Interviews und Reden Klaus-Dieter Lehmann

Rede von Präsident Klaus-Dieter Lehmann zur Verabschiedung von Hans-Georg Knopp (25. Januar 2012)

Nach insgesamt 28-jähriger Tätigkeit für das Goethe-Institut wurde Hans-Georg Knopp verabschiedet. Präsident Klaus-Dieter Lehmann würdigte in seiner Abschiedsrede das Engagement und die wirkungsvolle und ideenreiche Arbeit des scheidenden Generalsekretärs.

Anrede,

vor 36 Jahren – 1976 – stand ein junger Mann vor dem Tor des Goethe-Instituts in München. Er wurde hereingelassen, für gut befunden und angenommen. Es war Hans-Georg Knopp!

Promoviert in Indologie, vertraut mit Soziologie und Politologie, wurde er rasch heimisch in der Goethe-Familie. Ja, er schien regelrecht hineingeboren in diese erste Berufserfahrung nach dem Studium.

Es war die Zeit der Weltorientierung Deutschlands, die Zeit der gesellschaftlichen Debatten in der Bundesrepublik, die Teil des Programms der Goethe-Institute wurden, eine Zeit der Diskurse und der Selbstreflexion. Der Kultur wuchs dabei eine besondere Rolle in ihrer Eigenständigkeit und Eigenwilligkeit zu. Die emanzipatorische Grundhaltung prägte die Arbeit der Goethe-Institute in der Welt und machte sie attraktiv und interessant.

Hans-Georg Knopps einschlägige Kenntnisse und seine Neugier auf die Welt blieben nicht lange ungenutzt. Schon ein Jahr später – 1977 – sah man ihn im Goethe-Institut in Mumbai wirken, dann in Colombo, in Jakarta, in Singapur und erneut in Jakarta. Es war für ihn ein zutiefst intensives Erleben, ein Öffnen aller Sinne, ein einmaliger Lernprozess für das, was Kulturaustausch substantiell für ihn ausmachte. Kein Zweifel, Südasien und Südostasien prägten den jungen Mann nachhaltig. Kulturvermittlung waren keine Theorie mehr, es wurde gelebte Praxis. Er ließ sich auf das Fremde ein und bereicherte damit seine eigene Identität.

Heute nach 36 Jahren beendet er im Goethe-Institut München seine berufliche Laufbahn in der Position des Generalsekretärs des Goethe-Instituts, eine beeindruckende Karriere bei einer beeindruckenden Organisation. Inzwischen gibt es 150 Institute in der Welt, mit rund 3000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und einem Etat von rund 300 Millionen €. Im letzten Jahr konnte das Goethe-Institut sein 60-jähriges Bestehen feiern.

Hatte er also schon den Marschallstab im Tornister als er vor 36 Jahren an das Tor des Goethe-Instituts klopfte? Es lohnt sich – glaube ich – die Wegstrecke einmal genauer zu betrachten, die Haupt- und Nebenwege zu erkunden, die Chancen und Risiken zu kennen, von den Mühen und Leichtigkeiten zu erfahren – soweit sie uns zugänglich sind - und so vielleicht hinter das Geheimnis des Erfolges zu kommen.

Zunächst ist fest zu halten, den gradlinigen Hauptweg innerhalb des Goethe-Instituts gab es nicht. Nach der mentalen und professionellen Initiationsphase in Asien folgte zunächst die Kärrner-Arbeit in der Zentrale mit allen administrativen Aufgabenstellungen, die den Kenntnisstand erst einmal richtig rundeten, das war von 1986 bis 1991. Planerisch war es eine ungemein spannende Zeit in der Zentrale. In diese Periode fielen die Wiedervereinigung und damit der Aufbruch in die bis dahin für das Goethe-Institut versperrten Länder hinter dem „Eisernen Vorhang“. Einen besseren Einblick in Strategien und kulturpolitische Initiativen konnte man nirgendwo besser innerhalb der Organisation gewinnen.

