Linguistic Change and Politics

Ergebnisse des Live-Chats mit Prof. Dr. Britta Hufeisen am 06.06.2007

Prof. Hufeisen; Copyright: Prof. HufeisenWie motiviert man Zielgruppen, die bereits eine Fremdsprache beherrschen dazu, eine weitere zu lernen? Welche Möglichkeiten bieten E-Learning und Blended Learning heutzutage? Wie funktioniert das Lernen auf Distanz und wie bleibt dabei eine hohe Motivation aufrechterhalten? Wie kann das Schreiben in der Fremdsprache geübt werden?Fragen wie diese und andere zum Thema beantwortete Prof. Dr. Britta Hufeisen beim vierten Live-Chat im Rahmen von Die Macht der Sprache am 06.06.2007.

Prof. Hufeisen ist seit 1997 Leiterin des Sprachenzentrums der Technischen Universität Darmstadt. Von 1993 bis 1996 war sie Assistant Professor im Department of Germanic Languages für Germanistische Angewandte Linguistik und Deutsch als Fremdsprache an der University of Alberta, Edmonton/AB, Kanada. Seit 2006 ist sie Professorin am Institut für Sprach- und Literaturwissenschaft an der Technischen Universität Darmstadt mit den Schwerpunkten Mehrsprachigkeitsforschung und Deutsch als Fremdsprache.
Frau Prof. Hufeisen ist ferner Gutachterin des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) für Südostasien und Ozeanien, Beiratsmitglied der ZfA (Zentrale für Auslandsschulwesen), Präsidentin der International Association of Multilingualism und Beiratsmitglied der Gesellschaft für Angewandte Linguistik. Außerdem ist sie Mitglied des Beirats Sprache des Goethe-Instituts und Mitherausgeberin der Zeitschrift für Fremdsprachenforschung, der elektronischen Zeitschrift für interkulturellen Fremdsprachenunterricht, von Fremdsprache Deutsch und der Buchreihen Mehrsprachigkeit und Multiples Sprachenlernen.

Ihre Veröffentlichungen sind auf ihrer Website einzusehen.


Moderator: Herzlich willkommen zum vierten Live-Chat von Die Macht der Sprache. Wir begrüßen heute ganz herzlich Frau Prof. Dr. Hufeisen von der Technischen Universität Darmstadt.

Suse_Passau: Liebe Frau Hufeisen, ich habe gelesen, dass Sie sich auch mit E-Lerning/Blended Learning beschäftigen. Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass dies beim Fremdsprachenlernen überhaupt funktioniert.. was ist z.B. mit dem Element der nonverbalen Kommunikation? Wie soll ein Computer das ersetzen/übersetzen?

Prof.Dr.Hufeisen: Liebe Frau Passau, der Computer soll weder uns noch Lehr-/Lernmaterial im FSU ersetzen, sondern Dinge ergänzen, die wir oder Lehrbücher nicht leisten können, z.B. die eigene Recherche von Studierenden im Unterricht ermöglichen und erleichtern, Sprachlernsoftware kann Übungen anders darstellen (multimedial) als ein Buch das kann. Heutige Lernende (die mit Computern aufgewachsen sind) betrachten Computer als einen ganz normalen Teil ihres Lebens, können damit umgehen (oft besser als wir) und wir sollten ihn nicht aus dem FSU verbannen.

Peter-Mueller: Guten Tag! Ich habe gesehen, dass Sie Sprachlernsoftware evaluiert haben. Können Sie mir einen Rat geben für Schüler, die 12, 13 und 14 Jahre sind?

Prof.Dr.Hufeisen: Guten Tag, Herr Müller, in den nächsten Tagen stellen wir ein (hoffentlich) umfassendes Analyseraster ins Netz (DaF-Homepage an der TUD), so dass sie bestimmte Software entlang des Rasters bewerten können, um festzustellen, ob es für ihre SchülerInnen geeignet ist. Grundsätzlich sollte Sprachlernsoftware nicht nur einfach digitalisiert haben, was eine ganz normale Übungsgrammatik oder ein Arbeitsbuch auch gekonnt hätte. Sonst brauchen wir sie nicht anzuschaffen. Sie sollte immer neue Aspekte (z.B. Interaktivität, Multimedialität) mit einbeziehen. Übrigens sind Lernende selbst oft sehr konstruktiv-kritische AnalytikerInnen von Sprachlernsoftware. Indem sie eine SW analysieren dürfen, beschäftigen sie sich gleichzeitig mit ihr.

