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Odyssee (Auszug)

 
Es war Abend geworden, und die Dunkelheit kam sehr schnell. Am Himmel stand ein schmaler Mond, die Sterne leuchteten wie silberne Fische, und vom Meer her strich ein sanfter Wind über die Stadt, über die Schiffe, die unten am Hafen vertäut waren, über die Häuser der Armen und den Palast des Königs.
Der König hieß Aristeus und war klug und gütig. Die Stadt war reich geworden unter seiner Herrschaft, denn er war ein friedfertiger Mann, der den Krieg hasste und seine Untertanen vor allem Schlimmen bewahrte. Aristeus hatte eine Frau mit Namen Phainarete und zwei kleine Söhne, die er über alles liebte. An dem Abend, von dem wir erzählen, hatte er sich eine besondere Überraschung ausgedacht, um die beiden Kinder zu erfreuen. Er wusste, dass sie, seine Frau und alle Leute bei Hofe nichts schöneres kannten, als Gedichte von fernen Ländern, von Abenteuern und Wundern zu hören, und deshalb hatte er einen Sänger zu sich gerufen, einen jener Geschichtenerzähler, die damals durch die Lande zogen, um den Menschen eine Probe ihrer Kunst zu geben.
 
Aristeus saß auf einem großen, kostbar geschnitzten Sessel und hatte den Königsstab in der Hand. Er hatte sich ein wenig nach vorne gebeugt und die Hände lauschend an die Ohren gehoben. Auch Phainarete und die beiden Kindern an seiner Seite waren ganz still, und die Leute, rings an den Wänden der mächtigen Halle, saßen schweigend auf ihren Stühlen. Alle hörten, wie der Sänger langsam näher kam. Seine Schritte knirschten auf dem Kies. Er ging sehr bedächtig, denn er war blind, und zwei Knaben mußten ihn führen. Jedermann wusste, dass der Sänger mit seinen erloschenen Augen mehr sah als die anderen Menschen, denn er blickte nach innen, und seine Gedanken waren wie Blitze, die auch die fernsten Zeiten erhellten. Im Unterschied zu uns, die wir nur selten über den Tag hinausblicken, überschaute der Sänger Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zugleich. Deshalb begegnete man ihm überall mit Achtung und freute sich, wenn seine Finger die Saiten der Leier berührten und er zu singen begann.
Die Schritte wurden lauter.
 „Gleich wird er hiersein“, sagte der König, „er ist schon an der Schwelle“.
   
Plötzlich stand der Sänger in der Halle; der Flur mit den blauen Gesimsen, das goldene Tor mit den silbernen Balken und dem blitzenden Türring lagen hinter ihm, noch ein Paar Schritte, dann hatte er den Sessel des Königs erreicht. 
Welch ein herrlicher Anblick! Die Halle schimmerte im Glanz von hundert Fackeln, die so hell waren, dass selbst der Mond, der jetzt durch die Hoffenster sickerte, vor ihrem Strahlen verblaßte. Auf den Tischen lagen Tücher aus schneeweißem Linnen, in den Bechern schimmerte rötlicher Wein, in mächtigen Körben häufte sich goldgelbes Brot.
   
„Sei gegrüßt, Aristeus“, sagte der Sänger mit einer tiefen Verneigung, „mögen die himmlischen Götter dich segnen“. Dann trat er einen Schritt zur Seite und setzte sich, als ein bescheidener Mann, vor den Herd in die Asche. Aber Aristeus und Phainarete waren aufgestanden, und, während der Sänger die Leier erhob, geleiteten sie ihn zu seinem Ehrenplatz an ihrer Seite. Dann begann der blinde Mann zu singen.
   
Er sang von Zeus, dem höchsten Gott, der auf einem fernen, schneebedeckten Berg, dem Olymp, wohnt und zu den Menschen mit der Stimme eines rollenden Donners spricht. „Groß und mächtig, Beherrscher der Menschen und Götter, König alles lebendigen ist Zeus“, sagte der Sänger, „wer seiner Stärke vertraut und ihn anbetet, wenn er im Schein der Blitze zur Erde fährt, wahrlich, dem ist ein glückliches Leben beschert.“ Und dann sang er von Hera, der Himmelskönigin, von der klugen Athene, die den Sterblichen den Webstuhl und den Pflug gebracht hat, von Hermes, dem Boten zwischen Menschen und Göttern, vom Schmiedegott Hephaistos, vom Dreizack Poseidons und dem schrecklichen Ares, dem finsteren Meister des Krieges, aber auch von der lieblichen Aphrodite, deren Zauber niemand entrinnen kann, vom strahlenden Apoll und seiner königlichen Schwester, der wilden Jägerin Artemis.
   
