Kulturelle Vielfalt und die Zukunft großer Kultursprachen

Ergebnisse des Live-Chats mit Prof. Dr. Ammon

Copyright: PixelQuelle.deHat Deutsch als Wissenschaftssprache eine Zukunft? Welche Rolle spielt Deutsch in der EU? Fragen wie diese beantwortete Prof. Dr. Ulrich Ammon von der Universität Duisburg beim zweiten Live-Chat am 7. Februar 2007.

Biografisches zu Die Macht der Sprache-Gastchatter Nummer 2:
Prof. Ammon; Copyright: Prof. AmmonProf. Ammon ist seit 1980 Professor für Germanistische Linguistik mit dem Schwerpunkt Soziolinguistik an der Gerhard-Mercator-Universität Duisburg und war Gastprofessor an zahlreichen ausländischen Universitäten. Seine Schwerpunkte in Lehre und Forschung sind Soziolinguistik und Sprachsoziologie, Internationalsprachenforschung, Sprachenpolitik, Dialektologie, neuere Geschichte der deutschen Sprache und Sprachdidaktik. Seine Publikationen umfassen Werke wie Die internationale Stellung der deutschen Sprache, Die deutsche Sprache in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Das Problem der nationalen Varietäten, Ist Deutsch noch internationale Wissenschaftssprache? Englisch auch für die Hochschullehre in den deutschsprachigen Ländern. Ulrich Ammon ist Mitherausgeber und Mitglied im Editorial Board von mehreren Zeitschriften. Seit 2003 ist er Präsident der Gesellschaft für Angewandte Linguistik (GAL). Prof. Ammon ist auch Mitglied des Internationalen Rats des Instituts für Deutsche Sprache in Mannheim und Mitglied des Beirats Sprache des Goethe-Instituts.


Moderator: Hallo und Guten Tag! Herzlich willkommen zum zweiten Live-Chat im Rahmen von Die Macht der Sprache mit Prof. Ammon.

Betty_Montreal: Bei uns in Kanada muss immer alles zweisprachig sein. Viele beklagen sich jedoch über die hohen Übersetzungskosten. Das muss in der internationalen Wissenschaft ja noch viel dramatischer sein. Sollte man sich nicht einfach auf eine Sprache einigen?

Prof.Dr.Ammon: Das ist eine sehr schwierige und umstrittene Frage. Es gibt die Auffassung, dass mehrere Sprachen mehrere Perspektiven auf ein Problem fokussieren und dass es eine Simplifizierung der Sicht werden könnte, wenn man eine einzige Sprache verwendet. Bei einer einzigen Sprache als Wissenschaftssprache sind die Muttersprachler dieser Sprache auch gegenüber allen anderen extrem im Vorteil. Ein besonderes Problem ist das für Angehörige von Sprachgemeinschaften, deren Sprachen bisher ebenfalls wichtige Wissenschaftssprachen waren. Z.B. Deutsch, Französisch, Spanisch oder Japanisch. Die Wissenschaftler solcher Sprachen sind nicht ohne Weiteres bereit, ihre Sprache als Wissenschaftssprache as acta zu legen.

Juri: Guten Tag. Ich habe eine Frage: Deutsch als Sprache in Wissenschaft? Ich denke, mehr Englisch ist in Wissenschaft als Deutsch? Ist das richtig?

Prof.Dr.Ammon: Das ist völlig richtig. Deutsch ist heute eine weniger wichtige Wissenschaftssprache als Englisch. Insbesondere in den Naturwissenschaften und Technologien dominiert Englisch in der wissenschaftlichen Kommunikation. Aber in den Geisteswissenschaften einschließlich mancher Richtungen der Wirtschaftswissenschaften oder in der Jurisprudenz spielt Deutsch immer noch eine wichtige Rolle, auch in der internationalen Kommunikation. Die deutschen Wissenschaftler bemühen sich in letzter Zeit, die Stellung des Deutschen als Wissenschaftssprache zu erhalten und zu stärken.

lexus: Herr Professor Ammon, wir sind Studentinnen der Fakultät für Fremdsprachen des Komi Pädagogischen Instituts. Wir mochten Ihre Meinung erfahren. Deutsch ist unser Hauptfach, und wir haben es leider nur zweimal in der Woche. Ist es genug?

