Kolumbien

Schulsport: Auf dem richtigen Weg
Um den heutigen Sportunterricht in kolumbianischen Schulen zu beurteilen, ist es nötig, erst einmal in die Vergangenheit zu blicken. Und dieser Rückblick wirft kein gutes Bild auf den Schulsport: An vielen Schulen war das Fach einfach in Vergessenheit geraten. Bei einem Spaziergang mit Freunden meines Vaters kam ich mit einem 70-jährigen ehemaligen Profi-Fußballspieler in Kontakt. Er machte mir klar, dass Schulsport früher überhaupt keine Beachtung fand. „Bei uns hieß das nicht Sportunterricht, sondern Turnen und war nichts als eine Lücke“. Das heißt, Sport als Fach war völlig gleichgültig. Und seine Ehefrau bestätigte das noch: “Es gab keine ausgebildeten Lehrkräfte, meine Lehrerin war eine Athletin, die bereits in Rente war. Sie nahmen die Arbeit nicht wirklich ernst, brachten uns kaum etwas bei und kümmerten sich nicht um die Entwicklung unserer motorischen und kognitiven Fähigkeiten.“
Ich freute mich, bei diesem Gespräch etwas über den Sportunterricht von damals erfahren zu haben, und zog mich zurück um mehr über das Fach heute herauszufinden. Ich besuchte zahlreiche Schulen und kam zu der Erkenntnis, dass Schulsport heute in der Tat anders ist, sogar im Vergleich zu dem Sportunterricht, den ich mit meinen mittlerweile 37 Jahren erfahren habe. Und ich muss zugeben: Eine gesunde Portion Neid machte sich in mir breit.
Heute ist das Fach Sport genauso wichtig wie Mathematik, Leseverstehen, Naturwissenschaft und Englisch. Und warum? Die Pädagogin Elisa Jiménez hat es mir erklärt: „Der spielerische Sportunterricht und die damit verbundene Entwicklung der motorischen und kognitiven Fähigkeiten fördert die Intelligenz und trägt folglich einen essenziellen Teil zur Bildung bei.“ Zwischen 1990 und 1962 war Elisa Jiménez Rektorin am Colegio Nuevo reino de Granada de Bogotá. „Wir haben damals entschieden, nur noch Lehrkräfte mit akademischem Abschluss für den Sportunterricht einzustellen. Sie sollten die Leitung des Fachbereichs übernehmen. Das Ergebnis dieses professionellen Sportunterrichts war sehr positiv. Wir bemerkten, dass die Kinder eine bessere Grobmotorik entwickelten, was sich dann auf deren intellektuelle Entwicklung auswirkte. Von der Grobmotorik zur Feinmotorik – das war unser Konzept. Klar, dass diese Veränderung sich auf die Kinder auswirkte“, erklärt sie.
Aber das war nicht die einzige Schule, die diesem Konzept folgte. Weitere Schulen übernahmen die Idee und trugen ihren Teil zum Wandel des Sportunterrichts an kolumbianischen Schulen bei.
Die Nachfrage nach Lehrkräften mit Hochschulabschluss begann zu steigen. Man begriff, dass das der richtige Weg war und schließlich wurde eine fachspezifische Universität ins Leben gerufen: die Universidad Pedagógica Nacional (Nationale Pädagogische Universität).
„Der Sportunterricht soll eine wichtige Rolle im Gesamtkonzept der Hochschule spielen“, erklärt Judith Jaramillo de Palacio, Direktorin der Fakultät für Sportwissenschaft, und gibt damit die Richtung vor, in die das Fach Sport in Kolumbien zukünftig gehen soll. Eine gute Ausbildung ist absolut notwendig, da sind sich die Mitglieder des Gremiums einig.
Das Interesse ist in den letzten zehn Jahren extrem gestiegen. Heute machen 55 von den 80 Studentinnen und Studenten, die sich jedes Semester einschreiben, auch einen Abschluss. Die Zahl der Studienabbrecher ist sehr niedrig, betont Frau Jaramillo.
Das Besondere ist, dass die Pädagogische Universität über eine eigene Fakultät für Sportwissenschaft verfügt und somit nicht den anderen Fakultäten untergeordnet ist, wie es an anderen Universitäten des Landes der Fall ist. Deshalb ist sie führend in Bezug auf das Fach. Die Universität setzt sich seit 1960 für einen qualifizierten Sportunterricht ein und hat eine klare Vorstellung: „Wir haben uns die Zeit genommen, über die Fundamente des Schulsports nachzudenken. Sport ist aus unserer Sicht kein Zeitvertreib.“
Ein interessanter Gedanke, der leicht nachzuvollziehen ist, aber... Wie soll die Praxis aussehen? Darauf haben die ausgebildeten Lehrer eine Antwort. „Wir befinden uns gerade in einer Phase, in der wir uns an die einzelnen Elemente der verschiedenen Sportarten anpassen, die den Kindern beigebracht werden. Wenn wir von Fußball reden, dann liegt der Fokus auf dem Ball. Die Lehrerin oder der Lehrer muss wissen, wie der Ball rollt und springt“, sagt Luis Alfredo García, Lehrer an der Schule San Bartolomé La Merced. Auch für ihn haben Spiele im Sportunterricht eine sehr wichtige Bedeutung: „In jungen Jahren, d.h. im Alter von 4 bis 7, wird spielerisch gearbeitet. Die Kinder sollen ihre Freude am Sport entdecken und sich in der angebotenen Sportart weiterentwickeln.“ Das bestätigt auch Fernando Pérez, ebenfalls Lehrer an der Schule: „Das stimmt, die spielerische Herangehensweise stößt auf viel mehr Zustimmung bei den Kindern. Es ist uns wichtig, Talente zu fördern und die motorischen Fähigkeiten der Schüler zu verbessern. Und dazu trägt jede Sportart mit ihren Bewegungsübungen und ihrem gezielten Training auf ihre eigene Weise bei.”
Sportbegeisterte sind hier zufrieden. Kein Wunder, bei dem Lehrplan: zwei reguläre Sportstunden pro Woche, zwei Extrastunden als Wahlfach-Möglichkeit und eine freiwillige Zusatzstunde.
Allerdings gibt es da einen immer stärker werdenden Feind. Einen einflussreichen Konkurrenten, der schwer zu besiegen ist, besonders wenn die Kinder in die Jugend kommen. Computerspiele und Technologie. Für viele Kinder ist der Sport dann nicht mehr so wichtig und sie geben sich diesem Kontrahenten der körperlichen Bewegung hin. Auch darin sehen die Lehrkräfte ihre Aufgabe. Die Lehrerinnen und Lehrer fassen die Lösung für das Problem in einem Wort zusammen: Motivation. Indem man die Kinder motiviert, möchte man dem Sportsfeind so wenig Raum wie möglich einräumen.
Die Besuche der verschiedenen Schulen, das Gespräch mit den Lehrkräften, die Konzepte der Hochschulen und die Worte der Experten haben mir gezeigt, dass sich das Schulfach Sport in einer intensiven Entwicklungsphase befindet, die viele Anhänger hat. Mit der Hilfe all dieser Menschen und Institutionen entwickelt sich der Schulsport in Kolumbien weiter. Das Ziel ist noch nicht erreicht, aber wir sind auf dem richtigen Weg.
Journalist
er lebt und arbeitet in Kolumbien
übersetzt von Hanna Treimer-Kulcke