Damit war er auch bestens gerüstet für den nächsten Schritt als Leiter des Goethe-Instituts in Chicago. Zu Asien kamen jetzt die transatlantischen Beziehungen – keine schlechte politische Prägung. Denn nach dem Ende der bipolaren Welt und dem Beginn der Neuorientierung in einer globalisierten Weltordnung gab es zahlreiche neue Allianzen, aber auch eine zunehmende Fragmentierung in der Welt. Kulturpolitik bekam hinsichtlich des Aufbaus von Zivilgesellschaften, der Identitätsfindung neuer Staaten und der Konfliktpotentiale religiöser, ethnischer und ökonomischer Verwerfungen einen neuen Stellenwert.

Die USA waren nicht unbedingt der Hort einer partnerschaftlichen und dialoggesteuerten Kulturpolitik. Für sie war Kulturpolitik ein Instrument der Politik. Public Diplomacy war die klare Leitlinie, besonders für eine erfolgreiche Wirtschaftspolitik. Kulturarbeit war im technischen Sinn ein Instrument. Kulturexport sollte den Boden für eine erfolgreiche Politik bereiten.

Die USA waren als politische Führungsmacht mit den Konfliktherden in der Welt auf das intensivste befasst: militärisch, politisch und wirtschaftlich. Die Probleme einer sich sehr schnell veränderten Welt konnten wie durch ein Brennglas in den USA betrachtet werden, auch die Tauglichkeit und Untauglichkeit von Lösungsansätzen und Konsequenzen. Die Fähigkeit zum intellektuellen Diskurs war den Amerikanern trotz der machtpolitischen Position der Außenpolitik im Land selbst nicht abhanden gekommen, im Gegenteil, kluge Analysen der Think Tanks und der großen Stiftungen lagen auf dem Tisch, auch wenn sie von den ausübenden Politikern nicht so wahrgenommen wurden. Wer lesen und hören konnte wurde hervorragend mit Argumenten für eine unabhängige und glaubwürdige Kulturpolitik versorgt.

Hans-Georg Knopp konnte offensichtlich aus dem Stimmengewirr taugliche Ansätze heraushören. Es war die Zeit in Chicago, in der er im Goethe-Institut einen kulturpolitischen Schwerpunkt setzte, der manchen überrascht hat, der sich aber als ungemein produktiv erwies. Anknüpfend an seine Erfahrungen in Asien, geprägt durch die Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik Deutschlands, die sich an einer zivilgesellschaftlichen Grundlegung orientierte und bei der Ralf Dahrendorf und Hildegard Hamm-Brücher entscheidend Anteil hatten, setzte er das Thema „Cultural Studies“ auf die Agenda. Dabei ging es ihm um die fehlende Symmetrie im Kulturaustausch, um die unangemessene Ethnisierung von nicht-europäischen Künstlern, um die immer noch geübte koloniale Praxis im Wissenschafts- und Kunstbetrieb. Der Kunst- und Kulturbegriff solle in einer postkolonialen Verbindung stehen. Nur dadurch komme man zu einer Autonomie der Kunst und zu einer Freiheit des Künstlers in der Welt. So sein Ausgangspunkt.

Seine Mitstreiter waren Edward Said, Homo Bhabha und Arjun Appadurai. Es war eine hoch produktive Zeit von 1991 bis 1996 in Chicago, die viele Verbindungen schuf und die ihn letztlich befähigten zur Leitung des Hauses der Kulturen der Welt in Berlin ab 1996.

10 Jahre von 1996 – 2006 hat er diese in Deutschland einmalige Einrichtung geleitet, er hat sie in der Programmatik quasi erfunden. Es war die Bühne, die er souverän bespielte: die Ausdrucksformen der zeitgenössischen Kunst der außereuropäischen Kulturen, in der Darstellenden und Bildenden Kunst, im Film, in der Literatur, in den postkolonialen Debatten. Sehr ambitioniert, avantgardistisch, experimentierfreudig und dialogfähig im besten Sinn. Das war Pionierarbeit. Er hat durch sein internationales Netzwerk den außereuropäischen Kulturen ein Gesicht gegeben. Er wurde zum Weltreisenden, nicht als Luftgeist oder Flaneur, sondern mit ganz handfesten praktischen Ergebnissen, die sich in Festivals, Konferenzen oder Ausstellungen manifestierten.