Prof.Dr.Ammon: Vielleicht handelt es sich um ein japanisches Institut? Dazu würde passen, dass Sie nur 2x in der Woche Deutschunterricht haben. Meines Erachtens ist das überhaupt nicht genug, vor allem wenn man von einer so andersartigen Sprache wie Japanisch ausgeht. Ich hoffe sehr, dass Sie außer ihrem regulären Deutschunterricht weitere Gelegenheiten haben, Ihre Deutschkenntnisse zu verbessern.

Karin_Lima: Bei uns in Lima/Peru gibt es immer eine Gruppe von Philosophie-Studenten, die Deutsch lernen, weil sie die spanischen Übersetzungen nicht für gut halten. Ist das in vielen Ländern so?

Prof.Dr.Ammon: Ja, denn im Fach Philosophie ist Deutsch nach wie vor eine wichtige Wissenschaftssprache. Die deutschen Philosophen kann man meist nur im Originaltext richtig verstehen. Zwar gibt es die Behauptung, dass manche deutsche Philosophen in englischer Übersetzung leichter zu verstehen seien als auf Deutsch. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich jedoch, dass diese Übersetzungen oft gedankliche Verkürzungen enthalten. Über die spanischen Übersetzungen weiß ich nichts Genaues. Ich nehme jedoch an, dass es hier nicht viel anders ist als bei den englischen Übersetzungen. Genaues Verstehen bedeutet noch nicht, dass der ursprüngliche Text auch in seiner richtigen Bedeutung verstanden ist.

Kathi: Herr Professor, hat Deutsch als Wissenschaftssprache eine Zukunft?

Prof.Dr.Ammon: Diese Frage wird immer wieder gestellt. Angesichts der Dominanz von Englisch in den Naturwissenschaften und Technologien erscheint sie sehr berechtigt. Aus zwei Gründen sollte man Deutsch als Wissenschaftssprache jedoch nicht aufgeben: 1.) weil es in fast allen wissenschaftlichen Disziplinen sehr wichtige klassische Texte in deutscher Sprache gibt, z.B. Einsteins Relativitäts-Theorien oder Kants Kritik der reinen Vernunft. Viele weitere könnte man leicht nennen. 2.) weil Deutsch in den Geisteswissenschaften im weiteren Sinn nach wie vor eine wichtige Rolle spielt. So publizieren deutsche Geisteswissenschaftler nach wie vor weitgehend auf Deutsch, während deutsche Naturwissenschaftler oft schon mehr auf Englisch als auf Deutsch publizieren. Ihre Frage ist also im Wesentlichen zu bejahen.

Betty_Montreal: Wenn es für Ihre EU eine Zwei-bis-drei-Sprachenregelung gäbe, wer würde dann entscheiden, welche Sprachen dies wären? Also welche 2-3 Sprachen EU-Amtssprachen würden?

Prof.Dr.Ammon: Derzeit gibt es 23 EU-Amtssprachen (bei 27 Mitgliedsstaaten). Davon sind bis zu 5 interne Arbeitssprachen der Institutionen. Die wichtigsten Arbeitssprachen sind Englisch, Französisch und Deutsch - in dieser Reihenfolge. Es wird in jeder einzelnen Institution ausgehandelt, welche Arbeitssprachen verwendet werden. Deutschland ist in letzter Zeit sehr bedacht darauf, dass Deutsch als Arbeitssprache erhalten bleibt. Die Zahl der Amtssprachen, also 23, könnte nur durch einen einstimmigen Beschluss des EU-Parlaments und des Rats der Europäischen Union geändert werden. Sie ist festgelegt in der VO 1 und praktisch unveränderlich, weil sich immer irgendwelche Mitgliedsstaaten gegen den Ausschluss ihrer Sprache von den Amtssprachen wehren würden. Die Amtssprachen dienen der Kommunikation zwischen EU-Institutionen und den Mitgliedsstaaten, während die Arbeitssprachen für die Arbeit in den Institutionen verwendet werden.

