Mein Lieblingsbuch

Jochen Hörisch: Mein Lieblingbuch

Die Wahlverwandtschaften
Johann Wolfgang von Goethe

In meinem Lieblingsbuch, das zugleich das objektiv beste Buch ist, das je in deutscher Sprache verfasst wurde (aber so müssen alle, die wahrhaft lieben, reden, denn Liebe wäre keine wahre Liebe, wenn sie nicht das Liebesobjekt in Sphären jenseits aller subjektiven Relativität ansiedelte), in Goethes 1809 erschienenem Roman Die Wahlverwandtschaften gibt es eine (unter vielen) ebenso großartige wie abgründige Passage. Sie handelt davon, was ein Lieblingsbuch mit seinem Leser und in diesem Fall mit einer schönen, großäugigen, nicht nur in ein Buch, sondern auch in einen Menschen verliebten Leserin anzustellen vermag. Ottilie, so heißt es da von der Geliebten Eduards, die dessen ehelich gezeugten Sohn betreut, „trug das Kind und las im Gehen nach ihrer Gewohnheit. So gelangte sie zu den Eichen bei der Überfahrt. Der Knabe war eingeschlafen; sie setzte sich, legte ihn neben sich nieder und fuhr fort zu lesen. Das Buch war eins von denen, die ein zartes Gemüt an sich ziehen und nicht wieder loslassen. Sie vergaß Zeit und Stunde und dachte nicht, daß sie zu Lande noch einen weiten Rückweg nach dem neuen Gebäude habe; aber sie saß versenkt in ihr Buch, in sich selbst, so liebenswürdig anzusehen, daß die Bäume, die Sträuche ringsumher hätten belebt, mit Augen begabt sein sollen, um sie zu bewundern und sich an ihr zu erfreuen. Und eben fiel ein rötliches Streiflicht der sinkenden Sonne hinter ihr her und vergoldete Wange und Schulter.“

Ottilie, keine Frage, hat ein Lieblingsbuch – eines jener Bücher, „die ein zartes Gemüt anziehen und nicht wieder loslassen“. Dem Zauber ihres Lieblingsbuches ist sie wie dem Zauber eines geliebten Menschen gänzlich verfallen, so verfallen, dass ihre eigenen zauberhaften Reize sich im Lesen ihrerseits nochmals steigern, so steigern, dass Ottilie zum weiblichen Orpheus wird, dem Bäume und Sträuche zusprechen würden, wenn sie denn sprachbegabt wären. Die Szene ist zu schön, um wahr zu sein. Und sie endet unschön. Denn Ottilie ist so vorbehaltlos in ihr Lieblingsbuch „versenkt“, dass ihr hingebungsvolles Lesen kein geringeres Opfer fordert als das Leben des Kindes, das sie betreut. Ottilie muss feststellen, dass sie sich lesend verspätet hat, und darum will sie, um das Kind rechtzeitig seiner Mutter zurückgeben zu können, den Weg zum Schloss abkürzen, indem sie sich, ihr Lieblingsbuch und das Kind, das nicht ihres und doch ihres ist (hat Eduard bei seiner Zeugung doch sie herbei phantasiert) einem Kahn anvertraut. „Auf dem linken Arme das Kind, in der linken Hand das Buch, in der rechten das Ruder, schwankt auch sie und fällt in den Kahn. Das Ruder entfährt ihr nach der einen Seite und, wie sie sich erhalten will, Kind und Buch nach der andern, alles ins Wasser.“ So lakonisch endet eine Passage, die eben noch vom verklärenden Goldglanz der sinkenden Sonne berichtete. Wie subtil Goethe das gemacht hat, wie souverän hier die Versenkung in ein Buch, die sinkende Sonne und die schockierende Versenkung eines Kindes ineinander verwoben werden. Nicht die sie umgebende Natur wird sich Ottilie (deren Name und Gestalt auf Lilien anspielen) angleichen, vielmehr wird sie in jedem Wortsinne entsagen, sprachlos werden und verstummen – also so beredt werden, wie nur Bücher es vermögen. Noch einmal: Goethes Roman Die Wahlverwandtschaften ist nicht irgendeines unter vielen guten Büchern, die liebevolle Verehrung verdient haben – diese Prosa ist das beste deutschsprachige Buch überhaupt. Wer das bestreitet, hat nie wirklich geliebt und gelesen, schreibt jemand, der ein Leseleben lang mit einem Buch verheiratet ist und das Glück hat, früh dem besten und liebenswertesten aller denkbaren Bücher begegnet zu sein.

