Sprachbefunde

Die deutsche Sprache in den Naturwissenschaften

Ralph Mocikat

Ich möchte mich zunächst für die Einladung zu dieser Veranstaltung bedanken sowie für die Gelegenheit, einige Gedanken zum Thema „Deutsche Sprache in den Naturwissenschaften“ zu äußern. In dieser Runde bin ich als einziger Naturwissenschaftler wohl ein Außenseiter, aber ich werde versuchen zu zeigen, dass das Thema auch in meiner Disziplin höchst virulent ist.

Ich möchte meine Erfahrungen in einer biomedizinischen Forschungseinrichtung wiedergeben, die sich mit Fragestellungen im Umkreis von Molekularbiologie, Immunologie und experimenteller Krebstherapie befasst. Die Biomedizin ist eine Disziplin, in der die klassische Trennung zwischen Medizin und naturwissenschaftlichen Grundlagenfächern aufgehoben ist, in der also grundlagenwissenschaftliche Arbeiten, zum Beispiel im Bereich der Molekularbiologie, unmittelbar in die Anwendung, in diesem Falle also in Diagnostik und Therapie am Patienten, einfließen.

Dass sich Englisch als internationales Verständigungsmedium für die weltweite Kommunikation unter Wissenschaftlern längst durchgesetzt hat, ist jedem bekannt. Um etwaigen Missverständnissen von Anfang an vorzubeugen: Ein solches internationales Verständigungsmedium ist zwingend erforderlich, und dass das Englische die Funktion übernommen hat, die in früheren Jahrhunderten dem Lateinischen zukam, soll hier nicht hinterfragt werden. Wie weit jedoch die englische Sprache in den Naturwissenschaften und in der Medizin in den letzten Jahren selbst unseren internen Wissenschaftsbetrieb vereinnahmt hat, wie weit in vielen Bereichen die deutsche Sprache bereits zu Grabe getragen worden ist und welch groteske Situationen sich daraus oft ergeben, ist den Vertretern geisteswissenschaftlicher Disziplinen oder gar einer breiteren Öffentlichkeit möglicherweise gar nicht bekannt. Daher zunächst eine kurze Bestandsaufnahme:

Wissenschaft lebt vom internationalen Gedankenaustausch. Das war schon früher so, und das muss auch so bleiben. Der Austausch erfolgt durch Publikationen und auf Kongressen. Während vor nicht allzu langer Zeit die Publikationen in den Naturwissenschaften in mehreren Sprachen möglich waren – es reichte früher nicht aus, wenn ein Wissenschaftler nur eine einzige Sprache beherrschte –, sind die Veröffentlichungen nun ausschließlich in englischer Sprache; auch die deutschen Zeitschriften im Bereich etwa der Biochemie, Molekularbiologie oder Immunologie haben innerhalb der letzten 20 Jahre ausnahmslos auf die Publikationssprache Englisch umgestellt – anderssprachige Artikel werden überhaupt nicht mehr akzeptiert. Die Verlage tun dies, weil sie unter dem Druck stehen, in den Zeitschriftenindex des US-amerikanischen Institute for Scientific Information aufgenommen zu werden. Dieses bewertet die Zeitschriften anhand der Häufigkeit, mit der ihre Artikel von anderen Autoren zitiert werden. Ob jedoch durch den Übergang zur einheitlichen Publikationssprache tatsächlich das intendierte Ziel erreicht wird, nämlich erhöhte internationale Sichtbarkeit, ist fraglich. Es wurde nämlich gezeigt, dass aus Europa stammende Arbeiten von US-amerikanischen Wissenschaftlern auch nach dem Wechsel der Publikationssprache wenig zur Kenntnis genommen und zitiert werden.