Engel: Herr Prof. Ammon, wir studieren die deutsche Sprache und möchten wissen: Ist Deutsch in der Businesssphäre verbreitet?

Prof.Dr.Ammon: Ja, aber man muss differenzieren. Die großen Unternehmen, die "Global Players" verwenden als offizielle Unternehmenssprache häufig das Englische, meist neben dem Deutschen. Sie begründen dies damit, dass die Kommunikation in ganz verschiedene Länder gehen muss und nicht immer übersetzt werden kann. Englisch ist aber die weitest verbreitet Sprache. Kleinere und mittlere Betriebe bedienen sich viel häufiger des Deutschen. Ihre inter. Kontakte sind nicht so vielfältig und sie haben auch nicht die Fremdsprachenkenntnisse, die für die Verwendung des Englischen erforderlich wären. Neuerdings versuchen verschiedene Vereine und Personen, gelegentlich auch die Bundesregierung, auf die großen dt. Firmen einzuwirken, dass sie das Deutsche als Teil ihrer Unternehmenskultur wieder stärker pflegen. Insbesondere wäre es wichtig - und das wird auch vom Goethe-Institut so gesehen -, dass Deutschkenntnisse bei der Einstellung in diesen Firmen als Qualifikation anerkannt werden, sofern natürlich die notwendigen Sachkenntnisse vorhanden sind.

Juri: Ich habe irgendwo gelesen: "Die Flucht in das Englische verhindert die Weiterentwicklung der deutschen Wissenschaftssprache." Was meinen Sie bitte, Herr Professor?

Moderator: liebe Chat-Teilnehmer aus Komi, Entschuldigung, wenn wir Ihre Stadt nach Japan "verlegt" haben. Und zur Aufklärung für alle anderen Chatter: Komi ist eine russische Republik im europäischen Norden.

Prof.Dr.Ammon: Tatsächlich ist das ein Problem in den Fächern, in denen Englisch die dominante internationale Wissenschaftssprache ist (die meisten Naturwissenschaften und Technologien). Hier ist es für deutsche Wissenschaftler einfacher, die schon etablierte englischsprachige Terminologie zu verwenden oder sogar selbst englische Termini zu bilden. Andernfalls müssen sie zwei Mengen von Termini handhaben, englische und deutsche, was sehr anstrengend und gelegentlich auch verwirrend sein kann - vor allem in Wissenschaften mit sehr vielen Termini. Es entsteht dann gelegentlich eine Art Mischsprache, die in ihrer Struktur deutsch ist, aber englischsprachige Termini enthält. Man sollte diese Entwicklung nicht dramatisieren, denn früher waren es an Stelle englischsprachiger Termini lateinische oder griechische Termini. Etwas anderes sind die Geisteswissenschaften im weiteren Sinn; dort werden nach wie vor in aller Regel deutschsprachige Termini verwendet und gebildet.

Ilva_Goeteborg: Während meiner Schulzeit war Deutsch unter uns sehr beliebt, aber jetzt lernen immer weniger Schüler es. Warum gibt es diese Tendenz in Schweden?

