Tallinn

Tallinn, 31.10.2016: Gesichter der Grenze

Foto: Louisa Marie Summer/Piirilkõnnid

Im Norden Estlands, am östlichsten Rand der EU haben der französische Konzeptikünstler Camille Laurelli und die deutsche Fotografin Louisa-Marie Summer Grenzgänge unternommen - auf höchst unterschiedliche Weise. Eine Ausstellung im Talliner Fotomuseum stellt beide Positionen vor.

Entlang der Grenze zu gehen, übt selbst in friedlicheren Zeiten einen gewissen Reiz aus: Mit Nachdruck stellt sich hier die Frage nach Eigenem und dem, das man als Fremdes davon ausschließen will, von dem man bei Gelegenheit bedroht oder sogar angegriffenwird. Auf Anregung des Institut français und des Goethe Instituts haben sich der Konzeptkünstler Camille Laurelli, der bereits seit längerem in Estland arbeitet, und die deutsch-amerikanische Fotografin Louisa Marie Summer, die in München und New York ihre Standorte hat, um Grenzen in Estland gekümmert. Sie haben in Tallinn recherchiert und sind nach Narva und in den Kreis Ida-Viru gereist – um sich von dieser Grenzregion inspirieren zu lassen: Die Ergebnisse sind aktuell in der Ausstellung Piirilkõnnid im Tallinna Fotomuuseum zu sehen.

Offene Wunde Ida-Viru

Auch in Westeuropa weiß man ja: Nach Ida-Viru fahren bedeutet, dorthin zu gehen, wo die russisch-euroäischen Spannungen seit der Krim-Annexion unaufhörlich wachsen, mit fast täglichen kleinen Grenzzwischenfällen geschürt werden. Dorthin, wo ein innerestnischer Konflikt spätestens seit 1994 schwelt. Und dass Präsidentin Kersti Kaljulaid angekündigt hat, ihre erste Dienstreise genau in dieses Gebiet der Staatenlosen zu unternehmen, scheint ein erstes wichtiges Signal ihrer programmatisch bislang noch unbestimmten Amtszeit.

Es ist für Westeuropäer keine triviale Frage, sich in diesen Konfliktraum zu begeben und aus ihm Anschauungsmaterial und Kunst zu gewinnen, die für das einheimische Publikum weder banal noch verletzend wirkt. Laurellis Zugang ist insofern diplomatisch sehr geeignet: Der Künstler knipst, wie ein Tourist, per Handy-Kamera und puzzelt die Einzelbilder zu billigen Mehrfeld-Ansichtskarten zusammen, auf denen in billigster Typo ein geschwungener Ortsname grüßt. Pure Ironie: „Es sind bewusst arme Fotos in einer armen Präsentationsform und hergestellt mit armen oder, besser gesagt nicht-professionellen Werkzeugen”, erläutert er. Auch wenn eine Postkarte ja immer das jeweilige Reiseziel, den Urlaubsort, symbolisieren soll hat er durch Formatierung längst jede Einzigartigkeit verloren.

Die Postkarte bleibt ein unverbindlicher Gruß. Und Laurellis Arbeiten stellen, trotz gelegentlich eingestreuter touristischer Motive, kaum mehr als On Kawaras Datumsbilder eine visuelle Verbindung zum Ort her, an dem sie entstanden sind. Wäre die Grenze, die man dem Titel der Ausstellung nach als Motiv erwarten würde – nur in ein zwei Bildern von Schildern hat Laurelli darauf verzichtet, diesen Betrachterwunsch zu frustrieren – eine bloße Projektion? Summers Ansatz bildet einen scharfen Kontrast dazu. „Manchmal”, so sagt sie, „wurde mir das Thema zu politisch”.

Die abwesende Nähe

Teile ihrer Serie, so die Fotografien bei den Grenzschutz-Truppen und der militärischen Flugraumsicherung, hat sie deshalb aus der kleinen aktuellen Ausstellung ausgeklammert, und sich vor allem für Porträts entschieden, sehr direkte Blicke. In der „abwesenden Nähe im Gesicht des anderen Menschen” liegt dem litauischen Philosophen Emmanuel Levinas zufolge „die Unendlichkeit”. In der freilich hat jedes Reden von Grenzen seinen Sinn verloren.

Mit respektvoller Nähe entziffern Summers Aufnahmen in den Gesichtern ihrer ProtagonistInnen Lebensgeschichten, die aufgrund der Sprachbarriere unerzählt bleiben. Andere wiederum zeigt die Fotografin in ihrem jeweiligen Umfeld – das die durchaus Armut der Region nicht anprangert, aber auch nicht ausblendet. Manchen sieht Summer zu, wie sie sich selbst inszenieren, als Veteran der Schlacht um den Brückenkopf von Narva, oder gar in der Uniform eines sowjetischen Militärpolizisten: Eine Provokation? Ein Spiel mit den durch den versuchten Genozid an den Esten durch Stalin nur allzu verständlichen Empfindlichkeiten? Eher nicht. Und wenn, dann höchstens eine mit klugem Hintersinn: Denn Janek, der Souvenirhändler, der hier mit kessem Lächeln, schickem Käppi und selbstgedrehter Zigarette in der verhassten Uniform posiert, ist Este, lebt in Tallinn und verkauft seine Sowjet-Memorabilia vor allem an westliche TouristiInen und BürgerInnen Tallinns.

Camille Laurelli, Louisa Marie Summer: Piirilkõnid / Border Walks, Tallinna Fotomuuseum, bis 11.12. 2016
Von Benno Schirrmeister
Veröffentlicht am 31. Oktober 2016 auf www.err.ee