Deutsch als Wissenschaftssprache – Dossier

Memorandum des DAAD

© DAAD/ Bosse und Meinhard, Wissenschaftskommunikation
© DAAD/ Bosse und Meinhard, Wissenschaftskommunikation
Der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) zählt die Förderung der deutschen Sprache zu seinen wesentlichen strategischen Zielen. Als Organisation der deutschen Hochschulen sieht er sich in der Pflicht, die Rolle des Deutschen als Wissenschaftssprache aktiv zu stärken.

Er lässt sich dabei von einem international zusammengesetzten Beirat Germanistik beraten, auf dessen Empfehlungen das vorliegende Memorandum beruht.

Wissenschaftssprache wird hier in einem weiten Sinn verstanden als die Sprache der Lehre an den Hochschulen, der Kommunikation zwischen Forschern auf Kongressen und im wissenschaftlichen Alltag sowie die Sprache der Publikationen mit ihrer je spezifischen Terminologie. Die deutsche Wissenschaftssprache ist ein historisch gewachsenes, traditionsreiches und komplexes Gut. Sie stellt eine essentielle Ressource wissenschaftlicher Erkenntnis und Kreativität dar und gewährleistet die Vitalität der Gemeinsprache sowie die Vermittlung wissenschaftlicher Ergebnisse an ein nicht-wissenschaftliches Publikum.

Gleichzeitig findet in Deutschland – wie auch in anderen Ländern – eine zunehmende Hinwendung zum Englischen in wissenschaftlichen Publikationen, auf Tagungen und auch in der Lehre statt. In einigen Disziplinen, insbesondere in den Naturwissenschaften, wird das Englische auf absehbare Zeit die internationale fachliche Kommunikation beherrschen. Das ist ein Effekt der wachsenden Bedeutung multilateraler Kooperationen, die in einem verschärften weltweiten Wettbewerb um Forschungsgelder, Nachwuchswissenschaftler und Studierende stehen, sowie der wachsenden Relevanz vergleichender Evaluationen.

Die Internationalisierung der deutschen Hochschulen zu unterstützen und mit voranzutreiben gehört ebenso wie die Förderung des Deutschen zu den Kernaufgaben des DAAD. Der Herausforderung, vor die uns die Dominanz des Englischen als internationale Wissenschaftssprache stellt, begegnen wir mit einem klaren Bekenntnis zur akademischen Mehrsprachigkeit und sehen uns dabei mit anderen deutschen Wissenschaftsorganisationen einig – siehe hierzu die gemeinsame Pressemitteilung des DAAD mit der Alexander-von-Humboldt-Stiftung, dem Goethe-Institut und der Hochschulrektorenkonferenz vom 18. Februar 2009.

Die Stärkung des Deutschen als Wissenschaftssprache ist für uns zentraler Bestandteil der Förderung akademischer Mehrsprachigkeit. Der DAAD verfolgt daher folgende sprachpolitische Leitlinien:

  • Exzellente Wissenschaft ist Werbung für die deutsche Sprache:

    Die internationale Attraktivität einer Sprache steht im engen Zusammenhang mit der wirtschaftlichen, kulturellen und wissenschaftlichen Bedeutung des Landes, in dem sie gesprochen wird. Nur wenn wir über exzellente Forschungs-, Publikations- und Lehrbedingungen verfügen, können Angebote deutscher Hochschulen ins Ausland ausstrahlen und ein Interesse an Deutschland wecken, das sich auf die Sprache, die dieses Land spricht, ausdehnen wird. Das sollte in den Angeboten der einzelnen Fächer berücksichtigt werden.

    Für einige geistes- und kulturwissenschaftliche Fächer gilt Deutsch nach wie vor als internationale Wissenschaftssprache (so etwa im „Arts & Humanities Citation Index“ und im „Social Science Index“); wo die Fachkultur aber Publikationen auf Englisch erforderlich macht, müssen Wege gefunden werden, Forschungsergebnisse auch auf Deutsch zugänglich zu machen. In internationalen Studiengängen, in denen die Lehre auf Englisch stattfindet, sowie in deutschsprachigen Studiengängen im Ausland muss ein studienbegleitender Unterricht in deutscher (Fach-) Sprache integraler Bestandteil des Studiengangs sein, der sowohl die soziale Integration ausländischer Studierender und Gastwissenschaftler verbessert als auch eine langfristige Bindung an Deutschland ermöglicht.