Prof.Dr.Ammon: In den skandinavischen Ländern ist die Anglifizierung am weitesten Fortgeschritten. Ähnlich ist es allenfalls noch in den Niederlanden. Vor allem haben sich die Wissenschaftler in diesen Ländern in hohem Maße dem Englischen verschrieben. Ein Grund ist sicher, dass das Englische von diesen Sprachen aus so leicht zu lernen ist wie das Deutsche. Ein anderer, dass diese Länder besonders große Sympathie mit der angelsächsischen Kultur haben. Ein Indiz dafür ist der besondere Erfolg angelsächsischer Popmusik in diesen Ländern. Es ist schwer abzuschätzen, ob sich diese Tendenz noch weiter intensiviert. Eigentlich wäre es für Schweden vernünftig, weiterhin auch andere Sprachen zu lernen, wie Deutsch oder Französisch. Die Wirtschaftskontakte sind zu den deutschsprachigen Ländern nicht weniger gewichtig als zu den englischsprachigen Ländern. Vermutlich macht sich dieser Faktor mit der Zeit auch im Sinne eines wieder etwas verstärkten Deutschlernens bemerkbar.

KomiPaedHochschule: Der Bereich der deutschen Sprache als 1. Fremdsprache wird in letzter Zeit an Schulen in Russland immer mehr eingeschränkt, unter dem Vorwand:" Dies möchten die Eltern". Dabei ist die BRD wohl der größte Handelspartner von Russland. Deutschlehrer sind in dieser Situation manchmal ratlos. Wie ist dem entgegenzuwirken?

Prof.Dr.Ammon: Am besten dadurch, dass man die Intensität der Handelsbeziehung zwischen Russland und den deutschsprachigen Ländern immer wieder nachhaltig betont. Allerdings wäre es von deutscher Seite aus auch wichtig, den deutschen Betrieben zu vermitteln, dass sie auf Deutschkenntnissen bestehen sollen oder Deutschkenntnisse bei Stellenbewerbungen honorieren sollen. Hier fehlt es bisweilen am richtigen Bewusstsein. Deutsche glauben häufig, es sei höflicher, wenn sie nicht Deutsch sondern Englisch oder eine andere Fremdsprache sprechen. Das ist sicher nicht im Interesse der Deutschlerner in Russland. In Deutschland setzen sich inzwischen viele Personen und auch Vereine dafür ein, dass hier ein Bewusstseinswandel eintritt.

Harry_Hildesheim: Ich überlege gerade, DAF zu studieren. Lohnt sich das überhaupt noch? Wollen die Leute überhaupt noch Deutsch lernen? Find den Live-Chat übrigens voll cool!!!

Prof.Dr.Ammon: Ich gehe davon aus, dass Sie Deutscher sind und in Hildesheim leben. Es ist etwas schwierig, Ihre Frage eindeutig zu beantworten, da in keinem Fach die Zukunftschancen sicher vorausgesagt werden können. Ganz bestimmt ist es aber nicht so, dass DAF in den nächsten Jahren vollkommen an Bedeutung verliert. Es könnte sein, dass mehr Studierende DAF wählen, als es nachher Stellen gibt. Bei entsprechendem Engagement halte ich die Berufsaussichten aber für durchaus nicht ungünstig. Ich möchte noch einmal betonen, dass eine Prognose für alle Fachrichtungen sehr schwierig ist.

Kathi: Herr Professor, wie viele Sprachen beherrschen Sie?

Prof.Dr.Ammon: Da haben Sie mich bei einer meiner Schwächen erwischt. Ich kann insgesamt 4 Sprachen sprechen, wenn man auch den schwäbischen Dialekt dazu zählt, den ich ausgezeichnet beherrsche. Aber darüber hinaus kann ich noch 4-5 Sprachen lesen und teilweise mündlich verstehen. Bei Sprachen, die ich seltener verwende, bin ich dann auf ein Wörterbuch angewiesen. Bitte vergessen Sie nicht, dass ich Professor für germanistische Linguistik und nicht für Fremdsprachen bin.

Juri: Denken Sie, dass es eine "Globalisierung der Wissenschaft" gibt? Ich meine, es ist gut, wenn Wissenschaftler aus vielen Ländern untereinander diskutieren. Dafür ist Englisch vielleicht besser als Deutsch, oder?

