Sprachstrategien

„CIA – Hier können Sie Karriere machen“ – Sprachenpolitik in den USA fünf Jahre nach dem 11. September 2001

Uwe Rau

Wenn über die „Macht der Sprache“ diskutiert wird, darf das Thema „Sprachenpolitik weltweit“ nicht fehlen. Auf dem Berliner Festival kamen auch Vertreterinnen des Faches Deutsch zu Wort, die unermüdlich Lobbyarbeit für das Deutschlernen leisten.

Das ist keine leichte Aufgabe in einem Land, in dem nur 43 Prozent aller Schüler überhaupt eine Fremdsprache lernen, und davon nur 2,1 Prozent Deutsch. Eine wirkliche nationale Sprachenpolitik mit Bildungsanspruch gibt es nicht. Dennoch kann man feststellen, dass das öffentliche Fremdspracheninteresse in den letzten Jahren gestiegen ist.

Beim Durchblättern des Programmkatalogs 2005 für den größten Fremdsprachenkongress in den Vereinigten Staaten, der Jahrestagung des American Council on the Teaching of Foreign Languages (ACTFL), findet man eine ganzseitige Anzeige der CIA. Dort wird unter anderem auf Chinesisch, Arabisch, Farsi und Koreanisch, aber auch auf Deutsch für eine berufliche Laufbahn beim US-amerikanischen Nachrichtendienst geworben: „Hier können Sie Karriere machen“. Die Anzeige richtet sich an Fremdsprachenlehrer und beschreibt den Auftrag der CIA, wie man ihn wohl in dieser Form nicht erwarten würde:

Foreign Language Instructors. One of the most important contributions you can make to meeting the mission of the CIA is enabling others to understand world cultures.

Die Anzeige zeigt symptomatisch den derzeitigen Status von Fremdsprachenkenntnissen in den USA. Die Ereignisse vom 11. September 2001 haben die Bedeutung des Erlernens von Fremdsprachen sowie der Kenntnis anderer Kulturen erhöht. Medien und Politik widmeten dem Thema in den letzten zwei Jahren mehr Aufmerksamkeit als in den 20 Jahren zuvor; beides wird jetzt deutlich als eine Notwendigkeit in direktem Zusammenhang mit nationalen Sicherheitsinteressen betrachtet. Der Bedarf nach Sprechern fremder Sprachen ist erkannt und zieht besondere Rekrutierungsprogramme nach sich.

Bisher hat das neue Interesse allerdings nur zu spontanen Aktionen der Regierung geführt. Kritiker sprechen von „Band-aid-policies“ (Symptombehandlung). Die langfristigen Sprachenprobleme des Landes würden so nicht gelöst. Nach wie vor gehört der Fremdsprachenerwerb nicht zu den schulischen Pflichtfächern in den öffentlichen Highschools. Trotz großer öffentlicher Aufmerksamkeit und positiver Rhetorik ist die finanzielle Förderung für Sprachen und internationale Bildung durch die amerikanische Bundesregierung weder konsequent noch ermutigend.

Ein Jahr nach dem Erscheinen der oben zitierten Anzeige hat das Goethe-Institut New York erstmals für die ACTFL-Jahrestagung im November 2006 eine Sonderveranstaltung zu diesem Thema angeregt und organisiert. Vor mehr als 200 Teilnehmern diskutierten prominente Vertreter aus Wirtschaft, Politik und Sprachwissenschaft kritisch darüber, wo das Thema Fremdsprachenlernen tatsächlich auf der Agenda amerikanischer Sicherheitspolitik, ökonomischer Entwicklung, der Gesetzgebungsinitiativen und betriebswirtschaftlicher Interessen zur Bildung eines globalen Arbeitskräftepotenzials steht.

Alfred Mockett, Vertreter des Unternehmens Motive, Inc. und Vorstandsmitglied des wichtigen Committee for Economic Development in Washington DC, betonte die Virulenz für die Wirtschaft in so zuvor nie vernommener Deutlichkeit: „The business community is in desperate need of cross cultural competence – a combination of foreign language skills, cultural knowledge, and international experience.“ Am Ende seines Beitrags stand ein leidenschaftliches Plädoyer für den internationalen Dialog:

„Die Welt war besorgt um Amerika […]. Nie zuvor haben wir eine so große Konzentration von wirtschaftlicher Macht, politischer Macht und militärischer Macht in den Händen von so wenigen erlebt […]. Wir aus den Bereichen Wirtschaft und Bildung können zusammen dazu beitragen, dass dieses Problem angepackt wird. Unser wirtschaftlicher Reichtum und unsere nationale Sicherheit hängen wesentlich davon ab, wie gut wir heute unsere Studenten ausbilden, die die Wissensvermittler, internationalen Führungskräfte der Wirtschaft, Wohltäter und Weltbürger von morgen sein werden.“

Professor Heidi Byrnes von der Georgetown University führte in ihrem Beitrag überzeugend an, dass eine kohärente Sprachenpolitik in den USA nicht vorhanden sei. Im Zentrum der Regierungsinitiativen der letzten Jahre stehe die Hinwendung zu einigen wenigen Sprachen, den sogenannten critical languages oder security languages, zu denen in erster Linie das Arabische und Chinesische gehören. Die Unterstützung dieser Sprachen sei ausschließlich pragmatisch, nämlich sicherheitspolitisch und ökonomisch, motiviert.