Laura: Zu Suse_Passua: Ist es nicht auch so, dass man die digitalen Medien besonders im Hinblick auf Blended Learning besonders sinnvoll als Ergänzung einsetzen kann, um Heterogenität in der Klasse auszugleichen? Zum Beispiel beim Training grammatischer Strukturen kann dabei jeder Lernende in seinem Rhythmus und Tempo sowie seinen Bedürfnissen lernen.

Prof.Dr.Hufeisen: Dieses Einzeltraining würde ich aber nicht in den FSU integrieren, denn wir wollen ja, dass die Lernenden interagieren, d.h. für den häuslichen Gebrauch ist diese Einzelarbeit sicher sinnvoll; im Unterricht eingesetzt sollten m.E. mindestens zwei Lernende an den Übungen arbeiten, damit sie sich über die Lösungen auch verständigen müssen (ob das auf Deutsch oder in der jeweiligen Muttersprache passiert, ist hier gar nicht so relevant). - Man kann aber ja auch verschiedenen Lernpaaren oder -gruppen auch verschiedene Aufgaben (z.B.: nach Kompetenz) auftragen, die sie dann den anderen SchülerInnen anschließend vorstellen und erläutern müssen.

P.H.: Wie trainiert man eigentlich die Aussprache beim E-Fremdsprachenlernen?

Prof.Dr.Hufeisen: Ich weiß nicht, ob Aussprachetraining in jedem Falle sinnvoll ist (nicht alle Fertigkeiten lassen sich gleich gut per E-Learning schulen, üben). Zumindest setzt Aussprachetraining voraus, dass die Lernenden ein geschultes Gehör haben, weil sie ansonsten ihre eigene Aussprache nicht mit dem Gehörten abgleichen können). Ich persönlich bevorzuge für Aussprachetrainings den Live-Unterricht mit Menschen (mit unterschiedlichen Sprechstilen, Geschwindigkeiten, intonatorischen Eigenheiten). Ich würde vielleicht E-Learning-Einheiten für das wiederholte Hören empfehlen. Außerdem gibt es noch zu viel Sprachlernsoftware, die aufgenommene Lernerübungen völlig falsch bewerten; vielleicht ist hier die Technik noch nicht so weit.

Peter-Mueller: Eine Überschrift bei "Macht der Sprache" sagt: "Geben Sie Ihren Dialekt an die Kinder weiter!“ - Da möchte ich kurz fragen: Stört nicht eine Dialekt-Grammatik mein Hochdeutsch?

Prof.Dr.Hufeisen: Überhaupt gar nicht! Genau so wie wir zwei- und mehrsprachige Familien ermuntern, ihre Kinder zwei-/mehrsprachig aufwachsen zu lassen (ihnen diese wunderbare Gelegenheit zu geben, mehrere Sprachen mehr oder minder gleichzeitig zu erwerben), würde ich alle ermuntern, auch Dialekte und Mundart weiterzugeben. In unseren Köpfen ist genügend Platz für Beides (und noch mehr Sprachen). Die 70er Jahre haben den Dialekten leider ziemlich den Garaus gemacht; nun gibt es einige Versuche, die Dialekte wieder zu beleben. Die Dialekt-Grammatik ist vielleicht gar nicht so viel anders als die Hochdeutsch-Grammatik. Außerdem können wir ja auch verschiedene Grammatiken für die verschiedenen (Fremd)Sprachen verarbeiten, warum sollte uns das bei Dialekt und Hochsprache nicht gelingen?

Kicki: Können Sie vielleicht kurz beschreiben, was Sie beim Online Writing Lab gemacht haben? Ist das Projekt schon beendet?

Prof.Dr.Hufeisen: Wir sind gerade dabei, das OWL aufzubauen. Die Besonderheit liegt u.a. darin, dass die OWL-Module (die Schreibeinheiten) von Studierenden für Studierende geschrieben werden. Nach einer umfassenden Bedarfsanalyse, die wir im Rahmen eines Seminars universitätsweit durchgeführt haben, haben wir Themen angeboten, die Studierende bearbeiten. Sie evaluieren sich gegenseitig. Parallel bilden wir SchreibtutorInnen aus, die das OWL (welches bereits installiert ist) und Fragende betreuen werden. Hinzu kommt ein el. Helpdesk, und erst in ganz schwierigen Fällen kommen wir Lehrenden ins Spiel. Das Ganze wird im Rahmen einer Diss prozessevaluiert. Wir planen, die Homepage in den nächsten Wochen freizuschalten. In Zwischenevaluationen wurde übrigens das Modul "E-Mails an Profs" am häufigsten abgerufen.