Prof.Dr.Ammon: Ja, bis zu einem gewissen Grad gibt es diese Globalisierung, vor allem in den Wissenschaften, die sich auf allgemeine, die ganze Welt oder das ganze Universum betreffende Gegenstände beziehen: Vor allem die Naturwissenschaften. Die Geistes- und Sozialwissenschaften sind demgegenüber häufig bezogen auf bestimmte Regionen oder auf einzelne Länder. Deshalb spielen in ihnen auch die dort vorherrschenden Sprachen nach wie vor eine wichtige Rolle in der wissenschaftlichen Kommunikation. Alle angewandten Wissenschaften sind auf die Kommunikation mit den Laien, ihren Anwendern, angewiesen. Beispiele sind die Agrar- oder Forstwissenschaften im Gegensatz zur Biologie. Diese angewandten Wissenschaften können ebenfalls auf die Verwendung der Muttersprachen ihrer Anwender nicht verzichten. Das sind Einschränkungen der Globalisierung der Wissenschaften, die in absehbarer Zeit auch nicht aufhebbar sind.

Milana_18: Guten Abend, Prof. Dr. Ulrich Ammon! Ich bin aus Russland. Jetzt spreche ich Deutsch nicht besonders gut. Aber in der Zukunft möchte ich meine Kenntnisse in Deutsch verbessern. Ich meine, dass es nicht besonders leicht ist. Deutsch ist die schwierige Sprache. Was meinen Sie dazu? In welcher Zeit kann man Deutsch erlernen?

Prof.Dr.Ammon: Das ist natürlich eine sehr relative Frage, weil es zum einen auf die Ausgangssprache ankommt - je ähnlicher sie dem Deutschen ist, um so leichter erlernt man dieses - und weil es auf das angestrebte Fertigkeitsniveau ankommt. Bei ausgezeichneten Deutschkenntnissen braucht man natürlich viel länger, als wenn man sich nur notdürftig verständigen können will. Nach meiner Erfahrung können Deutschlerner aus Russland häufig sehr gut, fast wie Muttersprachler Deutsch sprechen. Ich weiß allerdings nicht, wie lange sie dazu gebraucht haben. Sie sehen aber, dass es vom Russischen aus für viele Lerner möglich ist, ausgezeichnete Deutschkenntnisse zu erwerben.

Karin_Lima: Wie könnten denn Deutschlehrer im Ausland dazu beitragen, die Bedeutung von Deutsch zu unterstreichen? Oder auch anders gefragt: was sollten sie lieber weniger tun, um das zu erreichen?

Prof.Dr.Ammon: Vielleicht wäre es sinnvoll, die Vorzüge dadurch zu unterstreichen, dass man auf die große wirtschaftliche Bedeutung der deutschsprachigen Länder hinweist. Ein Indiz dafür ist z.B., dass Deutschland allein schon seit Jahren Exportweltmeister bei Gütern ist und beim Export von Dienstleistungen an 3. Stelle aller Länder der Welt steht. Auch die verhältnismäßig kleinen deutschsprachigen Länder Österreich und Schweiz sind wirtschaftlich sehr erfolgreich und bedeutsame Spieler auf dem Weltmarkt. Die deutschsprachigen Länder sind auch sehr große Importmärkte. Für die wirt. Beziehungen mit diesen Ländern sind Deutschkenntnisse zweifellos vorteilhaft. Darüber hinaus ist es attraktiv an deutschen Hochschulen zu studieren. Auch dafür lohnt sich das Deutschlernen. Deutsch gehört - trotz des großen Abstands gegenüber Englisch - nach wie vor zu den wichtigsten Fremdsprachen weltweit. Auch darauf kann man hinweisen, um die Bedeutung der dt. Sprache zu unterstreichen.

