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Vorsicht Glatteis

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Auf dem Weg zum Personalchef
Stressfragen im Vorstellungsgespräch

Die erste Hürde haben Sie geschafft: Sie sitzen in einem Vorstellungsgespräch. Alles ganz locker, Sie entspannen sich, doch dann wird es ungemütlich. Der Personalchef versucht, Sie mit Stressfragen aus der Reserve zu locken.


1
„Was ist Ihr größter Schwachpunkt?“
„Oh, das ist eine gute Frage. Ich habe noch keine internationale Berufserfahrung.“

2
„Was gefällt Ihnen an Ihrer jetzigen Stelle nicht?“
„Ich muss zu viele Aufgaben erledigen, die nicht meiner Qualifikation entsprechen. Ich fühle mich schlichtweg unterfordert und falsch eingesetzt.“

3
„Was war Ihre größte Niederlage?“
„Als ich in einem wichtigen Projekt mitarbeitete, wies ich den Projektleiter und den Abteilungsleiter auf den miserablen Ruf des DV-Dienstleisters hin, der sich um die Software-Entwicklung beworben hatte. Ich konnte mich leider nicht durchsetzen. Später mussten wir alles noch mal neu programmieren.“

4
„Warum möchten Sie gerade bei uns arbeiten?
„Von Kindesbeinen an interessiere ich mich für Autos. Da ist es für mich eine besondere Ehre, bei einem der erfolgreichsten Automobilhersteller zu arbeiten.“

5
„Was spricht gegen Sie als Kandidat?“
„Um ehrlich zu sein, ich bin ein sehr pedantischer Mensch.“

6
„Wovor fürchten Sie sich?“
„Meine größte Furcht ist eigentlich, dass ich wichtige Aufgaben nicht termingerecht beende. Ich habe daher mein eigenes Zeitplanungssystem entwickelt. Seitdem schaffe ich es sehr gut, meine Aufgaben einzuteilen.“

7
„Glauben Sie nicht, dass Sie für diese Stelle zu jung sind?“ „Ich denke, das Alter spielt keine große Rolle. Ich bringe die entscheidenden Erfahrungen und Qualifikationen mit und traue es mir daher zu, die Stelle gut auszufüllen.“

8
„Was machen Sie, wenn wir Sie nicht nehmen?“ „Ich bin in meiner jetzigen Position im Grunde zufrieden. Für mich wäre es nur eine Herausforderung, zum Weltmarktführer zu wechseln. Sollte das nicht klappen, würde ich bei meinem jetzigen Arbeitgeber bleiben.“

9
„Was würden Sie tun, wenn Sie nicht mehr arbeiten müssten?“ „Zunächst würde ich einfach nur ausspannen. Danach könnte ich wieder mal Sport treiben und gute Literatur lesen. Ich würde mich auch mehr meiner Familie widmen wollen.“

Gut:
1
Der Bewerber gibt eigentlich nur preis, was bereits im Lebenslauf steht – dass er nämlich bislang nicht im Ausland gearbeitet hat. Der Interviewer ist so schlau wie vorher. Dumme Fragen fordern eben dumme Antworten heraus.

3
Der Bewerber gesteht, dass er sich in einem Projekt nicht durchsetzen konnte. Aber wer kann das schon gegenüber dem Projektleiter und dem Abteilungsleiter? Unter dem Strich lässt er erkennen, dass er die Situation realistischer als seine Vorgesetzten eingeschätzt hat. Und dies spricht für seine Kompetenz.

6
Der Bewerber antwortet sehr geschickt. Er bekennt sich zu einem Allerweltsproblem – wer hat keine Angst, im Beruf Termine zu versäumen? – und fügt gleich hinzu, wie er gegensteuert. Echte persönliche Ängste gehören nicht in das Vorstellungsgespräch und gehen den Interviewer ohnehin nichts an. Schließlich ist er kein Therapeut.

8
Der Stellenwechsler muss nicht zugeben, dass er noch weitere Eisen im Feuer hat. Seine Antwort schmeichelt zum einen dem Unternehmen, zum anderen signalisiert sie, dass er sich nicht aus der Not heraus beworben hat.

Schlecht:
2
Ein Bewerber, der im Vorstellungsgespräch schlecht über seinen aktuellen Arbeitgeber redet, macht sich verdächtig. Denn Loyalität scheint ihm wenig zu bedeuten. Außerdem: Wer sich unterfordert fühlt, hat die verdammte Pflicht, eine anspruchsvollere Aufgabe anzustreben. Besser ist es, die negative Botschaft ins Positive zu drehen: „Meine Aufgabe ist spannend und macht mir Spaß, aber ich habe meinen Vorgesetzten im letzten Jahresgespräch nach einer Entwicklungsperspektive gefragt, und da bedauerte er, dass er mittelfristig nichts anzubieten hätte.“

4
Diese Frage ist eine Steilvorlage: Der Kandidat könnte leicht punkten, indem er zeigt, wie viel er über das Unternehmen weiß. Die eine oder andere Zahl aus dem Geschäftsbericht, ein Zitat des Vorstands aus einem Zeitungsartikel – so etwas macht Eindruck, jedenfalls mehr als der Kleine-Jungen-Traum vom Autofahren.

7
Es ist nicht verkehrt, auf eine solche Frage spontan zu widersprechen. Doch hier sollte der Bewerber Ross und Reiter nennen und klar machen, mit welchen Erfahrungen und Qualifikationen er den Mangel an Jahresringen auszugleichen gedenkt. Einfach von „Erfahrungen und Qualifikationen“ zu sprechen, ist auf jeden Fall zu wenig.

9
Zumindest ehrlich ist dieser Bewerber, doch dabei gesteht er jede Menge aktueller Defizite ein. Zum Beispiel hat er keine Zeit für Sport – wie wird es da um seine Fitness und Ausgeglichenheit stehen? Wann hat er das letzte Mal ein Buch in der Hand gehabt? Vernachlässigt er seine Familie? Besser wäre diese Antwort gewesen: „Nach einer kurzen Pause würde ich eine Bestandsaufnahme machen, was ich in meinem Privatleben erreichen möchte. Danach würde ich einen Zeitplan machen, ... usw.“

Situativ:
Hier ist entscheidend, um welche Stelle es geht. Ein Marketingmanager, der sich als Pedant outet, hat sicher schlechte Karten. Dagegen kann es nicht schaden, wenn ein Buchhalter gelegentlich Erbsen zählt. Merke: Schwächen als Stärken verkaufen!


Fazit
Zu taktischen Fragen im Vorstellungsgespräch passen nur taktische Antworten und keine persönlichen Offenbarungen, die Privatsache sind. Merkt der Personaler, dass der Bewerber weiß, wo der Hase langläuft, wird er wahrscheinlich von weiteren Stressfragen absehen.

Bernd Andersch, ist Inhaber von act!
Andersch Consulting & Training
in Aachen
Junge Karriere, 10/2001

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