Sprachwandel & -politik

Die Macht der verschlüsselten Kommunikation

Chiffriermaschine / Foto 1926 Copyright: picture-alliance/akg-images"Sostotrorenongog gogehoheimom!“ hätte Kalle Blomquist, der Meisterdetektiv aus der Feder Astrid Lindgrens in Rorsprache gesagt, wenn eine Botschaft nicht für fremde Ohren bestimmt ist: „Streng geheim!“ Fast alle Kinder kennen und lieben Geheimsprachen und verschlüsselte Botschaften. Ob Löffel-, Erbsen- oder Be-Sprache: Mittels einer konstruierten Sprache kann offen ausgetauscht werden, was sonst niemand hören darf.

Seit Jahrtausenden beschäftigen sich Menschen mit Verschlüsselungstechniken von Sprache und Schrift. Die älteste und auch einfachste Technik ist Atbash, eine hebräische Geheimschrift (600 v. Chr.), die mit dem umgedrehten Alphabet arbeitet. Auch Julius Gajus Caesar erfand eine eigene Verschlüsselungstechnik, den Caesar-Code, damit versandte Botschaften und Nachrichten nicht von Feinden gelesen werden konnten. Zu allen Zeiten waren und sind Geheimsprachen und -schriften ein wichtiges Kommunikationsmittel: Als chiffrierter Code für bedeutsame Mitteilungen und politische Zwecke und als Mittel für soziale Abgrenzung und Gruppenzugehörigkeit.

Geheimsprachen stiften Schutz und Zusammengehörigkeit

Geheimsprachen dienen dem Zweck der sicheren Kommunikation als Schutz vor Feinden, Verfolgern oder Dritten, die bezogen auf das Gespräch eine Gefahr darstellen. Nur ausgewählte Empfänger sollen mittels künstlicher Sprachbarrieren korrekt die vermittelten Inhalte entschlüsseln dürfen. Die wohl bekannteste Geheimsprache ist das Rotwelsch, eine im 13 Jh. entstandene deutsche Gaunersprache. Der Wortschatz dieser künstlichen Sprache basierte zum großen Teil auf hebräischen Wurzeln und Anleihen aus der Sprache der Sinti, z. T. wurden Alltagswörter mit einer neuen Bedeutung versehen. Die rotwelsche Gaunersprache ermöglichte die geschützte Kommunikation bei kriminellen Absprachen, stiftete jedoch gleichzeitig auch Zusammengehörigkeit als klares Identifikationsmittel. Mit dem Erwerb dieser Sprache fand die Sozialisation zur Unterschicht statt: Die Geheimsprache wurde zum Spiegel sozialer Herkunft und Gruppenzugehörigkeit. Ähnlich verhält es sich mit der Münsteraner Arbeiter- und Gaunersprache „Masematte“, einer Mischung aus Rotwelsch und Jiddisch. Aus Angst vor ihren Männern entwickelten vor ca. 500 Jahren unterdrückte Frauen in der Provinz Hunan in China die Geheimsprache und -schrift „Nushu“, die per Schwur-Schwesternschaft weitergegeben wurde. So konnten die Frauen ohne Gefahr ihr Herz ausschütten, miteinander Probleme besprechen und sich gegenseitig trösten. Auch heute finden sich in gesellschaftlichen Subkulturen, z. B. in Jugendgruppierungen oder bei den Nutzern von Internetforen und -chats, künstliche Ausdrucksformen, die Zusammengehörigkeit stiften und den Nutzern dieser Sprachen schnell zu Anerkennung innerhalb der Gruppe verhelfen.

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Die Kunst der Verschlüsselung als Waffe

Die Kunst der Verschlüsselung ist in Krieg und Politik seit dem alten Griechenland eine wichtige Waffe. Es entstand die Wissenschaft der Kryptologie, von griechisch „kryptos“ (geheim) und „logos“ (Wort, Sinn). Viele Berichte aus vergangenen Kriegen zeigen den Einsatz von Verschlüsselungstechniken auf. Doch mit dem Einsatz verschlüsselter Botschaften begann auch die Zeit der „Codebrecher“. Funk- und Telefonleitungen wurden abgehört, Telegramme abgefangen – Wissenschaftler und sogar Kreuzworträtselgenies wurden eingesetzt, um die Kriegsstrategien der Feinde zu dechiffrieren. Die Kompetenz des Ver- und Entschlüsselns konnte dabei leicht über Sieg oder Niederlage entscheiden. Ein bekanntes Beispiel für chiffrierte Kriegsbotschaften ist die „Enigma“, eine 20 kg schwere elektro-mechanische Rotor-Schlüsselmaschine, die das deutsche Militär im Zweiten Weltkrieg zur Verschlüsselung von Funksprüchen nutzte. Auch heute ist und bleibt die Kryptologie für Militär und Geheimdienste Grundvoraussetzung für die geschützte Kommunikation: Dank hochkomplizierter mathematischer Formeln sind Verschlüsselungstechniken und -formen jedoch kaum noch zu knacken.

Verschlüsselung hält die Welt zusammen

Verschlüsselung ist heute ein fester Bestandteil unseres Alltags: Ohne kryptologische Chiffrierung wäre die moderne Datenkommunikation nicht mehr denkbar: Ob EC- und Kreditkarten, digitale Unterschriften oder E-Mails und Internetverkehr beim Online-Shopping und -Banking – überall greift der sichere Datentransfer. Kryptologie bedeutet in der heutigen Gesellschaft Macht: Ohne gute Verschlüsselungstechniken würde es düster aussehen für Regierungen, Weltkonzerne, Banken und all die großen und kleinen Firmen, die via Internet, Telefon und Satellit vernetzt sind. Und so ist die Angst vor Hackern, die Codes knacken und ganze Systeme in die Luft fliegen lassen können oder geheime Informationen weiterleiten und verwenden, groß. Auch die Verschlüsselungstechniken von Terrorgruppierungen machen Geheimdiensten Sorge, denn die Systeme werden immer ausgefeilter. Und so arbeiten rund um den Globus Mathematiker und Kryptologieexperten fortlaufend an der Verbesserung von Datenver- und Entschlüsselung: Ein Ende der Geheimsprachen und -schriften ist nicht in Sicht.

Bettina Levecke
ist freie Journalistin

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Mai 2006

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