Überspitzt gesagt, dienen Fremdsprachenkenntnisse so nur dazu, besser gegen den Feind im „Krieg gegen den Terror“ und den ökonomischen Konkurrenten gewappnet zu sein. Sprache wird auf ihre strategische Funktion reduziert und dient dann nur als Instrument für die Durchsetzung eigener Interessen. Ein solch reduzierendes Verständnis von Sprache hält Heidi Byrnes für nicht zukunftsfähig. Ihre Schlussausführungen wandten sich dann auch sehr engagiert gegen diese Vereinfachungen und stießen bei den Teilnehmern auf große Zustimmung:

„Die Macht der Sprache besteht ganz wesentlich in der Fähigkeit, die Welt deuten zu können und in einem Verhältnis zu anderen zu stehen. Es ist eine semiotische Fähigkeit damit gemeint, nämlich sich im Dialog zu befinden, sei es im Rahmen derselben Sprache oder über mehrere Sprachen hinweg, im Hier und Jetzt oder über Raum und Zeit hinweg, innerhalb ein und derselben Landesgrenze oder aber über nationale Grenzen hinweg im globalen Kontext. Es ist eine Macht, die nur in dem Ausmaß bestehen kann, wie die grundlegenden Voraussetzungen von Vertrauen und Verständnis standhalten, […] und zwar sowohl, wenn Frieden geschlossen wird, wie auch bei der Kriegsführung, wenn Geschäftsabkommen getroffen und wenn Geschäftsabkommen nicht eingehalten werden, wenn Kunst entsteht und wenn unser ästhetisches Einfühlungsvermögen verändert wird, wenn wir etwas über uns selbst oder über andere lernen. Doch wenn wir aus den vielfältigen Möglichkeiten, die unserem Leben Gestalt geben, absichtlich die dialogische Fähigkeit des Verstehens entfernen und diese mit dem monologischen Interesse unserer eigenen, egozentrischen Sicherheit ersetzen, wird die Sprache alle ihre magische Macht verlieren und zu nichts als einem leeren Geräusch werden. Was auch immer Sprachpolitik in diesem Land bewirken kann, beginnt und endet hier.”

Der Vertreter der amerikanischen Bundesregierung, Robert Slater vom National Security Education Program, hatte den Vorrednern wenig entgegenzusetzen. Interessant war sein Hinweis auf den partei(un)politischen Charakter der sprachpolitischen Initiativen. Sowohl Vertreter der Demokraten als auch der Republikaner sind auf diesem Gebiet aktiv. Aus seinen Erfahrungen mit Sprachen leitet der Mitarbeiter des Verteidigungsministeriums die These ab, Sprachinteresse komme in Wellen, welche die Folge einer Krise sind. An der Welle des 11. September sei beachtlich, dass diese schon lange anhalte. Als positiv sei die klare Anerkennung der Wichtigkeit von Sprache von Seiten der Politiker zu verzeichnen.

Heute, Anfang 2007, stehen darum die Zeichen für eine weiterreichende Sprachenpolitik in den Vereinigten Staaten nicht schlecht. Der neue Kongress hat sich der Notwendigkeit angenommen, eine „Sprachenstrategie“ für die USA zu entwickeln. Kürzlich fand dazu eine Expertenanhörung unter dem Titel „Lost in Translation: A Review of the Federal Government's Efforts to Develop a Foreign Language Strategy” statt. Es bleibt zu wünschen, dass der Appell von J. David Edwards, Geschäftsführer des Joint National Committee for Languages (JNCL), dabei auf offene Ohren trifft:

„Wir sind uns jetzt dessen bewusst, dass Sprachen wichtig sind und dass wir eine nationale Sprachkrise haben, und dennoch werden keine langfristigen Maßnahmen ergriffen. Obwohl Sprachen als Sicherheitsfaktor angesehen werden, schätzt man sie nicht als Bildungsfaktor. Bevor die Entscheidungsträger nicht den Zusammenhang von Bildung und wahrer Sicherheit erkennen, werden wir wohl keinen ernst zu nehmenden Wandel erleben, dergestalt, dass sich das Sprachenlernen in den Vereinigten Staaten verbessert und unsere Bürger in den Stand versetzt werden, mit dem Rest der Welt umgehen zu können.”

Publikation zu „Die Macht der Sprache“

Eine multimediale Publikation reflektiert die Rolle von Sprache in einer globalisierten Welt.

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