Kicki: Herr Prof. Ammon, was kann man denn für den Minderheitensprachschutz in der EU tun? Bzw. halten Sie dies für sinnvoll? Wozu zum Beispiel Gälisch als x-te Amtssprache der EU, wenn nur 3% der Bevölkerung noch Gälisch sprechen? Was nützt es, wenn die offiziellen Dokumente übersetzt werden, aber dann auch diese 3% irgendwann "aussterben" und sich die gesprochene Sprache nicht weitervererbt?

Prof.Dr.Ammon: Ich bin tatsächlich skeptisch, ob die Einbeziehung des Irischen (Gälischen) in die Gruppe der EU-Amtssprachen angemessen war. Es erscheint mir problematisch, weil alle Iren Englisch können, meist sogar besser als Irisch. Ob eine Sprachgemeinschaft ihre eigene Sprache erhalten oder - wie im Falle des Irischen - sogar gewissermaßen wieder beleben möchte, hängt allein von der eigenen Bevölkerung ab. Als ich in Irland war, wurde mir immer wieder gesagt, dass die irischen Schüler selbst keine besondere Lust haben, Irisch in der Schule zu lernen. In solchen Fällen könnte man geneigt sein, die Pflege einer Sprache zu überdenken. Aber einen Rat von außen zu geben, das ist schwierig. Grundsätzlich schützt und unterstützt die EU alle Minderheitssprachen unter der "Charta für regional- oder Minderheitensprachen". Über sie sind alle Mitgliedsstaaten aufgefordert, den Sprachgemeinschaften, die dies selber wünschen, beim Erhalt ihrer Sprache zu helfen. Dies entspricht der besonderen Wertschätzung der Sprachenvielfalt, die von der EU immer wieder offiziell verkündet wird.

lexus: Herr Ammon, ist es möglich, in Deutschland lauter Umgangssprache zu gebrauchen?

Prof.Dr.Ammon: Nein, in der Regel nicht. Insbesondere ist es nicht möglich, wenn man auch schriftlich kommuniziert. Die Umgangssprache eignet sich für die informelle mündliche Kommunikation. Auch förmliche Reden, also durchaus mündliche Kommunikation, können nicht angemessen in der Umgangssprache gehalten werden. Politiker oder andere Personen, die in der Öffentlichkeit auftreten, müssen die förmliche Standardsprache beherrschen, um nicht in Schwierigkeiten zu geraten.

David: Prof. Ammon, wie bewerten Sie die Anglizismenflut in der deutschen Sprache?

Prof.Dr.Ammon: Ich betrachte sie nicht gerade als eine große Katastrophe. Allerdings gibt es viele Deutsche, die sich über die große Zahl der Anglizismen ärgern. Für manche gibt es dabei Verstehensschwierigkeiten, wenn sie schlecht Englischkenntnisse haben; andere fühlen sich wohl mehr in ihrer sprachlichen Identität beeinträchtigt. Mir persönlich erscheint, wie gesagt, die Vielzahl der Anglizismen nicht so schlimm; wichtiger finde ich, dass Deutsch in allen gesellschaftlichen Bereichen weiter gebraucht wird und auch eine wichtige internationale Sprache bleibt. Dabei darf Deutsch durchaus ein wenig von Anglizismen "angekränkelt" sein.

lexus: Was halten Sie davon, dass es jetzt in Deutschland auch andere als deutschsprachige, kulturell abgekapselte Gemeinschaften existieren? Dadurch entstehen gewisse Probleme?