Wer in Lieblingsbüchern nach Szenen sucht, die von Lieblingsbüchern berichten, wird eine seltsame Entdeckung machen: Die große Literatur, die es verdient, zum Lieblingsbuch erkoren zu werden, warnt mit eigentümlicher Regelmäßigkeit vor Lieblingsbüchern. Nur zwei Beispiele aus der Sphäre, die man Höhenkammliteratur nennt. Paolo und Francesca, so berichtet Dantes Göttliche Komödie, haben ein Lieblingsbuch – die Liebesgeschichte von Lanzelot und Ginevra. Die gemeinsame Lektüre des Lieblings- und Liebesbuches hat, wie Francesca im fünften Gesang des Inferno gesteht, fatale Folgen.

Wir lasen eines Tages zum Vergnügen
Von Lanzelot, wie Liebe ihn umstrickte,
Allein und unbeargwohnt waren wir.
Oft hieß des Buches Inhalt uns einander
Scheu ansehn und verfärbte unsre Wangen;
Doch nur ein Punkt war's, welcher uns bewältigt.
Denn als wir, wie das langersehnte Lächeln
Von solchem Liebenden geküßt ward, lasen,
Da küßte, dem vereint ich ewig bleibe,
Am ganzen Leibe zitternd, mir den Mund.
Zum Kuppler ward das Buch und der's geschrieben.
An jenem Tage lasen wir nicht weiter. (übers. Karl Witte)


Nicht nur Paolo und Francesca, auch Madame Bovary wird, ähnlich wie und doch auch ganz anders als Don Quichotte, ein Opfer der Liebe zu Büchern. Sie, die vom Leben und der Liebe enttäuscht ist, sucht Anregungen und Alternativwelten im Lesen. Von Spaziergängen in der schönen Natur, die ein neuer Nachbar empfiehlt, will sie nichts wissen, vom Flanieren in den Phantasiewelten, die Bücher eröffnen, um so mehr. „»Meine Frau gibt sich damit nicht weiter ab«, unterbrach ihn Karl. »Obgleich ihr körperliche Bewegung verordnet ist, bleibt sie lieber dauernd in ihrem Zimmer und liest.« / »Ganz wie ich!« fiel Leo ein. »Was wäre wohl auch gemütlicher, als abends beim Schein der Lampe mit einem Buche am Kamin zu sitzen, während draußen der Wind gegen die Fensterscheiben schlägt?« / »So ist es!« stimmte sie zu und blickte ihn mit ihren großen schwarzen Augen voll an. / Er fuhr fort: / »Dann denkt man an nichts, und die Stunden verrinnen. Ohne daß man sich bewegt, wandert man mit dem Erzähler durch ferne Lande. Man wähnt sie vor Augen zu haben. Man träumt sich in die fremden Erlebnisse hinein, bis in alle Einzelheiten; man verstrickt sich in allerhand Abenteuer; man lebt und webt unter den Gestalten der Dichtung, und es kommt einem zuletzt vor, als schlüge das eigene Herz in ihnen.« / »Wie wahr! Wie wahr!« rief Emma aus. / »Haben Sie es nicht zuweilen erlebt, in einem Buche einer bestimmten Idee zu begegnen, die man verschwommen und unklar längst in sich selbst trägt? Wie aus der Ferne schwebt sie nun mit einem Male auf einen zu, gewinnt feste Umrisse, und es ist einem, als stehe man vor einer Offenbarung seines tiefsten Ichs ...« / »Das hab ich schon erlebt!« flüsterte sie.“ (übers. Schurig) Auch mit dieser Liebhaberin von Büchern wird es ein böses Ende nehmen.

