Sprachwandel & -politik

Sprachenpolitik – eine Debatte über die Rolle der deutschen Sprache

Copyright: Goethe-InstitutIm offiziellen Europa der EU-Behörden hat das Englische die deutsche Sprache längst verdrängt. In Deutschland selbst kopieren immer mehr Jugendliche das verkürzte Deutsch der türkisch-stämmigen Einwanderer („Wo Du gehen ?“). Deutsch ist durchsetzt von Anglizismen (recyceln, downloaden), Business-Englisch (Meeting, E-Government) oder Modewörtern (loser, checken). Ist die deutsche Sprache in Gefahr? Soll sie im Grundgesetz als Kulturgut festgeschrieben werden? Welche Sprachenpolitik wollen wir, was kann sie ausrichten?

Diese Fragen waren Gegenstand der Podiumsdiskussion zum Abschluss des Symposiums Deutsch im vielsprachigen Europa, an der zwei Journalisten, der Leiter der Duden-Redaktion, ein Bundestagsabgeordneter und Vertreter der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) und des Vereins für deutsche Sprache teilnahmen. Aufgerufen zu dem zweitätigen Symposium hatte die GfdS im Rahmen des Projekts Die Macht der Sprache des Goethe-Instituts.

Quote für deutsche Popsongs?

Die Antworten auf die Frage nach der Rolle des Deutschen im vielsprachigen Europa reichten von der strikten Befürwortung einer deutschen Sprachpolitik (Dr. Walter Terschüren, Verein für Deutsche Sprache) bis zu der Ansicht, dass nur Englisch das Lebensgefühl der jungen Generation in der globalisierten Welt wirklich ausdrückt (Armin Conrad, 3sat); Deutsch sei in dem Fall überholt.

Während sich Terschüren energisch gegen englische Vorlesungen an deutschen Hochschulen in den Natur- und Ingenieurwissenschaften aussprach und eine Radioquote für deutschsprachige Musik forderte, lehnte der Bundestagsabgeordnete Ole Schröder (MdB) jede Sprachenpolitik des Bundes ab und erinnert an das negative Beispiel der staatlichen Bemühungen um die Rechtschreib-Reform.

Nikolaus Bernau (Berliner Zeitung) meinte, wer heute global Geschäfte machen wolle, müsse Chinesisch lernen, weil das die meistgesprochene Sprache sei. International Erfolg habe aber die englische Sprache. Das sei nicht allein eine wirtschaftliche Frage. „Englisch ist die Sprache der Liberalität, der Demokratie, der Einwanderer – deswegen war sie international so beliebt.“ In Deutschland dagegen herrsche eher ein Gefühl der Überfremdung und der Angst vor anderen Sprachen.

Vor der eigenen Haustür

Dr. Matthias Wermke (Leiter der Duden-Redaktion) erinnerte daran, dass die Pflege der deutschen Sprache vor der eigenen Haustür beginnt und nicht in Brüssel oder Straßburg. „Zu aller erst brauchen wir eine Sprachförderungspolitik, die das Deutsche in Deutschland stärkt und die Kluft zwischen Migranten und Einheimischen schließt.“ In Mannheim lebten 170 unterschiedliche Ethnien, die miteinander kommunizieren müssen. Davon, sich als Mannheimer und nicht als Türken, Serben oder Marokkaner zu verstehen, sei man noch weit entfernt.

Wermke ging noch einen Schritt weiter: „Wenn es uns nicht gelingt, die Sprache im eigenen Sprachraum zu stärken, wird es uns auch nicht glücken, Deutsch als Arbeitssprache in der EU oder als Zweit- und Drittsprache in einem mehrsprachigen Europa zu fördern.“

Kontrovers waren die Antworten auf die Frage, wer denn Sprachpolitik betreiben soll. Diskussionsleiter Rudolf Hoberg sah die Zuständigkeit für die Sprache eher innerhalb der Zivilgesellschaft: bei seiner Gesellschaft für deutsche Sprache, beim Verein für Deutsche Sprache, beim Deutschen Sprachrat, bei der Duden-Redaktion. So habe die GfdS einmal über zwei Jahr hinweg die heute- Nachrichtenredaktion beraten und unterstützt. „Das bewirkt mehr als viele staatliche Vorschriften.“

Wermke von der Duden-Redaktion sprach sich für eine bundesstaatliche Kompetenz aus. „In dem Fall können wir uns Föderalismus nicht leisten, er ist einfach zu kompliziert. Die deutschen Sprache muss Chefsache werden.“ Die Bundesregierung müsse bereit sein, in die deutsche Sprache zu investieren – sie könne sich nicht auf Vereine und Institute verlassen. Ole Schröder (MdB) wies darauf hin, dass der Haushaltsausschuss des Bundestages die Mittel für die Goethe-Institute deutlich aufgestockt habe, um die Pflege der deutschen Sprache und Kultur stärker zu fördern. Das sei erfreulich, sagte Diskussionsleiter Prof. Dr. Rudolf Hoberg (GfdS) dazu. „Aber wenn Sie bedenken, dass Sie mit den 120 Millionen Euro, die das Goethe-Institut bekommt, in Deutschland gerade mal zehn Kilometer Autobahn bauen können, dann sehen Sie den Stellenwert, den Kultur hat.“

Deutsch fragen – Englisch antworten

Sprachpolitik ist Sache jedes Einzelnen, gerade wenn er oder sie in der Öffentlichkeit steht. Alle Podiumsteilnehmer kritisierten die "Unsitte“ auf internationalen Konferenzen in Deutschland konsequent nur Englisch zu sprechen. Deutsche Politiker reagierten oft im Ausland auf eine auf Deutsch gestellt Frage in Englisch. Terschüren erntete beim Publikum große Zustimmung, als er betonte, gerade in Osteuropa sei die deutsche Sprache immer noch beliebt und werde gern gesprochen. „Warum sollen wir da englisch reden?“, fragte er.

Nicht einig wurden sich die Teilnehmer darüber, wer Sprachenpolitik betreiben soll. Dass sie notwendig ist, damit das Deutsche international nicht an Einfluss verliert, darüber war man sich einig. Auch ob Deutsch als Kulturgut ins Grundgesetz soll, wie das Bundestagspräsident Norbert Lammert ganz zu Beginn des Symposiums gefordert hat, blieb umstritten. Der Journalist Nikolaus Bernau warnte vor einer Ausgrenzung der zweithäufigsten Sprache in Deutschland, des Türkischen.

Volker Thomas
ist freier Journalist und Leiter eines Büros für Text und Gestaltung in Berlin.
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Dezember 2006

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