So viel zum internationalen Austausch in der Wissenschaft. Ich glaube, dass die hier obwaltenden Gepflogenheiten jeder Wissenschaftler akzeptiert hat. In den letzten 10 bis 15 Jahren beobachtet man jedoch, dass man auch dann den Schein der Internationalität aufbauen will, wenn man unter sich ist. Inzwischen ist es nämlich so, dass auf Tagungen ohne jede internationale Beteiligung, in internen Seminaren oder in alltäglichen Laborbesprechungen oft nur noch englisch gesprochen wird, auch wenn niemand anwesend ist, der des Deutschen nicht mächtig wäre. Viele Forschungsförderungsanträge, z. B. beim Bundesforschungsministerium, dürfen von deutschen Wissenschaftlern nur noch auf Englisch eingereicht werden. Immer mehr Lehrveranstaltungen für deutsche Studenten werden auf Englisch angeboten. Die Anglomanie in der Biomedizin geht so weit, dass ich schon mitunter verwundert erleben konnte, wie zwei deutsche Kollegen selbst über private Dinge sich englisch unterhalten.

Welche Folgen hat es, wenn wir auch im internen Wissenschaftsbetrieb unsere Landessprache so konsequent verdrängen? Eine Weiterentwicklung fächerspezifischer Terminologien findet im Deutschen überhaupt nicht mehr statt, auch immer mehr etablierte deutsche Fachbegriffe geraten in Vergessenheit.

Langfristig wird sich das Deutsche also aus ganzen Wissensgebieten zurückziehen. Dass dies unabsehbare Folgen für den Kontakt zwischen Wissenschaft und Gesellschaft hat, für den Diskurs ethischer und ökonomischer Aspekte wissenschaftlichen Handelns sowie für den Transfer von Ergebnissen der Grundlagenforschung in die Anwendung, z. B. also auch für die Anwendung neuer Therapieverfahren durch die praktisch tätigen Ärzte, möchte ich an dieser Stelle nur andeuten und nicht weiter vertiefen. Wichtig ist Folgendes: Wenn eine Sprache nicht mehr alle Bereiche der Wirklichkeit, insbesondere nicht mehr die innovativen und zukunftsweisenden Bereiche, abzubilden vermag, wird sie einen erheblichen Statusverlust im Inland wie im Ausland erleiden. Ich behaupte: Dies wird irgendwann eine tote Sprache sein. Man kann jetzt schon sehen, dass das Deutsche nicht nur aus dem rein fachlichen Diskurs verdrängt wird, sondern – ausgehend hiervon – aus immer mehr Domänen: Ich möchte als Beispiel die Wissenschaftsverwaltung als nächstes Einfallstor nennen. Es wird gefordert, dass Arbeitsverträge in unseren Forschungseinrichtungen in englischer Sprache verfügbar sein müssen, die Juristen in den Personalabteilungen müssen Englisch lernen, die Sekretärinnen ohnehin – usw. usw. Da verwundert es auch nicht mehr, dass der Schulunterricht in den naturwissenschaftlichen Fächern immer häufiger ausschließlich in englischer Sprache erfolgt – als sogenannter bilingualer Unterricht, der in Wahrheit jedoch monolingual englisch ist. Wenn die Vorlesungen an den Universitäten englisch sind, wird es irgendwann keine Lehrer mehr geben, die in der Lage wären, deutschsprachige Fachterminologien an die Schüler weiterzugeben. Da ist es nur konsequent, wenn auch schon in der Grundschule englisch gesprochen wird. – Und genau dies ist ja selbst schon im Heimatkundeunterricht mancher Grundschulen bereits der Fall.

Ich kehre zurück zur Wissenschaft. Inwiefern schaden wir der Wissenschaft ganz konkret, wenn wir die Muttersprache aus dem täglichen Diskurs verbannen? Ich möchte vier Punkte hervorheben.