Die Paradoxie ist offensichtlich. Großartige Bücher wie Dantes Göttliche Komödie, Goethes Wahlverwandtschaften und Flauberts Madame Bovary warnen davor, Büchern allzu sehr zu vertrauen und sie allzu leidenschaftlich zu lieben – aus Liebe zu ihren Lesern und Leserinnen. Sie handeln wie die große Geliebte des Doktor Faustus in Thomas Manns Roman: Esmeralda warnt Adrian davor, sich auf sie einzulassen – aus Liebe. Bücher, die sich, einer alten Tradition folgend, ihren geneigten Lesern als Freunde und Liebesobjekte anempfehlen, sind deshalb suspekt. Zum wirklichen Lieblingsbuch taugen nur die Bücher, die sehr genau vom Wissen zeugen, dass Lesen, Leben und Lieben zwar miteinander verwandt, aber eben nur wahlverwandt sind. Auch Bücher sind mit Menschen wahlverwandt und stehen eben deshalb zu ihnen in einem Spannungsverhältnis.

Alle drei zitierten Szenen haben bei allen Unterschieden doch diese Gemeinsamkeit, dass sie erst einmal Bücher wie Menschen, ja wie intime Freunde erfahrbar machen. Verwunderlich ist das nicht. Schon die Begrifflichkeit, die Bücher umgibt, ist anthropomorph. Bücher sind nicht Dinge unter anderen; sie sind vielmehr (wie) menschliche Lebewesen und eben deshalb lesens- und liebenswert. Bücher haben wie professionell gebildete Menschen einen Titel, sie haben einen Rücken, und sie können, wenn sie denn Gelehrtes enthalten, Fußnoten haben. Textsammlungen bilden einen corpus (lat. Körper), und Körper bedürfen, um vor der Umwelt geschützt zu sein, der Textilien, in die sie sich einschmiegen können. Text und Textil sind nächstverwandte Begriffe; Bücher bearbeiten einen Stoff und entfalten Motive. Dichter texten, weben, spinnen ihr Garn, und sie durchwirken einen Text mit einem roten Faden (kein anderer Roman als Goethes Wahlverwandtschaften hat die Wendung vom roten Faden populär gemacht). Jemand spricht wie ein Buch, jemandes Seele ist ein offenes Buch, im Buch des Lebens kann ein neues Kapitel aufgeschlagen werden. Bücher sind aber nicht nur den Menschen, die sie lesen, ähnlich, sondern auch überlegen. Sie sind menschenfreundlich und übermenschlich zugleich.

Selbst im Internetzeitalter ist die großdimensionierte Buchmetaphorik omnipräsent. Im Buch der Natur, der Geschichte, der Schöpfung und der Welt zu lesen, ist ein Projekt, das noch den umtreibt, der sich dem Internet anvertraut. Bücher haben eine handfeste Dimension, elektronische Daten nicht. Es ist auffallend, dass das Internet mit dem unsicheren Element des Wassers assoziiert wird. Wir surfen und navigieren im Datenmeer, ja im Netz (seltsame Katachrese: denn dort, wo Netze ausgeworden sind, wird keiner surfen wollen und können…) und drohen wegen information overlaod unterzugehen. Cloud computing wird daran wenig ändern. Bücher bleiben hingegen der Erde treu. Sie bestehen aus festen Buchstaben, liegen gut in der Hand und überleben zumeist ihre Nutzer. Leser von Büchern surfen nicht, sie verharren in eigentümlicher Entschleunigung vor dem haltbaren, kompakten, festen und zugleich bedeutsamen Ding, das ihnen vor Augen liegt und zur Hand ist. Ab einem gewissen Umfang taugen Bücher in all ihrer geistreichen Materialität gar dazu, allzu dumme und aggressive Rezensenten körperlich zu behelligen; man kann sie unliebsamen Gesprächspartnern nachwerfen, ohne fürchten zu müssen, dass sie dann den Geist aufgeben.

