Die Macht der anderen Sprachen – Zum Einfluss multilingualer Medien
Suliman Aktham, Astrid Frohloff, Sybille Golte, Oliver Hahn
Moderation: Peter Koppen
Die folgenden Redebeiträge entstammen einem Podiumsgespräch auf dem Festival „Die Macht der Sprache am 15. Juni 2007 in Berlin in der Akademie der Künste.
Sybille Golte: Wir bei der Deutschen Welle setzen auf Veränderungen und Dialog. Deshalb gehen wir in Krisenregionen, deshalb ist die regionale Sprache wichtig, um die Leute authentisch anzusprechen und nicht auf Englisch, denn damit erreichen wir nur eine Minderheit. Englisch ist zwar in Asien weit verbreit, aber wir senden in Mandarin, Hindi oder Urdu, also den Regionalsprachen, nicht weil wir Propaganda machen, sondern weil wir einen Dialog führen wollen.
Astrid Frohloff: Durch Al-Dschasira ist eine große Erleichterung entstanden, als endlich ein überregionaler Sender technisch empfangen werden konnte, der über die Grenzen hinaus informierte. Das war ein Pendant zu den anderen Auslandssendern wie CNN und BBC, die aber keine so hohe Glaubwürdigkeit in diesem Teil der Welt haben, wie man sich leicht vorstellen kann. Da funktioniert Al-Dschasira als Ausgleich.
Suliman Aktham: Es ist nicht damit getan, dass man das Geld hat und die Sprache spricht. Wir haben schon viel in der Redaktion diskutiert, aber die englische Sprache in der Redaktion zwingt mich, mir andere Gedanken zu machen. Das fängt bei Definitionen von Begriffen an. Aber wir richten uns an die Leute in ihrer Sprache, bis hin zum Kampf gegen die westliche Agentursprache, die man ja kennt: Iran ist automatisch Hisbollah.
Suliman Aktham: Ein Journalist ist nicht nur eine Informationsquelle, sondern auch einer, der die Dinge interpretiert, ihnen einen Sinn gibt und sie in einen Rahmen stellt.
Fragt mehr nach den Gründen und was etwas bedeutet! „Die Demonstranten haben den Zaun überwunden.“ Das ist alles. Welchen Zaun? Wo? Warum Gewalt? Und keiner fragt nach, was das heißt. Aber ohne Hintergrund ist das eine Null-Information.
Sybille Golte: Auch sprachlich hat man vorsichtig zu sein. Man muss immer seine Quellen benennen, z. B.: „Dieses Bild stammt vom amerikanischen Militär für die Öffentlichkeit.“ Oder: „Nach Angaben des US-Militärs hat sich dies und jenes an jenem Krisenpunkt ereignet“. Als Journalist ist man nicht in der Lage, die Wahrheit herauszufinden; das ist im Irak-Krieg ganz deutlich.
Oliver Hahn: Aber als Journalist muss man sich, bei allen Zeit- und sonstigen Zwängen, über jedes Wort Gedanken machen. Was bedeutet „gezielte Tötungen“ und sind alle „Terroristen“ wirklich Terroristen? Oder vielleicht doch „Rebellen“ oder „Freiheitskämpfer“? Wegen des Zeitdrucks gibt es natürlich immer wieder Fehler, und dass beim 11. September auch im deutschen Journalismus so viel schief lief, ist auch klar, wegen des Zeitdrucks. Aber erfahrene Kriegsberichterstatter wissen damit umzugehen. Über die Sprache schleichen sich spezielle Ansichten ein, die man als Hörer oder Leser eventuell nicht erkennt.
Sybille Golte: Da gibt es etwas, das mir sehr aufstößt, Bilder im Internet, auf denen Menschen enthauptet werden – und alle Journalisten reden von „Hinrichtungen“. Dieses Wort enthält immer noch die Wurzel „Recht“, aber es handelt sich doch um Ermordungen. Da muss man die Sprache überwachen: Welche Klischees diese transportiert. Man soll sich nicht selbst zensieren, aber stark kontrollieren.
Oliver Hahn: Wie bezeichnet man Attentäter? Das hängt natürlich von der Perspektive ab: In vielen arabischen Medien werden sie als „Märtyrer“ bezeichnet, weil man einen anderen, religiösen Hintergrund hat. Aber in westlichen Ohren klingt das sofort Partei ergreifend. Deshalb sind auch Al-Dschasira Vorwürfe gemacht worden, einseitig zu berichten. Bei all dem – und dem Kuschelwort „Dialog“ – gibt es auch die Kehrseite des Kontexts. Medien arbeiten immer in einem kulturellen und damit sprachlichen Kontext. Wenn ein arabischer Nachrichtensender einen Kunstbegriff für Selbstmordattentäter erfinden würde, würde er nicht mehr mit der Sprache seines Zielpublikums arbeiten. In unserem westlichen kulturellen Kontext heißt „Märtyrer“ etwas religiös völlig anderes. Häufig findet man keine Übersetzungsäquivalenzen, wie man in der Übersetzungswissenschaft sagt. Hier ist interkulturelle Medienkompetenz von den Journalisten gefordert. Da tun wir auch als Universitäten zu wenig, und auch als Rezipient muss man eine solche vermittelt bekommen – vielleicht sogar in Schulen, damit man die Kontexte unterscheiden kann.