1. Viele meiner Kollegen verstehen Sprache nur als ein Werkzeug zur Weitergabe vorgefertigten Wissens. Sie verkennen dabei, dass Sprache auch ein Instrument zur Gewinnung von neuer Erkenntnis darstellt. Ich behaupte, dass dies nicht nur in den Geistes- und Kulturwissenschaften so ist, die ja stets einen kulturell-historischen Hintergrund haben, sondern auch in den Naturwissenschaften. Auch wenn die experimentellen Methoden natürlich sprachunabhängig sein sollen, bleibt doch die Herangehensweise gegenüber offenen Fragen, das Auffinden von Hypothesen, die Heuristik stets in dem Denken verwurzelt, das die Muttersprache mitbedingt. Auch in den Naturwissenschaften spielt für die Erkenntnisgewinnung rhetorisches Argumentieren eine Rolle, die meist unterschätzt wird. Sprache und Denken beeinflussen sich wechselseitig.

Und die Wissenschaft benötigt das alltagssprachliche Umfeld für das Hervorbringen und die erstmalige Benennung von Neuem. Nur die Muttersprache stellt die schlüssigsten Bezeichnungen und die treffendsten Metaphern bereit.

Auch für Wissenschaftler, die das Englische exzellent beherrschen, bleibt Englisch doch eine Fremdsprache insofern, als neue Sachverhalte niemals so treffsicher, stilistisch so nuanciert und so bildhaft wiedergegeben werden können wie in der Muttersprache. Es kommt hinzu, dass das Englische, das in der wissenschaftlichen Kommunikation verwendet wird, wenig gemein hat mit jener elaborierten und subtilen Sprache, wie sie nur englische Muttersprachler beherrschen, sondern sich eingeengt hat auf eine schmale Funktionssprache mit reduziertem Vokabular und formelhaften Wendungen. Echtes kreatives Denken mit Hilfe eines solchen erstarrten Idioms ist schlechterdings nicht möglich. Es deuten sich Parallelen an zur lateinischen Wissenschaftssprache zur Zeit der Scholastik.

Die Preisgabe der Muttersprache hat im Übrigen auch erhebliche Auswirkungen auf den inter- und transdisziplinären Dialog, denn dieser ist in besonderer Weise auf alltagssprachlich verwurzelte Terminologien angewiesen.


2. Das Gesagte gilt auch für die Weitergabe von fertigem Wissen in Lehrveranstaltungen und in Seminaren. Immer wieder muss ich schmerzlich erleben, wie viele Missverständnisse entstehen, wenn deutschsprachige Wissenschaftler über ihr Fach auf Englisch sprechen zu müssen glauben. Fast täglich kann ich beobachten, wie das inhaltliche Niveau leidet, wie kontroverse Diskussionen regelrecht abgewürgt werden, wenn neueste Ergebnisse oder die Planung von Experimenten auf Englisch besprochen werden. Warum eine immer weiter zunehmende Komplexität wissenschaftlicher Inhalte mit einer Flucht aus derjenigen Sprache, in der man sich am differenziertesten auszudrücken versteht, beantwortet werden soll, bleibt ein Rätsel. Wohlgemerkt: Ich spreche hier nur von solchen Veranstaltungen, in denen deutschsprachige Wissenschaftler unter sich sind.


3. Das führt mich zum dritten Punkt: Jede Sprache bildet die Wirklichkeit in einer spezifischen Weise ab. Auch in den Naturwissenschaften kann keine Sprache allein die Gesamtheit der Wirklichkeit abbilden, jede bietet eine andere Brille für das sinnliche Wahrnehmen und die Beschreibung der Welt. Nur durch Bewahrung der Plurilingualität und nicht durch sprachliche Gleichschaltung kann die Vielzahl der Betrachtungsweisen erhalten werden, welche für die Beschreibung einer hoch komplexen Wirklichkeit sowie für wissenschaftliche Abstraktion unabdingbar ist. Jede Sprache birgt ein eigenes Erkenntnispotenzial, das nicht aufgegeben werden darf.


