Sprachwandel & -politik

„Sprache als Gewalt“

Bild Wirtschaft
Bild Wirtschaft

Prof. Dr. Clemens Knobloch sprach im Rahmen der Vortragsreihe "Die Macht der Sprache", die in Zusammenarbeit mit der Ludwig-Maximilians-Universität im Frühsommer 2006 in München stattfand, über den historischen Zusammenhang der „Sprachkämpfe“ in Europa nach dem Ersten Weltkrieg und die Entstehung von Machtverhältnisse in Massen- und Mediendemokratien.

 
 

„Unsere Muttersprache als Waffe und Werkzeug des deutschen Gedankens“, so betitelte Georg Schmidt-Rohr, politischer Wortführer der Sprachvölkischen Bewegung, Auslandsdeutschenaktivist und späterhin einer der ehrgeizigsten Sprachpolitiker des Nationalsozialismus, die TAT-Flugschrift, mit der er im Jahr 1917 erstmals die politische Bühne betrat. Das klingt martialisch, die Muttersprache als „Waffe und Werkzeug“. Wer soll da besiegt, geschlagen, ausgestochen werden mit Hilfe der Waffe „Muttersprache“?

Woran denkt man zuerst, wenn man gebeten wird, zum Thema „Sprache als Gewalt“ zu sprechen? Vielleicht an Louis-Jean Calvets Buch Sprachenfresser (Ein Versuch über Linguistik und Kolonialismus), an die Konstellationen, die Soziolinguisten gerne euphemistisch „Sprachkontaktsituationen“ nennen, obwohl sie nicht selten auch Sprachverdrängungssituationen sind? An die „Entwelschungskampagne“ des Deutschen Sprachvereins im wiederbesetzten Elsass? Dass Sprachen als „Waffen und Werkzeuge“ gegen andere Sprachen eingesetzt werden können, ist nicht verwunderlich. Gewalt ist ein Werkzeug. Gemeinsame Sprache ist jedoch in symbolisch integrierten Gesellschaften Basis und Medium von Macht und Gegenmacht.

Ich werde versuchen, den historischen Zusammenhang der „Sprachkämpfe“ in Europa nach dem Ersten Weltkrieg zu rekonstruieren, den Kontext, in den die Schrift Georg Schmidt-Rohrs gehört, deren Titel oben zitiert ist. Im Zentrum meiner Überlegungen soll jedoch nicht das historische Detail stehen. Vielmehr geht es um die Entstehung sprachlicher Machtverhältnisse in Massen- und Mediendemokratien, Verhältnisse, die den „Sprachenkampf“ der Zeit nach dem Weltkrieg überdauert haben. Nicht dass es keine Reste solcher „Sprachkämpfe“ in unserem näheren Umfeld mehr gäbe (Katalanisch vs. Spanisch oder Kurdisch vs. Türkisch), aber hinter diesen zusehends anachronistisch wirkenden Konflikten werden (ebenfalls exemplarisch in Weimarer Republik und Nationalsozialismus) moderne Techniken der rhetorischen und semantischen Enteignung von Gegenmacht deutlich, die effektiv und von der einzelnen „Nationalsprache“ unabhängig sind."

 

Prof. Dr. Clemens Knobloch ist Professor für Germanistik und Sprachpsychologie, sprachliche Kommunikation und Geschichte der deutschen Sprachwissenschaft an der Universität Siegen sowie Mitglied des Siegener Instituts für Sprachen im Beruf (SISIB).

Hier finden Sie den kompletten Vortrag von Prof. Dr. Clemens Konobloch vom 30. Mai 2006:

Disketten-SymbolClemens Knobloch: "Sprache als Gewalt" (pdf, 73 KB)

TV-SymbolFotoschau des Vortrags

    Mitveranstalter

    „Stifterverband

    Projekt im „Jahr der Geisteswissenschaften“
    Jahr

    Kultur und Entwicklung

    Informieren Sie sich über Programme des Goethe-Instituts, die die kulturelle Infrastruktur und berufliche Qualifizierung im Kultur-, Medien- und Bildungsbereich fördern.