Suliman Aktham: Das ist aber ein Konfliktfeld. Der Westen nennt jeden Freiheitskämpfer einen „Terroristen“, und uns wird vorgeworfen, alle Selbstmordattentäter als „Märtyrer“ zu bezeichnen.
Die arabischen Sender haben immer von einem „verhassten Feind“ gesprochen – es gibt aber gar keinen geliebten Feind, das gibt es nicht. Aber was mich unruhig macht, ist, dass im Westen diese Sprache zurückkehrt, im Rahmen der Political Correctness kommt das zurück – z. B. „Vergeltungsanschlag“, was heißt das? Und nach welchem Recht gilt die „Vergeltung“? Wenn ich jemanden auf der Straße umbringe, weil er versucht, mich umzubringen? In einem Rechtsstaat gibt es keine Vergeltung.
Suliman Aktham: Wenn ein Außenminister sagt, die Anschläge auf deutsche Soldaten sind ein „feiger Akt“, darf man diese Sprache nicht übernehmen. „Sogenannter Terrorismus“ sagt man. Wir nennen ihn „sogenannt“, weil wir ihn nicht als Terrorismus ansehen. Mit „sogenannt“ sagen wir aber, dass es nicht immer Terrorismus ist, aber sein kann. Uns hat keiner eine Definition geliefert – und für mich ist immer noch nicht klar, was Terrorismus ist. Warum sagt man nicht, auch über die UNO, das sind „Angriffe auf Zivilisten“?
Jeder instrumentalisiert das, wie er will. Der Begriff „Antiterrorkrieg“ hat rechtlich gar keine Bedeutung: Es gibt keinen „Antiterrorkrieg“, so interessant das klingt. „Vergeltungsanschläge“ gibt’s nicht, „Terrorismus“ per se gibt’s nicht.
Moderation: Peter Koppen
Die folgenden Redebeiträge entstammen einem Podiumsgespräch auf dem Festival „Die Macht der Sprache am 15. Juni 2007 in Berlin in der Akademie der Künste.
Sybille Golte: Wir bei der Deutschen Welle setzen auf Veränderungen und Dialog. Deshalb gehen wir in Krisenregionen, deshalb ist die regionale Sprache wichtig, um die Leute authentisch anzusprechen und nicht auf Englisch, denn damit erreichen wir nur eine Minderheit. Englisch ist zwar in Asien weit verbreit, aber wir senden in Mandarin, Hindi oder Urdu, also den Regionalsprachen, nicht weil wir Propaganda machen, sondern weil wir einen Dialog führen wollen.
Astrid Frohloff: Durch Al-Dschasira ist eine große Erleichterung entstanden, als endlich ein überregionaler Sender technisch empfangen werden konnte, der über die Grenzen hinaus informierte. Das war ein Pendant zu den anderen Auslandssendern wie CNN und BBC, die aber keine so hohe Glaubwürdigkeit in diesem Teil der Welt haben, wie man sich leicht vorstellen kann. Da funktioniert Al-Dschasira als Ausgleich.
Suliman Aktham: Es ist nicht damit getan, dass man das Geld hat und die Sprache spricht. Wir haben schon viel in der Redaktion diskutiert, aber die englische Sprache in der Redaktion zwingt mich, mir andere Gedanken zu machen. Das fängt bei Definitionen von Begriffen an. Aber wir richten uns an die Leute in ihrer Sprache, bis hin zum Kampf gegen die westliche Agentursprache, die man ja kennt: Iran ist automatisch Hisbollah.
Suliman Aktham: Ein Journalist ist nicht nur eine Informationsquelle, sondern auch einer, der die Dinge interpretiert, ihnen einen Sinn gibt und sie in einen Rahmen stellt.
Fragt mehr nach den Gründen und was etwas bedeutet! „Die Demonstranten haben den Zaun überwunden.“ Das ist alles. Welchen Zaun? Wo? Warum Gewalt? Und keiner fragt nach, was das heißt. Aber ohne Hintergrund ist das eine Null-Information.