Mit einem elektronischen Buch oder einem iPad sollte man das nicht versuchen. Schon die Vorstellung, dass alle Bücher, wenn sie denn elektronisch daher kommen, gleich aussehen, gleich riechen und dasselbe Format haben, ist dem Buchliebhaber so unerträglich wie dem leidenschaftlich Liebenden der Hinweis, dass in der Nacht alle Katzen grau und alle Frauen Frauen seien. Ein Buch qualifiziert sich zum Lieblingsbuch auch durch seine äußere Gestalt, durch seine Aura, durch die Anmutung seines Einbandes und seines Papiers, durch die Farbe des Lesebändchens, durch die Drucktype und den Zeilenabstand und nicht zuletzt durch die unverwechselbaren Umstände, die zum ersten Rendezvous mit diesem singulären Exemplar geführt haben. Bei diesem Bouquinisten an der Seine an jenem späten Mainachmittag, in jenem Antiquariat in der Seitenstraße der Kleinstadt, in die es mich in den Ferien verschlug, auf diesem wenig beachteten Stand der Buchmesse oder an diesem Weihnachtsgabentisch bin ich meinem Lieblingsbuch zuerst begegnet – so müssen Geschichten um Lieblingsbücher beginnen. Downloads sind von durchschlagend unromantischer Qualität, sie initiieren keine Liebesgeschichten. Aus dem Rendezvous mit einem Buch kann jedoch eine heiße Affaire – und eine lebenslange Bindung hervorgehen. Kein Computer wird so haltbar sein wie ein Buch. Was Gutenberg vor mehr als einem halben Jahrtausend druckte, hat heute noch Bestand; hingegen wird kein heute funktionierender Rechenknecht in fünfzig Jahren noch funktionsfähig geschweige denn an der Zeit sein.

Buchliebhaber sollten sich dennoch keine Illusionen machen: die Elektronisierung des Buches ist in vollem Gange, sie wird nicht aufzuhalten und auch nicht auszubremsen sein. Aber so wie eine Autofahrt zum Wochenendgroßeinkauf im Supermarkt etwas anderes ist als ein sonntäglicher Ausritt oder eine Kutschfahrt, so ist auch die hingebungsvolle wiederholte Lektüre eines Lieblingsbuches etwas anderes als der Download eines Textes auf ein Smartphone oder ein E-Book. Und so wie es auch im Zeitalter der Autobahnen noch Pferde gibt, so wird es auch im Zeitalter der Daten-Highways noch richtige Bücher geben. Auch wenn es rettungslos sentimental und romantisch klingt: Lieblingsbücher sollten Lieblingsbücher sein, weil sie ewig sind und deshalb zeitlichen Menschen dauerhafte Offenbarungen versprechen (das kann auch die Offenbarung sein, dass es keine endgültigen Offenbarungen gibt; das kann auch die Einsicht sein, dass nur eines auf Dauer gestellt ist: die Furie des Verschwindens).

„Ich bin kein ausgeklügelt Buch, / Ich bin ein Mensch in seinem Widerspruch“, lauten vielzitierte Worte aus Conrad Ferdinand Meyers 1872 erschienenem Gedicht Huttens letzte Tage. Menschen begreifen sich nicht ohne Stolz als sprechende Wesen, die der sprachlosen pflanzlichen und tierischen Um- und Mitwelt überlegen sind. Wer spricht, muss jedoch damit rechnen, dass andere ihm Contra geben und durchaus auch, dass er sich selbst widerspricht. Dass die Welt und das Dasein voller deutungsbedürftiger Widersprüche ist, zählt zu den Grund- bzw. zu den Abgrunderfahrungen des Lebewesens, das die Sprache hat (zoon logon echon) bzw. von der Sprache besessen wird. Und deshalb suchen sprechende, widersprechende, in sich widersprüchliche Menschen Halt an festen Buchstaben. Bücher versprechen Halt, sie sind dauerhaft, ihre Autoren haben, jedenfalls dann, wenn sie zu Lieblingsautoren erkoren wurden, Autorität. Das Schema ist von großer Suggestivität: gesprochene Worte verfliegen im Wind; wer schreibt, bleibt, wer spricht nicht; scripta manent, verba volant. Auch deshalb ist die Umstellung vom gedruckten zum elektronischen Buch so abgründig: sie gleicht die Schrift der Rede an, die im Winde verweht. Bestenfalls ist das, was auf Monitoren zu lesen ist, „written in water“.

Bleibt die schon eingangs angeklungene Frage, ob man / frau ein absolutes Lieblingsbuch oder aber Lieblingsbücher haben sollte. „Die Liebe liebt das Wandern - / Gott hat sie so gemacht - / Von einem zu dem andern. / Fein Liebchen, gute Nacht!“ heißt es gänzlich unromantisch und unsentimental im ersten Gedicht von Wilhelm Müllers Zyklus Die Winterreise, der durch Schuberts im Jahre 1828 vollendete Vertonung unsterblich wurde. Es gibt viele Männer oder Frauen und eben auch sehr viele Bücher, in die frau / man sich so verlieben kann, dass die Versuchung unwiderstehlich wird, von einem zum andern zu wandern. Monogamie im Reiche der Bücher – das ist eine seltsame Vorstellung. Sie erinnert an den aggressiven Witz, den Kritiker gegen nicht sonderlich belesene Politiker, Schauspieler, Sportler oder Gegner aller Couleur richten können. Das Fernsehen meldet: „Die Privatbibliothek von xy ist abgebrannt. Beide Bücher wurden ein Opfer der Flammen. Dabei war das eine noch nicht einmal zu Ende ausgemalt.“ Unter solchen, aber eben nur unter solchen Umständen ist es leicht, ein und nur ein Lieblingsbuch auszumachen.

