2. Platz: Beate Tröger: Mein Lieblingbuch
Das Parfüm
Patrick Süskind
Die Provinzschule aus den Fünfzigerjahren war ein Gebäude, für dessen kompromisslose geometrische Strenge wir Schüler damals nur Geringschätzung übrig hatten. Der dreistöckige Flachdach-Riegelbau, in dem die Klassenzimmer untergebracht waren, hatte eine Lochfassade mit regelmäßigen, ungefähr zwei Meter hohen und eineinhalb Meter breiten, vollverglasten Fensteröffnungen. Die Unterrichtsräume, die auf der Südseite des Riegels angeordnet waren, zeigten sich regelmäßig in helles Licht getaucht, und diese gut gemeinte Anordnung hatte einen gewaltigen Haken: die riesigen, nicht unterteilten Fenster ließen sich nicht öffnen. Viel zu weit hätte ein Flügel in den Raum geragt, viel zu gefährlich groß dimensioniert, als dass man sie hätte offen stehen lassen können. Lediglich der an vielen Fenstern längst defekte Hebel ermöglichte ein fast folgenlos bleibendes Lüften der Räume. Betätigte man einen intakten, neigte sich das riesige Fenster in einem minimalen Winkel leise seufzend nach innen, und wenn man Glück hatte und die Luft draußen in Bewegung war, gelangte hin und wieder etwas Sauerstoff ins Klassenzimmer.
So war die Luft in den Klassenzimmern also schlecht, schuljahrein, schuljahraus. Am Morgen, wenn man den Raum betrat, mischte sich in den trockenen Kreidestaubgeruch der schale Geruch der halbfeuchten Tafelschwämme. In regelmäßigen Abständen hing über diesem trostlosen Grundodeur ein scharfer Hauch von virenabtötenden Putzmitteln. Im Laufe einer Unterrichtsstunde im Klassenverband mischten sich die Ausdünstungen aller Anwesenden hinein. Man schwitzte über Klassenarbeiten nicht weniger als über der Gruppenarbeit, Lehrer hyperventilierten, mal vor Wut, seltener vor Eifer. Man schwitzte beim Anblick des oder der Angebeteten, in mitgebrachten Sportbeuteln müffelte die Turnkleidung nach der Sportstunde leise vor sich hin. Dazu gaben Schulbrote ihren Wurst- und Käsegeruch an die Atmosphäre ab, unter einer Bank wurden vergessene Milchtüten stechend ranzig.
Im Winter drängte sich der Geruch trocknender Wollschals dazwischen, die Luft vertrocknete dennoch förmlich von zu hoch geregelten Heizkörpern. Wann immer es draußen kalt war, brandeten jähe Auseinandersetzungen auf, wenn die Gruppe der Frischluftfanatiker nach gekippten Fenstern verlangte und niedergeschrien wurde von der meist in der Überzahl vertretenen Fraktion derer, die sofort nach dem Betätigen der wenigen noch intakten Kippmechanismen steif und fest behaupteten, sie würden erfrieren, schlösse man nicht unverzüglich alle Fenster. Die sanken daraufhin seufzend zurück in die Vertikale. Und alle empfindlicheren Nasen, darunter meine, rümpften sich beleidigt. Man versank erneut im Elend eines jämmerlichen Potpourris, in sauerstoffarme, resignierte Agonie.
Ich wünschte mir sehnlichst, meine Nase zuklappen zu können, ganz so, wie sich Elias Canetti in seinen Aufzeichnungen einmal sehnlichst wünscht, die Ohren möchten doch gegen grelle Töne verschließbar sein wie Augenlider, wenn zu grelles Licht auf die Pupille trifft.
In meiner Gymnasialzeit las ich alles, was ich in die Finger bekam, wann immer ich konnte und an allen passenden und unpassenden Orten, an denen ich mich halbwegs ungestört wähnte.