 „Bei den Göttern  ist Anfang und Ende“, sagte der Sänger, „sie waren schon, als es die Menschen noch nicht gab, und sie werden sein, wenn wir längst tot sind.“ Er hatte die Stimme erhoben, und seine Worte klangen laut und feierlich. Dann schwieg er einen Augenblick, und man hörte das Feuer im Herd und den Wind, der von draußen, vom Garten und vom Meer her kam. „Es wird eine klare Nacht“, sagte der Sänger, „wenn es euch recht ist, werde ich so lange singen, bis die Morgenröte im Osten erscheint und Helios´ Sonnenwagen wieder aus den Wogen steigt. Dann wollen wir den Göttern ein Opfer bringen und uns zur Ruhe begeben. Jetzt aber hört die Geschichten, die ich euch erzähle. Sie berichten vom Kampf um Troja und von den Abenteuern des Odysseus; es sind Sagen von einem großen unseligen Krieg, vom göttlichen Achill und von Thetis, seiner Mutter, von Priamos, dem uralten König der Troer, vom tapferen Hektor und seinem Weib Andromache, von Helena, der schönsten Frau, und von Paris, mit dem das Unheil begann.“
   
An dieser Stelle wurden die Leute im Saal unruhig und fingen an zu murmeln.
„Von welchem Unglück spricht er?“ fragte ein Fackelträger.
„Wir verstehen dich nicht“, sagte eine Frau, „was war mit diesem Paris?“
„Beginne ganz von vorn“, sagte der König, „und laß nichts aus. Erzähl uns zuerst, wie der trojanische Krieg begann.“
   
„Das ist eine lange Geschichte“, sagte der Sänger, „sie spielt in einer Zeit, als unsere Großväter noch Kinder waren. Damals hatte Hekabe, die Frau des Priamos, einen seltsamen Traum. Sie war am Tage mit Hektor, ihrem ersten Sohn, spazierengefahren, und weil sie sich müde fühlte und in jenen Wochen ein zweites Kind erwartete, hatte sie sich abends früher als sonst schlafen gelegt. In dieser Nacht träumte sie, dass Artemis, zu der die Frauen in der Stunde der Geburt beten, ihr statt eines Kindes einen brennenden Scheit schenken würde, eine Fackel, die einmal ganz Troja in Brand setzen sollte. Da erschrak die Königin und fragte die göttlichen Seher um Rat; denn sie fürchtete, dass dieser Traum etwas schlimmes bedeuten könnte.
   
Als sie nach einiger Zeit einen zweiten Knaben gebar, gedachte Hekabe der Worte des Sehers: „Du sollst einen Sohn gebären, der seine Vaterstadt vernichten wird“, und weil sie ihre Heimat liebte, folgte sie dem Rat des göttlichen Mannes und übergab das Kind einem Sklaven, damit er es auf dem Ida-Gebirge aussetze.
   
Der Sklave gehorchte, aber als er einige Tage später wieder auf den Ida stieg, um den nach Kleinen zu sehen, lebte das Kind noch immer. Eine Wölfin hatte es gesäugt und sein Leben gerettet. Da erschrak der Sklave, trug den Jungen in seine Hütte und gab ihm den Namen Paris.
   
Später, nach vielen Sommern und Wintern, wurde Paris ein Hirt, und weil er schön und mutig war, liebten ihn die anderen Hirten und waren dankbar, dass er sie vor den Räubern beschützte. Paris aber war oft allein, und seine Gedanken waren nicht die eines Hirten. Ahnte er, dass ein Rätsel über seinem Leben lag und die Götter ihn zu ihrem Werkzeug bestimmt hatten? - Jedenfalls begegnete ihm eines Tages, als er im Schatten einer Tanne lag und mit einem Bergquell Zweisprache hielt, eine seltsame Gestalt ... ein schlanker Jüngling mit Filzhut und Jagdtasche und sehr merkwürdigen Schuhen, die wie Schnäbel aussahen, aber in Wirklichkeit Flügel waren. Als Paris diese Schuhe sah, erschrak er, denn er wusste, dass der Götterbote Hermes von ihm stand.
   
„Du brauchst nicht zu erschrecken“, sagte Gott, „sei vielmehr getrost, denn die Unsterblichen brauchen deinen Rat.“ Als er diese Worte sprach, traten drei Frauen aus dem Wald. Die eine war sehr stolz, aber auch groß und von leuchtender Schönheit. Sie ging auf Paris zu und sagte: „Ich bin Hera, siehst du den goldenen Apfel in meiner Rechten? Nimm ihn und betrachte ihn genau. Wenn du mich für schöner als meine Gefährtinnen hältst, gib ihn mir zurück. Zur Belohnung werde ich dir alle Macht der Welt schenken.“
   
„Ich heiße Athene“, sagte die zweite, die nicht geringer an Schönheit schien. Sie hatte Augen von der Bläue des Meers und eine Stirn, die der Klarheit eines Kristalls glich. „Wenn du mir den Preis der Schönheit zuerkennst, wirst du den größten Ruhm durch Tapferkeit und Weisheit gewinnen.“
   
Die dritte aber nannte sich Aphrodite, und sie war so anmutig und lieblich, so zauberhaft im Glanz ihrer Kleidung, dass Paris ihr, kaum dass er sie gesehen hatte, den Apfel übergab. Dafür versprach sie ihm die schönste Frau der Welt.
Die anderen beiden jedoch, Hera und Athene, wurden zornig und schworen dem Paris und seiner Vaterstadt Troja grimmige Rache.
   