Sybille Golte: Auch sprachlich hat man vorsichtig zu sein. Man muss immer seine Quellen benennen, z. B.: „Dieses Bild stammt vom amerikanischen Militär für die Öffentlichkeit.“ Oder: „Nach Angaben des US-Militärs hat sich dies und jenes an jenem Krisenpunkt ereignet“. Als Journalist ist man nicht in der Lage, die Wahrheit herauszufinden; das ist im Irak-Krieg ganz deutlich.
Oliver Hahn: Aber als Journalist muss man sich, bei allen Zeit- und sonstigen Zwängen, über jedes Wort Gedanken machen. Was bedeutet „gezielte Tötungen“ und sind alle „Terroristen“ wirklich Terroristen? Oder vielleicht doch „Rebellen“ oder „Freiheitskämpfer“? Wegen des Zeitdrucks gibt es natürlich immer wieder Fehler, und dass beim 11. September auch im deutschen Journalismus so viel schief lief, ist auch klar, wegen des Zeitdrucks. Aber erfahrene Kriegsberichterstatter wissen damit umzugehen. Über die Sprache schleichen sich spezielle Ansichten ein, die man als Hörer oder Leser eventuell nicht erkennt.
Sybille Golte: Da gibt es etwas, das mir sehr aufstößt, Bilder im Internet, auf denen Menschen enthauptet werden – und alle Journalisten reden von „Hinrichtungen“. Dieses Wort enthält immer noch die Wurzel „Recht“, aber es handelt sich doch um Ermordungen. Da muss man die Sprache überwachen: Welche Klischees diese transportiert. Man soll sich nicht selbst zensieren, aber stark kontrollieren.
Oliver Hahn: Wie bezeichnet man Attentäter? Das hängt natürlich von der Perspektive ab: In vielen arabischen Medien werden sie als „Märtyrer“ bezeichnet, weil man einen anderen, religiösen Hintergrund hat. Aber in westlichen Ohren klingt das sofort Partei ergreifend. Deshalb sind auch Al-Dschasira Vorwürfe gemacht worden, einseitig zu berichten. Bei all dem – und dem Kuschelwort „Dialog“ – gibt es auch die Kehrseite des Kontexts. Medien arbeiten immer in einem kulturellen und damit sprachlichen Kontext. Wenn ein arabischer Nachrichtensender einen Kunstbegriff für Selbstmordattentäter erfinden würde, würde er nicht mehr mit der Sprache seines Zielpublikums arbeiten. In unserem westlichen kulturellen Kontext heißt „Märtyrer“ etwas religiös völlig anderes. Häufig findet man keine Übersetzungsäquivalenzen, wie man in der Übersetzungswissenschaft sagt. Hier ist interkulturelle Medienkompetenz von den Journalisten gefordert. Da tun wir auch als Universitäten zu wenig, und auch als Rezipient muss man eine solche vermittelt bekommen – vielleicht sogar in Schulen, damit man die Kontexte unterscheiden kann.
Suliman Aktham: Das ist aber ein Konfliktfeld. Der Westen nennt jeden Freiheitskämpfer einen „Terroristen“, und uns wird vorgeworfen, alle Selbstmordattentäter als „Märtyrer“ zu bezeichnen.
Die arabischen Sender haben immer von einem „verhassten Feind“ gesprochen – es gibt aber gar keinen geliebten Feind, das gibt es nicht. Aber was mich unruhig macht, ist, dass im Westen diese Sprache zurückkehrt, im Rahmen der Political Correctness kommt das zurück – z. B. „Vergeltungsanschlag“, was heißt das? Und nach welchem Recht gilt die „Vergeltung“? Wenn ich jemanden auf der Straße umbringe, weil er versucht, mich umzubringen? In einem Rechtsstaat gibt es keine Vergeltung.
Suliman Aktham: Wenn ein Außenminister sagt, die Anschläge auf deutsche Soldaten sind ein „feiger Akt“, darf man diese Sprache nicht übernehmen. „Sogenannter Terrorismus“ sagt man. Wir nennen ihn „sogenannt“, weil wir ihn nicht als Terrorismus ansehen. Mit „sogenannt“ sagen wir aber, dass es nicht immer Terrorismus ist, aber sein kann. Uns hat keiner eine Definition geliefert – und für mich ist immer noch nicht klar, was Terrorismus ist. Warum sagt man nicht, auch über die UNO, das sind „Angriffe auf Zivilisten“?
Jeder instrumentalisiert das, wie er will. Der Begriff „Antiterrorkrieg“ hat rechtlich gar keine Bedeutung: Es gibt keinen „Antiterrorkrieg“, so interessant das klingt. „Vergeltungsanschläge“ gibt’s nicht, „Terrorismus“ per se gibt’s nicht.








