Mein Lieblingsbuch

3. Platz: Denis Lukashevskiy: Mein Lieblingbuch

Der Vorleser
Berhard Schlink

Vor kurzem habe ich mir die Frage gestellt, wie viele Bücher ich in meinem Leben schon gelesen habe und wie viele Bücher noch darauf warten, von mir gelesen zu werden. Aus all diesen Werken nur eines zu wählen und es mein Lieblingsbuch zu nennen wäre für mich sehr kompliziert, wenn eines der Bücher mich nicht so stark beeindruckt, mich nicht so gewaltig berührt hätte. Ich spreche von Bernhard Schlinks Roman „Der Vorleser".

Meine erste Bekanntschaft mit diesem Werk geschah im Deutschunterricht vor fast 4 Jahren. Es war unsere Hausaufgabe, einen kurzen Auszug aus dem Buch zu lesen.
Dieser Auszug berichtete von einem Jungen und einer Frau, die miteinander eine kleine Reise mit den Fahrrädern unternahmen und die einander liebten. Der Text fand in unserer Gruppe keine gute Reaktion. Die Figuren der Helden waren uns unsympathisch: ein 15-jähriger Junge und eine 2 Mal ältere Frau, die mit ihm schläft und ihn mit einem Gürtel gegen das Gesicht schlägt. Das war bestimmt kein bester Auszug, der den Wunsch erregen könnte, das Buch zu lesen. Auch ich fand die Geschichte sehr seltsam und unangenehm, ich wollte sie nicht weiter lesen. So geriet „Der Vorleser" für mich für Jahre in Vergessenheit.
Es gibt aber Bücher, die auf uns warten, bis wir erwachsen, bis wir bereit sind, sie lesen und verstehen zu können. Für mich war es „Der Vorleser", der auf mich wartete. Erst vor kurzem habe ich den Text des Buches im Original gefunden. Diesmal wusste ich, dass ich dieses Buch lesen wollte. Ich wollte verstehen, was dieses Werk zum ersten deutschen Buch machte, das auf Platz 1 der Bestsellerliste der New York Times stand, und warum man dieses Buch zu den besten Werken des Jahrzehntes zählt.
Ein Kapitel nach dem anderen verschlang ich das Buch, und Satz um Satz kam das Verständnis, was diesen Roman so populär machte. Das Buch hat mich so stark beeindruckt, wie kein anderes, das ich in den letzten Jahren gelesen hatte. Beeindruckend war alles: die Handlung, die mich immer gespannt hielt, der leserfreundliche Stil des Autors, die Widerspiegelung einer Epoche aus der deutschen Geschichte, die vom Autor aus einer neuen Perspektive dargestellt wurde, Vielfalt der Themen, die im Roman berührt und meistervoll abgebildet werden.

Eines dieser Themen ist das Liebesthema. Die Beziehung, die mir beim Lesen des ersten Auszugs abstoßend erschien, bekam bei genauer Lektüre neue Aussicht. Das war nicht mehr die Geschichte einer sadistisch-masochistischen Beziehung, sondern Geschichte einer persönlichen Entwicklung eines Jungen, der eine Frau liebt (obwohl diese im Buch etwas seltsam zu sein scheint). Der Autor zeigt aufrichtig, was mit dem Jungen passiert: wie er selbstbewusster wird, wenn alles in der Beziehung gut läuft, wie er leidet, wenn irgendwelche Probleme auftreten, wie er das erste Mal klauen muss, um seiner Geliebten etwas schenken und mit ihr einen gemeinsamen Abend verbringen zu können, wie er seine Briefmarkensammlung verkauft, um mit ihr eine kleine Reise zu unternehmen und wie ein richtiger Mann alle Kosten zu übernehmen. Nicht weniger rührend wurde die Trennung dargestellt und die Gefühle, die Michael, den Jungen, ergreifen. Und selbst nach der Trennung liebt er Hanna. Dieses Gefühl bewirkt Michaels weiteres Leben. Er sucht Ähnlichkeiten mit Hanna in anderen Frauen, findet sie aber nicht. So scheitert auch seine Ehe. Das alles rührt den Leser, und der Autor schreibt so, als ob das alles mit ihm selbst passiert war, als ob jede Handlung des Jungen einst auch die seine war.

