstattung für die Umnutzung der ehemaligen Kohlenwäsche im Rahmen der Design- und Architekturschau „Entry2006“ nicht beibehalten werden konnte und der Anbau einer gigantischen, 58 Meter langen Rolltreppe – die größte ihrer Art in ganz Europa – stark in die Anmutung der Gesamtanlage eingriff.

Kokerei mit Freiluftrolltreppe; © Thomas WillemsenFür die UNESCO war dies allerdings kein Grund, der Zeche Zollverein den fünf Jahre zuvor verliehenen Status als Welterbe der Vereinten Nationen wieder abzuerkennen. Für die Kommission blieb der Industriekomplex „ein repräsentatives Beispiel für die Entwicklung der Schwerindustrie in Europa“, deren „vom Bauhhausstil beeinflusste Architektur für Jahrzehnte für den modernen Industriebau bespielgebend war“.

Die „schönste Zeche der Welt“

Fördergerüst Zeche Zollverein; © Thomas WillemsenArchitektonisch herausragend ist dabei vor allem der von Fritz Schupp und Martin Kemmer entworfene Schacht XII mit seinen geometrisch angeordneten Gebäudekuben aus rotem Backstein, damals die größte und modernste, auch ästhetisch vollends dem industriellen Rationalismus der Zeit verpflichtete Steinkohleföderanlage der Welt. Ihr ebenso imposantes wie formschönes, 55 Meter hohes Doppelbockfördergerüst von 1930 erstreckte sich über dem 1.040 Meter tiefen Schacht: Bis heute ist es Markenzeichen des ganzen Terrains – ein Markenzeichen zudem, das sich auf „Revierkult T-Shirts”, „Ruhrpott Wollmützen” und anderen Merchandising-Produkten bestens vermarkten lässt.

Schacht XII verschaffte der Industrieanlage den internationalen Ruf, die „schönste Zeche der Welt“ zu sein. Mit seiner Inbetriebnahme 1932 wurde Zollverein mit 12.000 Tonnen täglicher Kohleföderung – so viel wie im ganzen Gründungsjahr 1851 – zur größten Zeche des Ruhrgebiets.

Kokerei mit Freiluftrolltreppe; © Thomas Willemsen

 

Die „verbotene Stadt“ als Publikumsmagnet

Aus aller Herren Länder pilgerten Experten nach Essen, um das Wunderwerk der Technik zu bestaunen: Für Bergleute war der Zutritt zu diesem überirdischen Teil der Anlage verboten. Tatsächlich arbeiteten hier über Tage nur rund 200 Menschen; in wirtschaftlichen Spitzenzeiten waren es unter Tage mehr als 5.000 Kumpel.

Fördergerüst Schacht XII der Zeche Zollverein; © Thomas WillemsenDas änderte sich erst Ende 1986, als die Zeche Zollverein wegen internationaler Konkurrenz nach 135 Jahren den Betrieb einstellen musste. Kurz zuvor hatte ein Ministererlass der Landesregierung das Ensemble zum Denkmal erklärt; das Terrain wurde vom Land Nordrhein-Westfalen aufgekauft. 1999 waren die Sanierungsarbeiten abgeschlossen. Heute wandern jedes Jahr rund eine Million Besucher durch die einstmals „verbotene Stadt“.

Rettung vorm Vergessen

Mitte Oktober 2010 gaben die RAG Montan Immobilien und die Stiftung Zollverein bekannt, in den nächsten Jahren rund 200 Millionen Euro in die Zeche Zollverein investieren zu wollen.

Der Knappenverein „Glückauf Bochum-Werne1884“ mit einem historischen Foto der Zeche Engelsburg in Bochum vor dem dazugehörigen Schachtzeichen auf dem heutigen Gelände; © RUHR.2010/Michael GroslerDas Geld ist gut angelegt: Wie wichtig das Industriedenkmal für das Ruhrgebiet als weltweit einzigartiges Zeichen des Industriezeitalters inzwischen ist, zeigte nicht zuletzt Mitte des Jahres die Kunstaktion „Schachtzeichen” der Ruhr.2010, bei der 300 gelbe Heißluftballons über den Standorten ehemaliger Zechen schwebten:

Denn viel war unter den meisten Schachtzeichen nicht mehr zu sehen. Dort, wo etwa in Mülheim einst die Zeche Humboldt stand, erhebt sich heute ein riesiges Einkaufszentrum. Das Bergwerk Haard in Oer-Erkenschwick musste einem Naherholungsbiet weichen. Und an die Zeche Vereinigte Welheim in Bottropp erinnern nur noch zwei Rohre auf dem Parkplatz eines Möbelhauses.

Thomas Köster
leitet ein Redaktionsbüro und arbeitet als Kultur- und Wissenschaftsjournalist (Frankfurter Allgemeine Zeitung, Süddeutsche Zeitung, NZZ am Sonntag, Westdeutscher Rundfunk) in Köln.

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Mai 2011

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