Ein Jahrhundert nach Schuberts Winterreise wurde ein Film weltberühmt, dem ein Buch zugrunde lag und der vom traurigen Schicksal eines belesenen Menschen berichtete. Prof. Rat bzw. Prof. Unrat wendet sich vom Lesen ab und dem Leben und Lieben zu. Gute Erfahrungen macht er mit dieser Wanderung aus der einen in die andere Sphäre allerdings nicht. Denn er, der ganz einer einzigen und in seinen Augen einzigartigen Frau verfallen ist, muss ausgerechnet aus ihrem Mund ein unsentimentales Lied hören, das deutlich auf das Eingangslied der Winterreise anspielt. Marlene Dietrich singt im Blauen Engel ein unvergessliches Plädoyer für polyerotische Beziehungen:

Wer wird denn weinen,
wenn man auseinander geht,
Wenn an der nächsten Ecke
schon ein Anderer steht?
Man sagt Auf Wiedersehen
und denkt sich heimlich bloß:
Na endlich bin ich wieder ein Verhältnis los.

Leidenschaftlich Verliebte hören solche Verse nicht gerne. Für sie gilt, um sachlich über Leidenschaftliches zu sprechen, der passionierte Code „Du und kein Anderer bzw. keine Andere“. Liebe verlangt Ausschließlichkeit. Gilt das auch im Hinblick auf das Lieblingsbuch? Schon die beliebte Frage, welche drei Bücher man auf eine einsame Insel mitnehmen würde, kann einem leidenschaftlichen Buchliebhaber als Frevel gelten. Er hält sich an das Wort aus dem Buch der Bücher und wandelt das monotheistische Motiv schlechthin in ein monobibliophiles Motiv: Du sollst kein anderes Buch haben neben mir. Denn dieses Buch hat mich erleuchtet, mich durch alle Krisen begleitet, mein Leben verändert, mir stets erneut Trost gespendet, mir geholfen, dem stummen Gewicht der Welt sprachlich Stand zu halten, mir die Welt verständlich und erträglich gemacht oder gar (um ins dramatische oder filmische Fach zu wechseln) die Kugel aufgehalten, die auf mein Herz zielte. Erst der Leser, der mit vielen Büchern angebändelt hat, weiß, dass es für ihn ein Buch der Bücher, ein ultimatives Lieblingsbuch gibt.

Vom großen Leser Walter Benjamin stammt nicht nur das krasse Wort „Bücher und Dirnen kann man ins Bett nehmen“, sondern auch der feine Hinweis, dass Bücher, die das Zeug zum Lieblingsbuch haben, ihre Entstehung enttäuschter Liebe verdanken. „Schriftsteller sind eigentlich Leute, die Bücher nicht aus Armut sondern aus Unzufriedenheit mit den Büchern schreiben, welche sie kaufen könnten, und die ihnen nicht gefallen.“ Dies ist der hohe Preis, den großartige Autoren für ihr Werk zahlen müssen: dass sie schon vorhandene Bücher nicht lieben dürfen. Für die Glücklichen, die ein Lieblingsbuch haben, das auch und gerade angesichts vieler anderer Bücher, der sich die wandernde Liebe zuwenden könnte, Bestand hat, gilt hingegen, dass lesende Treue reich belohnt wird. Z.B. mit der Erleuchtung, die sich bei der wiederholten Lektüre der Wahlverwandtschaften einstellt. In diesem Roman steht ein Satz zu lesen, der offenbart, was geschehen kann, wenn aus dem Rendezvous zwischen einem Buch und einem Leser eine heiße Affaire und sodann eine Dauer im Wechsel versprechende Lebensliebe wird: „Das Leben war ihnen ein Rätsel, dessen Auflösung sie nur miteinander fanden.“

Jochen Hörisch