Prof.Dr.Ammon: Sie denken vor allem an türkische Gruppen und Stadtteile, in denen tatsächlich weniger Deutsch als Türkisch gesprochen wird. Das kann zu einem Problem führen, wenn die Kinder deshalb kein ausreichendes Deutsch lernen und dadurch Schwierigkeiten in der Schule bekommen. Aufgrund dieser Schulschwierigkeiten und schlechter Abschlüsse haben sie nachher auch Probleme bei der Suche nach Arbeit. Dieses Problem ist in letzter Zeit viel diskutiert worden und es werden allenthalben intensive Anstrengungen unternommen, eine Besserung zu erreichen. Viel diskutiert wurde die Regelung einer Berliner Schule, dass die Schüler auch auf dem Schulhof Deutsch zu sprechen haben. Die dahinter stehende Absicht erscheint allerdings ehrenwert. Der Schule kommt es darauf an, dass die Schüler ausreichend Deutsch lernen. Es ist ihnen nicht verboten, zu Hause wieder Türkisch oder welche Muttersprache auch immer zu sprechen. Angemessen ist sicher die Zweisprachigkeit, wenn Eltern und Schüler Wert auf den Erhalt ihrer Herkunftssprache legen; aber ausreichende Deutschkenntnisse für die spätere Berufstätigkeit und für den Schulerfolg sind unbedingt erforderlich.

Kicki: Aus welchen Gründen befürworten Sie Englisch als Hochschulsprache auch in Deutschland?

Prof.Dr.Ammon: Ich befürworte es im Grunde nicht. Allerdings habe ich gelegentlich in Übereinstimmung mit dem Deutschen Akademischen Austauschdienst so argumentiert, dass es sinnvoll sein kann, Studierende auf Englisch beginnen zu lassen. Andernfalls kommen viele begabte Studierende vielleicht nicht nach Deutschland, weil sie nicht schon vorher Deutsch lernen können oder wollen. Gegenüber dem DAAD habe ich allerdings immer betont, dass es notwendig ist, dass die Studierenden, die auf Englisch beginnen können, dann während ihres Studiums gute Deutschkenntnisse erwerben. Sonst werden sie in Deutschland gettoisiert und können auch später ihre Beziehungen zu den deutschsprachigen Ländern nicht gut pflegen.

Peer_Stuttgart: Herr Ammon, ist nicht auch ein Grund für die Dominanz des Englischen, dass es einfach viel leichter zu lernen ist als Deutsch?

Prof.Dr.Ammon: Nein, das ist ganz bestimmt kein entscheidender Punkt. Vor 100 Jahren war Deutsch eine ebenso wichtige Wissenschaftssprache wie Englisch. Damals war aber Deutsch auch nicht leichter als heute und Englisch war nicht schwieriger als heute. Entscheidend für die Entwicklung war die Verschiebung der Machtverhältnisse von den deutschsprachigen zu den englischsprachigen Ländern aufgrund und in Folge der beiden Weltkriege und des auch für Deutschland katastrophalen Nationalsozialismus.

Peer_Stuttgart: Halten Sie es als zentrale Aufgabe einer Regierung, sich um die nationale Sprache zu kümmern?

Prof.Dr.Ammon: Ja, die Regierungen haben ja selbst auch eine Sprache als ihre nationale Sprache ausgewählt - in manchen Fällen, wie in der Schweiz oder in Belgien sind es auch mehrere Sprachen. Sie arbeiten außerdem in diesen Sprachen, und daher müssen die Sprachen auch gepflegt werden, um als geeignete Kommunikationsinstrumente zu fungieren. Die Nationalsprachen haben auch zu tun mit der nationalen Identität der Bürger; sie würden bei völliger Vernachlässigung auch diese Funktion teilweise einbüßen.

Moderator: liebe Chatter, leider ist unsere Zeit nun vorbei. Vielen Dank für die rege Teilnahme und Ihre interessanten Fragen. Bis zum nächsten Chat!

Prof.Dr.Ammon: Ich bedanke mich sehr für die durchgehend hochinteressanten Fragen. Manche von ihnen waren so komplex, dass ich nur provisorische Antworten geben konnte. Ich hoffe, dass dies von Anfang an klar war. Ich wünsche weiter viel Spaß beim Deutsch lernen!

Copyright: Goethe-Institut, Online-Redaktion
Februar 2007
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