Laura: Wie würden Sie Blended Learning genau definieren? Da schweben ja auch in der Fachwelt sehr unterschiedliche Definitionen umher?

Prof.Dr.Hufeisen: M.E. (es gibt tatsächlich viele verschiedenen Definitionen) ist E-Learning das reine Lernen in elektronischen Umgebungen, während Blended Learning E-Learning mit anderen Modi des Lernens (Präsenzphasen; Distanzlernen mit Printmaterial) verbindet. Beides umfasst verschiedene Zugangswege (Internet (online), Software (offline), Chats, Podcasts, Foren, Wikis) und schafft Lernenden oft die Möglichkeit, gemäß den eigenen Bedürfnissen, Wünschen, Lerntypen (?) sich dem Lerngegenstand zu nähern.

Thommy: Ist die Motivation beim Präsenzlernen nicht wesentlich höher als beim E-Learning? Wie motivieren sich E-Learner?

Prof.Dr.Hufeisen: Das würde ich pauschal so nicht sagen; es gibt Lernende, die bei der Aussicht, etwas per E-Learning zu erledigen, schon einmal motiviert oder eben nicht motiviert sind. (Computer-Fans sind sicher erst einmal motiviert.) E-Learner sind sicher keine anderen Motivationsmenschen als andere; langweilige, demotivierende, unpassende, unangemessene Inhalte, Aufgabenstellungen und Darstellungsformen verschrecken in jedem Modus. Disziplinierte Lernende lernen trotzdem, egal ob langweilig oder elektronisch oder nicht elektronisch.

P.H.: Sollte man nicht mal überlegen, ob man im Rahmen von innovativem Fremdprachenlernen an Spielehersteller wie z.B. Playstation heran tritt? Singen lässt sich damit schon "bewerten", warum nicht auch fremdes Sprechen - ein Karaoke-Fremdsprechen sozusagen...

Prof.Dr.Hufeisen: Keine Ahnung, ich kann nicht programmieren, vielleicht kann man das Verlagen/Spieleherstellern mal vorschlagen. Solange damit Geld verdient werden kann, wird es immer Hersteller geben, die entsprechende Produkte auch anbieten.

Herrman_Unterer: Ich bin ein Mensch der Sprachen hautsächlich übers Hören lernt. Macht es Sinn, dass ich mir E-learning-Software kaufe?

Prof.Dr.Hufeisen: Leihen Sie sich doch Sprachlernsoftware aus und testen Sie sie, ob sie den auditiven Lerntyp, wie Sie es offenbar einer sind, bedient. Wenn sie Ihnen gefällt und Sie glauben, dass Sie damit lernen können, dann können Sie sich die Software anschaffen, ohne zu befürchten, Geld zum Fenster hinaus zu werfen. Lesen Sie entsprechende Rezensionen; oft wird darin auf solche Themen eingegangen. Eine gute Lernsoftware sollte übrigens alle Lerntypen bedienen bzw. zumindest berücksichtigen.

Sabine: Zum OWL: Bitte um Beispiel für Themen! Was heißt: "Die Studis evaluieren sich gegenseitig?"

Prof.Dr.Hufeisen: Beispiele für Themen: Wie schreibe ich eine Hausarbeit im Fach Geschichte? Wie bekomme ich heraus, welcher Schreibtyp ich bin? Wie gehe ich mit einer Schreibblockade um (wie merke ich überhaupt, dass ich eine habe?)? Wie bibliographiere ich zu einem bestimmten Thema? Wie schreibe ich eine gute Präsentation für mein Referat? Was sind die Besonderheiten eines englischsprachigen Essays? - Eingereichte, geschriebene Module werden von uns OWL-Leuten zwar gelesen, aber Rückmeldungen über die Qualität der Module erhalten die VerfasserInnen von KommilitonInnen. Erst nach einer Überarbeitungsphase werden die Module online gestellt.

Bea_Kanada: Ich lehre Deutsch an einer kleinen Schule in Ontario. Kann ich Sprachlernsoftware im Internet finden, die ich verwenden kann? Wir arbeiten noch mit Kassetten.