Eines Tages, ich war wohl fünfzehn oder sechzehn, und weiß heute nicht mehr, auf welchem Weg jenes Buch zu mir geraten war, hielt ich Patrick Süskinds »Das Parfum. Die Geschichte eines Mörders« in Händen. Der Name des Autors sagte mir nichts, doch Titel und Untertitel gefielen mir so gut wie das Cover. Ich beschloss, vielleicht unbewusst geleitet von dem Bildausschnitt aus Antoine Watteaus „Nymphe et Satyre ou Jupiter et Antiope“, auf dem die schöne, schlafende Nackte auf eine grünfließende Fülle von Stoff gebettet liegt, (der Satyr, der die Schlafende lüstern betrachtet, aber aus dem Bild herausgeschnitten ist, wie ich viel später erfahren habe), die Lektüre in der Badewanne zu beginnen, ein damals von mir geschätzter Leseort, der Ungestörtheit garantierte. Altergemäß mengte ich dem einlaufenden Wasser etwas stark Schäumendes in großzügiger Dosis bei und versenkte mich, nachdem die Wanne gefüllt und blubbernd bekrönt war, darin. Es brauchte nicht eine ganze Seite bis zu dem einen Satz, den ich las und wusste, dass ich ein Buch vor mir hatte, das Worte für mein Leiden an den schlechten Gerüchen der Welt fand. Der zweite Absatz begann mit den Worten: „Zu der Zeit, von der wir reden, herrschte in den Städten ein für uns moderne Menschen kaum vorstellbarer Gestank.“
Dieser Satz erinnerte mich an die Luft im Klassenzimmer, rief die Erinnerung an jene unerträgliche Mischung aller Geruchsquellen wach. Und ich biss an wie ein Fisch nach dem Köder schnappt, begann, die Geschichte des genialen Schurken Jean-Baptiste Grenouille regelrecht in mich aufzusaugen. Zwischendrin ließ ich immer wieder einen Teil des abkühlenden Badewassers ablaufen und öffnete, allen elterlichen Anweisungen zum vernünftigen Umgang mit der kostbaren Ressource zum Trotz, den Hahn, um eine entsprechende Menge heißen Wassers nachlaufen zu lassen. Als ich einen ordentlichen Teil des Buches verschlungen hatte und meine Epidermis einer Dörrpflaume ähnelte, verließ ich die Wanne, griff schlafwandlerisch nach dem nächstbesten Bademantel, um in meinem Zimmer so lange keinen anderen Gedanken an mich heranzulassen, bis ich, äußerlich aufgeweicht, innerlich völlig atemlos, ob der unglaublichen Geschichte dieses Mörders auf der letzten Seite angelangt war und schließlich einschlief.
Von diesem Zeitpunkt an litt ich merklich weniger unter den stinkenden Klassenräumen, den muffigen Bussen, die uns jeden Morgen zur Schule kutschierten und jeden Mittag wieder nach Hause verfrachteten, ich litt weniger an all jenen unangenehmen Gerüchen, die mal jäh in die Nase fahren, mal leise sich einschleichen: Gerüche, die einfach da sind, ohne dass man sie gesucht hätte. Ich litt weniger, denn ich wusste nun, dass meine Nase ja immerhin längst nicht so fein war wie die Grenouilles. Er konnte die Raupe im Blumenkohl finden, noch ehe der Kohl zerteilt war, die Milch im Glas noch der Kuh zuordnen, von der sie stammte, konnte jede Eidechse unter einem Stein erschnüffeln, während seiner Lehrzeit als Parfumeursgeselle bei komplizierten Mazerationen, bei denen Blüten in heißem Fett gekocht werden, genau bestimmen, wann die Temperatur genau richtig war, wann die Blüten ihren letzten Duft ungetrübt abgegeben hatten. Ist „Das Parfum“ also mein liebstes Buch? Auf jeden Fall gehört es in seinem sezierenden, unerbittlichen Duktus zu den unangreifbarsten, die ich kenne. In den rund zwanzig Jahren, die seit meiner ersten Lektüre vergangen sind, habe ich es wieder und wieder verschlungen, es ob seiner perfekten Komposition und der akribischen Analyse der Magie des Geruchs bewundert, kann ich inzwischen von Seite zu Seite voraussagen, was als nächstes geschieht. Fast will es mir vorkommen, als wiederhole der Autor in der Komposition seines Romans, was er auf der Handlungsebene beschreibt: wie Grenouille die Formel für das unwiderstehliche Parfum komponiert, so hat Süskind das unwiderstehliche Buch komponiert, das aufs Ganze geht und im Verstummen in der vollständigen Selbstauslöschung seines Helden endet. „Das Parfum“ hatte mir ein selten betretenes Terrain erschlossen und Worte für etwas gefunden, was meine Wahrnehmung so sehr bewegte. Wo anderswo allenfalls ein Hauch von Veilchen durch die Zeilen weht, das Meer mal salzig riecht, hatte dieser Roman das Vokabular des Riechens und der Gerüche in einer Weise durchdekliniert, die überhaupt erst ins Bewusstsein rückte, was kaum einem je der Worte wert zu sein schien.
Immer wieder entdeckte ich bei den wiederholten Lektüren neue Facetten. Fesselten bei der ersten Lektüre die Beschreibungen von Grenouilles ausgeprägtem, einzigartig-genialischem Geruchssinn, dessen, was er alles erroch, seiner Fähigkeit, sich in völliger Dunkelheit mithilfe seiner Nase zu orientieren meine ganze Aufmerksamkeit, konzentrierte ich mich beim zweiten Mal auf die unglaublich fein gearbeitete Gestaltung seines Werdegangs zum Mörder, auf das allmähliche Reifen des Plans ein unwiderstehliches Jungfrauenparfum zu destillieren.
