Mehrsprachigkeit & Identität

„Übersetzung bedeutet zugleich Bereicherung und Verlust“ – Deutsch in den Wissenschaften

Ist die Wissenschaft heute noch mehrsprachig, und welche Rolle hat das Deutsche als Wissenschaftssprache? Wir haben darüber mit Felix Grigat, dem verantwortlichen Redakteur der hochschul- und wissenschaftspolitischen Zeitschrift Forschung & Lehre, gesprochen.

Herr Grigat, ist Ihrer Einschätzung nach die Wissenschaft heute wirklich noch mehrsprachig?

Ja, trotz der Tatsache, dass sich Englisch in den Naturwissenschaften als alleinige internationale Publikations- und Kongresssprache durchgesetzt hat. Es gibt nach wie vor überall auf der Welt, auch in Deutschland, Aufsätze, Bücher, Vorträge und Kongresse, die in den Landessprachen formuliert, vorgetragen und durchgeführt werden. Dazu kommt, dass nicht alle Wissenschaftler dieser Welt als Muttersprache das Englische haben. Für die große Mehrheit ist Englisch eine zusätzliche, gelernte Sprache. In den meisten Fällen finden hier stets Übersetzungsvorgänge statt. Übersetzung bedeutet aber zugleich Bereicherung und Verlust.

Kann man in diesem Zusammenhang überhaupt von "der Wissenschaft" reden? Sind die Verhältnisse nicht in den Kulturwissenschaften deutlich anders als etwa in den Naturwissenschaften?

Über den Minimalkonsens hinaus, dass eine wissenschaftliche Aussage rational nachvollziehbar sein muss, ist es problematisch, von „der Wissenschaft“ zu sprechen. Die Diskussion über das, was "Wissenschaft“ ist, gehört ja seit ihrem Beginn zu den am meisten erörterten Fragen. Sicher gibt es verschiedene Sprachkulturen in den Wissenschaften. Das gilt aber nicht nur für die beliebte Unterscheidung zwischen Kultur- und Naturwissenschaften.
Verständnisschwierigkeiten haben auch Philosophen verschiedener Schulen untereinander. Doch ist es wohl richtig, dass die Naturwissenschaften anglisierter sind, als die anderen. Noch.

Wird sich das in naher Zukunft ändern?

Ich bin kein Prophet, vermute aber, nicht in naher Zukunft. Mittel- und langfristig besteht allerdings die Gefahr, dass das Deutsche auch aus den Geisteswissenschaften auszieht. Hier müssen klare Akzente für den Gebrauch der Muttersprache gesetzt werden.

Gibt es denn unterschiedliche Empfehlungen für die verschiedenen Fächergruppen?

Nein.

Was spricht eigentlich dagegen, dass wir uns alle auf Englisch als lingua franca einigen?

Gegen eine lingua franca ist nichts einzuwenden. Diese Rolle hatte für die Wissenschaften und die europäische Kultur durchaus fruchtbar über Jahrhunderte das Lateinische eingenommen. Doch bleibt es wichtig, die jeweiligen Muttersprachen zu gebrauchen. Ein Sprachmonopol, das am Ende fast totalitär wird, ist definitiv abzulehnen. Die Muttersprache muss die Quelle für die Fachsprachen bleiben, weil jeder Wissenschaftler in ihr eine Stilsicherheit und Nuancierung erreicht, die in der erlernten Fremdsprache so kaum möglich ist.

Sollte Deutsch als internationale Wissenschaftssprache nach Meinung des Deutschen Hochschulverbandes besonders gefördert werden?

Eine Frage mit melancholisch stimmendem Hintergrund. Deutsch war lange Zeit anerkannte internationale Wissenschaftssprache, selbst in naturwissenschaftlichen Fächern, auch der Medizin. Vielleicht ist es zum Teil möglich, nur die Sprache eines Landes in der Wissenschaft in diesem selbst und mit international ausgerichteten Projekten zu fördern. Aber es geht auch um die Bedeutung der Wissenschaft selbst. Wenn ein Land in einer Wissenschaft Weltrang hat, werden auch die Forscher aus anderen Ländern gerne bereit sein, diese Sprache zu lernen. Deshalb ist nicht der Bedeutungsverlust der deutschen Sprache für die Wissenschaft zu beklagen, sondern der Bedeutungsverlust des Standortes Deutschland für die Wissenschaft. Der deutschen Wissenschaft zu einer internationalen Spitzenstellung zu verhelfen bzw. ihre Spitzenstellung zu erhalten, ist der beste Dienst, der dem Deutschen als Wissenschaftssprache erwiesen werden kann. Nur eine blühende geistige und wissenschaftliche Kultur in Deutschland kann das Interesse auch an der deutschen Sprache stärken.

An deutschen Hochschulen werden immer mehr englischsprachige Studiengänge angeboten. Wie bewerten Sie diese Entwicklung hinsichtlich der Rolle des Deutschen in den Wissenschaften?

Akademische Lehre sollte an deutschen Universitäten grundsätzlich in deutscher Sprache erfolgen. Eine Ausnahme davon bilden selbstverständlich jene philologischen Disziplinen, in denen akademische Lehre in einer Fremdsprache im Rahmen der wissenschaftlichen Ausbildung sinnvoll und geboten ist. Darüber hinaus steht es den Universitäten frei, für einzelne, besonders international ausgerichtete Studiengänge eine akademische Lehre in englischer Sprache anzubieten.

Wie lautet Ihre Prognose: Wird auf internationalen Konferenzen auch in Deutschland in Zukunft nur noch Englisch gesprochen?

Auf internationalen Tagungen in Deutschland sollte neben Englisch immer auch Deutsch als offizielle Tagungssprache vorgesehen sein. Auf nationalen Tagungen oder solchen, die sich überwiegend an ein deutschsprachiges Publikum wenden, sollte auf das Englische als offizielle Tagungssprache verzichtet werden.

Dagmar Giersberg
stellte die Fragen. Sie arbeitet als freie Publizistin in Bonn.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Juni 2007

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