Prof.Dr.Hufeisen: Kassetten per se sind erst einmal gar nicht schlecht; wenn sie gut gemacht sind und nicht mehr erreichen wollen, als mit ihnen zu erreichen ist, sind sie besser als eine schlecht gemachte Software. - Shareware-Sprachlernsoftware im Internet kenne ich nicht, wird es auch nicht sehr zahlreich geben, weil sehr viel Arbeit drin steckt und nur absolute Idealisten "ihr" Kind für alle kostenfrei zur Verfügung stellen. Außerdem kann man (allerdings leider nicht immer) darauf vertrauen, dass Kauf-Software Evaluationsphasen durchlaufen hat und keine groben Fehler (mehr) enthält. Das ist wie mit privaten Homepages, von denen Studierende sich manchmal gerne etwas für ihre Arbeiten herunterladen und völlig überrascht sind zu hören, dass da Dinge stehen können, die vielleicht gar nicht richtig oder sogar grob falsch sind.

k9ert: Welche Onlinelernformen sind beim Lerner eher akzeptiert: Software/offline/umfangreiche Lernmaterialien oder eher konstruktivistisches Lernen/Wikis/Chats/kollaborativ? Und wie schätzen Sie das in der Zukunft ein?

Moderator: Liebe Chatter, bitte keine Fragen mehr stellen, wir haben nur noch zehn Minuten und noch viele Fragen in der Warteschleife.

Prof.Dr.Hufeisen: Es kommt darauf an, was das jeweilige Lernziel ist. Für Erstrecherche, Auffinden von Neuem, Hintasten zu einem Thema ist sicher die zweite von Ihnen genannte Form die hilfreichere. Wenn es um das Einüben bestimmter grammatischer Phänomene, das Trainieren von Rechtschreibung oder formbezogenen Aspekten geht, dann wird man vermutlich bei online/offline Sprachlernsoftwarematerialien eher fündig werden. Ich bin sicher, dass sich beide von Ihnen aufgemachten Richtungen weiter entwickeln werden. Auf Seiten der Lernenden zeichnet sich hin und wieder eine gewisse Müdigkeit Printmedien gegenüber ab, aber da haben wir es ja in der Hand, Arbeiten nicht anzunehmen, die nur noch URLs (oder nur noch Wikipedia) in der Literaturliste stehen haben, bzw. unsere Lernenden zu ermuntern/zwingen, auch Printquellen zu benutzen (die im Online-Zeitalter nicht obsolet werden!).

Camillo_und_Birte: Wir lernen gerade unsere Sprachen gegenseitig (Spanisch und Deutsch). Gibt es Programme, die gemeinsames Lernen durch Unterhaltungen ermöglichen? Oder wo man gleichzeitig zwei Sprachen lernen kann?

Prof.Dr.Hufeisen: Alle TANDEM-Lösungen (z.B. über den TANDEM-Server in Bochum), ansonsten skypen, Video-conferencing. Gleichzeitig mehrere Sprachen lernen kann man derzeit im Rahmen von EuroCom, aber bislang sind das immer Sprachen aus einer Sprachfamilie.

Peter-Mueller: Darf ich noch ein Zitat bringen: "Die Europäer sind dabei, zu lernen, mit Mehrsprachigkeit ebenso respektvoll umzugehen, wie es mit benachbarten und immigrierten Kulturen sein soll." - Die Lernerzahlen für DaF in z.B. Großbritannien lassen Mehrsprachigkeit eher als fernen, unrealistischen Wunsch erscheinen, oder? - Sorry, bin skeptisch.

Prof.Dr.Hufeisen: Ich stimme Ihnen zu. Wir wissen inzwischen, dass immer mehr Länder zweite und weitere Fremdsprachen in den Wahlpflicht- oder gar Wahlbereich verbannen, Englisch zur obligatorischen ersten Fremdsprache machen. Wir wissen auch, dass Lernende, die zuerst eine andere Fremdsprache gelernt haben, immer noch Energie und Motivation für das Lernen von Englisch haben. Lernende, die mit Englisch angefangen haben, meinen allzu oft, dass sie ihre fremdsprachlichen Erfordernisse erfüllt haben, und lernen signifikant seltener Fremdsprachen; gerade zu besichtigen in Norwegen, wo Englisch den Status einer Zweitsprache erhalten hat und weitere Fremdsprache in den Wahlbereich abgeschoben worden sind. Obwohl Berufsoptimistin, beschleichen mich hin und wieder Zweifel. Deshalb: Es ist wichtig, dass wir mit attraktiven Angeboten (egal ob off- oder online) Sprachenlernen spannend machen, so dass sie auch Wahlfach gewählt werden. Ansonsten: Politik machen!

Moderator: Liebe Chatter, vielen Dank für Ihr/Euer Interesse. Leider ist die Zeit schon wieder um. Vielen Dank auch an Frau Prof. Hufeisen für die Zeit und die ausführlichen Antworten.
Prof.Dr.Hufeisen: Danke, liebe KollegInnen bei Goethe. Ich fühle mich etwas gehetzt, aber spannend war es auch, und ich danke den KollegInnen für durchweg interessante und beantwortbare Fragen!

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