  • Sprachliche Vielfalt und Internationalisierung schließen sich nicht gegenseitig aus:

    Im internationalen Austausch muss der sprachliche Zugang zu anderen Wissenskulturen sowohl über eine „Lingua franca“ gewährleistet sein als auch über Möglichkeiten, die Sprache der anderen Kultur zu erlernen. Wir müssen dafür Sorge tragen, dass zwischen ausländischen und inländischen Hochschulen keine unüberwindbaren Kommunikationsbarrieren bestehen; wir müssen aber auch gewährleisten, dass in der wissenschaftlichen Zusammenarbeit der Erwerb der deutschen Sprache als Zugang zu einem renommierten Wissenschafts- und Kulturstandort wahrgenommen wird und wahrgenommen werden kann. Das bedeutet, dass wir die eigene Sprache noch stärker als bisher mit einem entsprechenden Selbstbewusstsein pflegen und einsetzen müssen.

  • Eine mehrsprachige Wissenschaft ist auf qualifizierten Fremdsprachenunterricht an den Schulen angewiesen:

    Auch wenn es nicht im unmittelbaren Zuständigkeitsbereich des DAAD liegt, weisen wir doch auf den Zusammenhang zwischen einer guten Fremdsprachenausbildung an den Schulen als Voraussetzung für eine mehrsprachige Wissenschaft hin. Deutschland muss hier mit gutem Beispiel vorangehen. Es liegt an uns, diesen Aspekt in den politischen Diskurs zu tragen und zugleich im In- und Ausland in eine exzellente Ausbildung für Lehrer zu investieren, die Deutsch als Fremdsprache unterrichten. Dazu zählt auch unser weltweites Netz von Lektorinnen und Lektoren, die sich mit moderner Didaktik in der Deutschlehrerausbildung an den ausländischen Hochschulen engagieren.

    Eine besondere Bedeutung in der frühen Vorbereitung auf Deutsch als Wissenschaftssprache kommt den deutschen Auslandsschulen zu, wo Fach- und Sprachvermittlung miteinander verzahnt sind. Die besten nicht-muttersprachlichen Absolventen dieser Schulen fördert der DAAD mit Stipendien für ein Studium an deutschen Hochschulen und gewinnt damit hochmotivierten Nachwuchs für die deutsche Wissenschaft.

Vor dem Hintergrund dieser sprachpolitischen Überzeugungen fördert der DAAD Deutsch als Wissenschaftssprache auf drei Ebenen:

  • Sprachliche Vorbereitung:

    Wer die deutsche Sprache erwirbt, verschafft sich Zugang zu Wissenschaft und Kultur, Diskursen und Ideen in den deutschsprachigen Ländern und Mitteleuropa. Mit seinem umfassenden Angebot an sprachlicher Vorbereitung für ausländische Studierende und Wissenschaftler, die nach Deutschland kommen, wird der DAAD dem Anspruch gerecht, ausländischen Gästen eine entsprechende „Deutschlandkompetenz“ zu ermöglichen. Er bietet seinen Stipendiaten dazu bis zu sechsmonatige Sprachkurse in Deutschland ebenso wie online-Kurse zum Fernstudium an. Darüber hinaus engagiert sich der DAAD dafür, dass der Nachweis von deutschen Sprachkenntnissen weltweit transparent und standardisiert erfolgen kann, weshalb er sich maßgeblich an der Entwicklung des TestDaF beteiligt hat.

  • Fachliche Kooperationen:

    Mit der Förderung von deutschsprachigen Studiengängen in Mittel-/Osteuropa und in der Gemeinschaft unabhängiger Staaten (GUS) sowie von Doppeldiplomprogrammen und Exportstudiengängen deutscher Hochschulen weltweit schafft der DAAD Gelegenheiten zu fachlichen Kooperationen, die auch in naturwissenschaftlichen oder technischen Fächern einen interkulturellen Dialog zeitigen.

    Darüber hinaus geschieht der Zugang zu Wirtschaft, Politik und Gesellschaft nicht zuletzt über die Sprache, und die Beherrschung des Deutschen ist häufig auch von ökonomischer Bedeutung. Für die englischsprachigen Studienangebote, wie sie beispielsweise in Asien, Nahost und anderen Wachstumsregionen mit Unterstützung des DAAD bestehen, gilt das in ähnlicher Weise: Über deren fachliche Attraktivität werden ausländische Studierende an den Wissenschaftsstandort Deutschland gebunden und motiviert, Deutsch zu lernen.