4. Ich möchte noch auf die Frage zu sprechen kommen, wie die Flucht aus unserer eigenen Wissenschaftssprache von Ausländern wahrgenommen wird. Die Anglomanie in unseren Forschungszentren wird ja oft gerechtfertigt mit der Rücksichtnahme auf unsere ausländischen Gastwissenschaftler. Dazu ist festzuhalten, dass der Austausch von Gastwissenschaftlern und Gaststudenten keineswegs etwas Neues ist. Der Unterschied zu früher ist nur folgender: Bis vor 10 bis 5 Jahren mussten die Austauschakademiker Deutsch lernen, ehe sie ihre Tätigkeit aufnahmen. Heute erlebe ich es immer wieder, dass sie von den deutschen Arbeitsgruppenleitern geradezu davon abgehalten werden, Deutsch zu lernen, dass ihnen konsequent die englische Sprache aufgenötigt wird, selbst wenn sie sich schon zwei, drei oder sechs Jahre sich bei uns aufhalten. Eine Integration auch in das soziale Leben ihres Gastinstitutes gibt es praktisch nicht. Viele Ausländer verstehen das nicht. Denn viele interessieren sich für deutsche Sprache und Kultur und für unsere Wissenschaftstraditionen, die nicht zuletzt an sprachlichen Eigenheiten abzulesen sind. Von vielen habe ich Befremden darüber gehört, dass wir unsere Wissenschaftssprache so konsequent verleugnen. Oft nehmen sie den Eindruck mit nach Hause, dass wir mit der Preisgabe unserer Wissenschaftssprache auch den Anspruch aufgegeben haben, Gedanken als Erste auszusprechen. Aufschlussreich sind in diesem Zusammenhang Umfragen unter Stipendiaten der Humboldt-Stiftung. Die meisten bedauern es, dass sie während ihres Aufenthaltes so wenig an die deutsche Sprache herangeführt wurden.

Langfristige Bindungen, die auch nach der Rückkehr der Gastakademiker in ihre Heimatländer Bestand haben und die in unserem eigenen Interesse liegen sollten, werden auf diese Weise mit Sicherheit nicht hergestellt werden können.

Was ist zu tun? Um es noch einmal zu sagen: Es geht nicht darum, das Englische als internationales Verständigungsmedium infrage zu stellen: Es geht in erster Linie darum, das Potenzial verschiedener Sprachen auch in den naturwissenschaftlichen Disziplinen zu nutzen. Daher sollten auf internationalen Tagungen Vortragende nicht zu einer Einheitssprache verpflichtet werden, sondern es sollten auch andere Sprachen zugelassen werden, die als Wissenschaftssprachen Tradition haben. Simultanübersetzung ins Englische muss natürlich gewährleistet sein. Bei uns im Inland muss natürlich Deutsch als Wissenschaftssprache gepflegt und weiterentwickelt werden. Anderenfalls wird die Wissenschaftstauglichkeit der deutschen Sprache irgendwann nicht mehr gegeben sein. Es ist also erforderlich, dass man im Laboralltag, in internen Seminaren und auf Tagungen ohne internationale Beteiligung selbstverständlich sich der Landessprache bedient. Dazu gehört weiterhin, dass Förderungsanträge bei deutschen Drittmittelgebern in deutscher Sprache verfasst werden, und ganz wichtig ist es, dass unsere Gastwissenschaftler wieder darin unterstützt werden, Deutsch zu lernen, es sei denn, sie halten sich nur wenige Wochen oder Monate bei uns auf. Es sollte nämlich in unserem Interesse liegen, sie auch sozial und kulturell zu integrieren, damit sie langfristige Bindungen zu ihrem Gastland aufbauen. Ständig sollte man sich über landessprachliche Fachtermini Gedanken machen und diese benutzen. Wenn all dies nicht gelingt, so fürchte ich, wird unsere Wissenschaft weltweit immer weniger ernst genommen.

Publikation zu „Die Macht der Sprache“

Eine multimediale Publikation reflektiert die Rolle von Sprache in einer globalisierten Welt.

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