Ob es die Geschichte einer gegenseitigen Liebe ist, war für mich anfangs eher fraglich. Aber je weiter ich im Buch las, desto überzeugter wurde ich, desto mehr glaubte ich an die Gegenseitigkeit der Gefühle. Vielleicht gerade wegen dieser Liebe hat Hanna, die eine Analphabetin war, Lesen und Schreiben gelernt, um Michaels Briefe lesen zu können, wenn er sie geschrieben hätte. Sie wartete ja auf einen Brief von ihm, als sie im Gefängnis war, sie fragte immer wieder danach, als die Post kam. Darüber erfahren wir aus den Worten der Gefängnisleiterin, als Michael über Hannas Selbstmord erfährt.
Dieses Kapitel des Romans ist für mich der Höhepunkt des ganzen Buches, der emotionalste Teil, der dem Autor besonders gut gelungen ist. Als ich dieses Kapitel las, stiegen mir ständig Tränen in die Augen. In diesem Kapitel besucht Michael die Zelle im Gefängnis, in der Hanna 18 Jahre verbracht hatte und wo sie sich das Leben nahm. Die Gefängnisleiterin erzählt darüber, wie die Frau all diese Jahre lebte, wie sie Schreiben und Lesen lernte. Wir sehen einen Zeitungsartikel mit Michaels Bild, den Hannah ausgeschnitten hatte und viele Jahre lang betrachtete. Hier sehen wir die ehemalige KZ-Aufseherin aus neuer Perspektive, als einen neuen Menschen. Wir sehen sie, als einen Menschen, der danach strebte, den Schwachen zu helfen. Das alles konnte mich nicht unbeeindruckt lassen.

Hannas Gestalt ist aufs Engste mit noch einem Thema verbunden: Gesichter und Schicksale der KZ-Aufseher. Nie früher hatte ich daran gedacht, was für Menschen es waren, wie sie lebten und wie sie dazu kamen, Arbeit in den KZs aufzunehmen. Bernhard Schlink stellte mich mit seinem Roman vor diese Frage. Ich glaubte immer, die KZ-Aufseher seien Unmenschen, Ungeheuer, die nichts empfinden und für die nichts Heiliges existiert. Im Buch zeigte der Autor zwei Typen der Aufseher (die wir im Gericht beim Prozess betrachten können). Der erste Typ, zu dem ich Frauen außer Hanna zähle, verkörpert eher die Gestalt eines Aufsehers, wie ich sie mir früher vorstellte. Zum zweiten Typ zähle ich Hanna. Sie ist einfach anders: nicht frech, wie die anderen Angeklagten in jenem Prozess, sie gesteht ihre Schuld, wenn sie sich schuldig weiß, und verteidigt sich, wenn sie die Anklagen unrecht findet.
In der Zeit, wenn die anderen versuchen, ihre eigene Haut zu retten, ist sie bereit, die Strafe zu verbüßen. Unter den anderen KZ-Aufseherinnen scheint sie zufällig zu sein. Ich fragte mich (wie es auch Michael tat), warum sie diese Arbeit aufnahm, aber die Antworten, die ich mir gab, fand ich selber nicht überzeugend genug... Was ist dann eigentlich ein Lieblingsbuch? Ist das nicht das Buch, das den Leser die Handlungen miterleben und mitempfinden lässt? Ist das nicht das Buch, das vor dem Leser die neuen Seiten der Geschichte öffnet oder die schon bekannten aus einer neuen Perspektive zeigt und auf neue Gedanken bringt? Ist es nicht das Buch, das selbst die Sprachgrenzen vernichtet? Ist das nicht das Buch, in dem der Autorenstil so hinreißend ist, dass man sich vom Lesen nicht losreißen kann? Ich glaube, gerade das ist ein Lieblingsbuch. Und so ist „Der Vorleser" von Bernhard Schlink.

Denis Lukashevskiy

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