    Um diesen Effekt sicherzustellen, setzt sich der DAAD für integrierte, obligatorische Sprachlernangebote ein. Die Gründung deutscher Universitäten wie etwa der Deutsch-Jordanischen Hochschule in Amman zeigen bereits, dass sie zu einem deutlichen Aufschwung der deutschen Sprache in der Region führen.

  • Unterstützung der Germanistik:

    Die Nachfrage nach Deutsch als Fremdsprache an ausländischen Hochschulen muss durch attraktive Angebote geweckt bzw. verstetigt werden. Das Fach Germanistik ist an vielen Orten der Welt in einer schwierigen Situation und hat vielfach mit sinkenden Studierendenzahlen zu kämpfen. Es kommt daher darauf an, die ausländischen Institute bei der kontinuierlichen Modernisierung der germanistischen Curricula zu unterstützen.

    Das betrifft zum einen die pragmatische Öffnung des Fachs zur Vermittlung von berufsrelevanten Kompetenzen, zum anderen aber auch die Sicherung seines philologischen Kerns sowie seiner Rolle in der Vermittlung der Sprache der deutschen Geisteswissenschaften. Der DAAD bietet daher eine gezielte Germanistikförderung an, die neben dem weltweiten Netzwerk von Lektoren die Förderung von Institutspartnerschaften, Semesterstipendien für Germanisten sowie die systematische Kooperation mit den Fachverbänden im In- und Ausland umfasst, um das vielfältige Profil der akademischen Deutschvermittlung auf Tagungen und Publikationen zu schärfen.

    In denjenigen Regionen der Welt, in denen ein wachsendes Interesse an Deutschland und an Deutsch als Fremdsprache zu verzeichnen ist, investiert der DAAD darüber hinaus in eine qualifizierte Deutschlehrerausbildung und fördert DaF-Masterstudiengänge für ausländische Studierende im In- und Ausland.
Der Erhalt und die Pflege des Deutschen als Wissenschafts- und Kultursprache zielt zum einen darauf, deutschen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern die Möglichkeit zu bewahren, ihre Erkenntnisse in der eigenen Muttersprache zu erzielen und zu vermitteln, d.h. mit einer sprachlichen Nuancierung, wie sie in der Fremdsprache nur selten erreicht werden kann.

Ebenso ist es eine Frage der kulturellen Selbstachtung sowie der Höflichkeit, mit deutschsprachigen ausländischen Kollegen auf deutschlandbezogenen Veranstaltungen auch auf Deutsch zu kommunizieren.

Angesichts der Internationalisierung unserer Hochschulen muss zugleich sichergestellt werden, dass deutsche Forschung aus allen Fachgebieten ihre weltweite Resonanz findet. Daher verfolgen wir mit unserer Strategie der aktiven Sprachförderung zwei Richtungen: Zum einen soll Deutsch auf internationalen Tagungen als Arbeits- und Konferenzsprache gelten, wenn die Mehrheit der Teilnehmerinnen und Teilnehmer die deutsche Sprache beherrscht; hierzu bedarf es neuer Mittel zur Finanzierung von Übersetzungsdiensten. Zum anderen muss die Mehrsprachigkeit der deutschen Studierenden und Wissenschaftler gefördert werden, um ihnen eine qualifizierte Fachkommunikation auch auf Englisch und in anderen Fremdsprachen zu ermöglichen.

In der Vielzahl unserer Förderprojekte wird täglich deutlich, welche Bereicherung es bedeutet, Deutsch als Wissenschaftssprache zu beherrschen. Die sprachliche Identität des Wissenschaftsstandorts Deutschland zu wahren und weiterzuentwickeln ist auch Aufgabe des DAAD selbst in seiner Rolle als weltweit aktiver Mittlerorganisation. Der DAAD verpflichtet sich daher, in der eigenen Kommunikation nach innen wie nach außen darauf zu achten, dass das Deutsche prioritär und das Englische und weitere Fremdsprachen in Ergänzung verwendet werden. Das Ziel der internationalen Verständigung soll auch hier in einer systematischen Mehrsprachigkeit sichtbar werden.
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