Spätere Lektüren folgten: die mit dem Fokus auf die nie langweilige Detailverliebtheit des Autors Süskind, die noch kleinste Nebensächlichkeiten miteinander verzahnt, bemerkte etwa, dass Jean-Baptiste Grenouilles Geburtstag, der auf den 17. Juli datiert, nicht nur auf den Juli 1789, in dem die Französischen Revolution ihren Höhepunkt erreichte, sondern auch in das astrologische Zeichen des Krebses fällt. Die diesem Zeichen nachgesagten Eigenschaften korrespondieren mit denen dieses genialen, sich nach außen hin stets verkapselnden, unscheinbaren Einzelgänger, dessen Inneres erfüllt ist von fantastischem Einfallsreichtum – wenn auch Einfallsreichtum der brutalsten Sorte. Auch die Geschichte von der Sehnsucht nach einer Liebe, die im Status ihrer ewigen Unerfülltheit in blanken Hass umschlägt, erzählt „Das Parfum“, dieser Text, betörend wie der Duft, den Grenouille aus der Aura von 25 schönen jungen Frauen destilliert. Fast unheimlich in seiner Perfektion ähnelte das Buch ein wenig seinem schaurigen Protagonisten.
Jahre nach der ersten Lektüre fand ich zufällig in der Aula der Universität einen Aushang, mit dem nach Probanden gesucht wurde, die sich zu einer großzügig entlohnten Teilnahme an einer Riechstudie bereit erklären wollten. Im Vorbeigehen riss ich einen der Schnipsel mit der zugehörigen Nummer ab und fand mich einige Tage später in einem medizinischen Fakultätsgebäude wieder. Kleine Elektroden wurden an geheimen Punkten in meinem Naseninneren befestigt, man drückte mir einen Joystick in die Hand, mit dem ich die Intensität der wahrgenommenen Gerüche steuern sollte, die man mir in verschiedener Konzentration in die Nase leitete. Als Duftdestillate hatte man Vanille und Kümmel ausgewählt und während ich wild mit dem Joystick herumruderte, bemerkte ich, dass der aparte Doktorand, dessen Versuchskaninchen ich war, mich aufmerksamer ins Visier nahm als bei der Begrüßung. Ob mir aufgefallen sei, dass mein Geruchssinn besonders ausgeprägt sei? Ich schüttelte den Kopf und gab zu bedenken, dass mir ja keine Vergleichsnase zur Verfügung stünde. Er nickte, verschwand und kam kurz darauf mit bekittelten Kollegen zurück, man umringte und befragte mich. Ich dachte an Grenouille, fand die Aufregung lächerlich und wusste nicht recht viel zu sagen. Die Luft im Klassenzimmer fiel mir ein, ich berichtete, man nickte und lud mich zu einer zweiten Versuchsreihe, nicht ohne den aus studentischer Sicht überaus üppigen Stundensatz zu erhöhen. Einige Tage später radelte ich also noch einmal zum Fakultätsgebäude, noch einmal ruderte ich – Vanille und Kümmel – wild mit dem Joystick herum, noch einmal bekam ich einen Schein in die Hand gedrückt. Und beendete damit zugleich meine kurze Karriere als Nase.
Inzwischen kenne ich die einzigartige Erfolgsgeschichte dieses Romans, der in fast fünfzig Sprachen übersetzt ist, und mit dem sich sein schweigsamer, völlig zurückgezogen lebender Autor einen Lebenstraum erfüllt hat: er habe sich gewünscht, so ist nachzulesen, ein Buch zu schreiben, von dem er die restliche Zeit seines Lebens leben könne. Er hat es geschafft. Und ist daraufhin quasi von der Bildfläche verschwunden. Ob sein Wunsch, sich zurückzuziehen, mit dem Geruch der Welt zu tun hat? Er schweigt, nicht nur über diese Frage, und das ist gut so. Denn alles, was die Empfindlichkeit von Nasen betrifft, hat er ja bereits gesagt.
Die Schule ist heute kaum mehr wiederzuerkennen. Aus dem schnörkellosen Bau, dessen strenge Schönheit wir damals nicht zu würdigen wussten, ist durch Sanierung ein Gebäude geworden, dessen Gestaltung nicht mehr der strengen Formsprache der Moderne Reverenz erweist, sondern nun vielmehr einer Kreissparkasse ähnelt: Pinkfarbene Feuertreppen tragen dem Brandschutz Rechnung, ein Satteldach hat das elegante Flachdach ersetzt, die Fenster haben neue, ebenfalls pinkfarbene Rahmen und sind unterteilt. Man kann sie öffnen und in jedem der Klassenzimmer dürfte eine ausreichende Frischluftzufuhr gewährleistet sein. Nie kann ich daran vorbeifahren, ohne an die Gerüche von damals zu denken und an das Leseerlebnis, das mir mein Unwohlsein darüber milderte. Damals schlicht „Gymnasium“ genannt, heißt die Schule heute „Walter-Gropius-Gymnasium“ und ehrt auf krude Weise damit die späte planerische Tätigkeit des Architekten in der Kleinstadt und eine architektonische Formensprache, die, im Geiste Gropius. ursprünglich auf das Gebäude angewandt, heute bis zur Unkenntlichkeit verbaut ist. Von dem Schicksal, das dem Bau widerfahren ist, werden Süskind und „Das Parfum“ hoffentlich auf alle Zeit verschont bleiben.
Beate Tröger