Von den
Versprechungen
der Aphrodite verführt, verließ Paris bald darauf den Ida und zog in die Ebene Troas hinab. Als ein Fremdling betrat er seine Vaterstadt, aber als er sich bei den Wettkämpfen - es waren Leichenspiele für einen Verwandten des Königs - auszeichnete und sogar den tapferen Hektor besiegte, wurde er von seiner Schwester, der Seherin Kassandra, erkannt.
Unglückliches Troja! Statt sich der warnenden Sprüche zu erinnern, die mit dem Namen des schönen Paris verknüpft waren, schickten die Eltern, Priamos und Hekabe, der wiedergefundenen Sohn mit einer Gesandtschaft an den Hof des spartanischen Königs Menelaos. Hätten sie sich doch der Prophezeiungen ihres Sohnes Helenos erinnert : „Wenn Paris nach Griechenland kommt, wird er dort eine Frau finden, die uns alle vernichtet!“
   
Aber es war zu spät. Als Paris´ Staatsschiff auf der Reede vor der Insel Kythere, nicht weit von Sparta entfernt, von Anker ging, benutzte der Königssohn die Gelegenheit, um im Tempel Aphrodites, seiner Lieblingsgöttin, zu beten. Nachdem er sein Opfer beendet hatte und, noch in fromme Gedanken versunken, wieder aufsah, vermerkte er voll Verwunderung, wie eine Frau auf ihn zutrat, die ihm so schön, so elegant und vollkommen wie Aphrodite selbst erschien. Es war Helena, die Königin von Sparta.
   
Im gleichen
Augenblick,
als Paris Aphrodites Lieblingskind gewahrte, bebte sein Herz, und er wusste, dass die ihm von der Göttin verheißene Frau an seiner Seite stand. Da ergriff er ihre Hand und führte sie auf sein Schiff.
So ging Hekabes Traum in Erfüllung und der trojanische Krieg begann, denn als Menelaos von der schändlichen Tat des schönen Paris erfuhr, verließ er den greisen Nestor in Pylos - dorthin hatte er eine Gesandtschaft geführt - und eilte in gewaltigen Märschen nach Mykene, um sich mit seinem Bruder Agamemnon zu beraten. 
   
Mykene war damals eine herrliche, goldreiche Stadt, Löwen schirmten ihre Tore, und die Mauern waren so stark, dass kein Feind sie je zu erobern vermochte. Dort herrschte der große Agamamnon, gemeinsam mit Klytaimnestra, seinem Weibe, und seinen Kindern Iphigenie, Elektra und Orest.
   
Agamemnon teilte den Schmerz seines Bruders, aber zugleich erinnerte er sich, dass die griechischen Fürsten vor langer Zeit geschworen hatten, Helenas Gatten in Freud und Leid zur Seite zu stehen. Darum berief er die Könige von überallher nach Mykene, und da gab es niemanden, der den Eidschwur verletzte und Menelaos die Hilfe versagte. Zuerst kamen Nestor, Diomedes und der telamonische Ajas, später Machaon, der Arzt, und der lokrische Ajas, am Ende die beiden gewaltigsten Helden, der listig-schlaue Odysseus und der blonde Achill, dem keiner im Kampf widerstand. Und als ein Jahr vergangen war, versammelten die Fürsten die vereinte Flotte in der Bucht von Aulis, einer Hafenstadt im Norden Griechenlands. Dort rüsteten sie sich, schulten die Krieger, übten sich zur See und auf dem Land und, nachdem die Troer, von Helenas Schönheit verführt, es abgelehnt hatten, die Königin zurückzugeben, segelten die Griechen über das Meer und belagerten Troja mehr als hundert Monate lang. Doch die Trojaner wehrten sich sehr tapfer, und als das zehnte Jahr begann, war eine Entscheidung immer noch nicht abzusehen.
„Dieses zehnte Jahr aber“, sagte der blinde Sänger an jenem Abend im Palast des Königs Aristeus, „hat ein größerer, als ich beschrieben. Sein Name ist Homer, und die Geschichte von Trojas Größe und Untergang heißt: „Die Ilias“ Erlaubt, dass ich euch wiederverkünde, was einst mein Vorfahr Homer in unsterblichen Gesängen erzählte.“