Es war die Zeit, in der wir uns kennenlernten. Ich hatte als Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz zunächst die Ideengeschichte Europas in der Kunst mit ihrer tiefen historischen Dimension im Blick, mit den großen Sammlungen der Museumsinsel und des Kulturforums. Aber es gab natürlich zum Haus der Kulturen der Welt die Berührungsflächen der großen ethnologischen Sammlungen in Berlin-Dahlem und des Iberoamerikanische Instituts. In verschiedenen Kooperationen arbeiteten wir zusammen, wobei neben den ethnologischen Fundstücken bereits die ästhetischen Aspekte der Objekte eine Rolle spielten – neue Blickachsen und Interpretationen ergaben spannende Beziehungen und Aussagen für die Gegenwart. Meine Idee des Humboldt-Forums als Ort der außereuropäischen Kulturen auf dem Schlossplatz in direktem Dialog mit den europäischen Kulturen auf der Museumsinsel und der Blick von außen auf uns, hat sicher von unseren Gesprächen profitiert.

Als wir dann in der Findungskommission des Goethe-Instituts nach einem neuen Generalsekretär suchten, übrigens nach einer sehr schwierigen instabilen Phase in der Führungsebene, stieß der Vorschlag Hans-Georg Knopp auf einhellige Zustimmung.

Und hier schließt sich der Kreis. Sie, Herr Knopp, konnten für das Goethe-Institut eine reiche Ernte einbringen, die gerade für den anstehenden tief greifenden Reformprozess von Bedeutung war. Ihre lang anhaltende Erfahrung im Kulturaustausch und der Kulturvermittlung, Ihre vielfältigen personellen Beziehungen zu Künstlern und Kulturakteuren in aller Welt, Ihr Gespür für Themen und Debatten, besonders aber Ihre Auffassung und Ihr Bekenntnis zum Kulturaustausch waren ausschlaggebend. Für Sie ist Kulturaustausch Begegnung auf Augenhöhe, für Sie ist Partnerschaft Grundlage der Beziehung, für Sie ist das Institut ein Freiraum des Denkens und Vermittelns, für Sie gibt es keine Weltformel als Lösung sondern den jeweils spezifischen lokalen oder regionalen Ansatz. So ist es auch kein Wunder, dass Sie als Generalsekretär mit dem damaligen Kaufmännischen Direktor Jürgen Maier eine Struktur favorisierten, die genau diese dezentralen Spezifika auch in der Organisationsstruktur abbildet: Budgetierung, Dezentralisierung und Eigenständigkeit der Kultur.

Bei der Umsetzung haben Sie viel von Ihren asiatischen Erfahrungen eingebracht. Sie sind in der Lage, sich selbst besser zu verstehen, indem Sie Alternativen und Prozesse anderer wahrnehmen, Sie sind in der Lage, eigene Überzeugungen zu hinterfragen, wenn auch der andere bereit ist, seine Überzeugungen zu hinterfragen, Sie sind in der Lage, in Debatten mit offenem Visier zu gehen, und nur die Stärke der Argumente zu gewichten.

Bei aller persönlichen Leidenschaft für Asien – er spricht mehrere Sprachen aus diesem Kulturkreis, er liebt die Chinesische Oper und die Begegnung chinesischer und europäischer Musik, er schätzt die asiatische Küche in ihrer höchsten Vollendung, man kann die Reihe noch weiter fortsetzen, so wissen Sie doch sehr genau von der Notwendigkeit einer gemeinsamen Verantwortung für einen europäischen Kulturraum. Nur dadurch sind wir in der Lage unsere kulturelle Vielfalt als Reichtum zu empfinden und nur dadurch ermöglichen wir Begegnungen mit einer immer wieder neuen Lebendigkeit und Entwicklung. Kultur eignet sich nicht für den Wettbewerb der Systeme, deshalb ist Kulturaustausch für Sie der Kernbegriff Ihres beruflichen Ethos. Vielleicht war ja das der Marschallstab für das Goethe-Institut!

Lieber Herr Knopp, wir danken Ihnen mit großer Anerkennung und großem Respekt für Ihre engagierte, wirkungsvolle und ideenreiche Arbeit. Ihr kulturelles Lebenswerk, das Sie vor allem dem Goethe-Institut und seiner Arbeit gewidmet haben, ist prägend und nachhaltig. Wir werden sorgsam mit dem Erreichten umgehen.
Wir sind uns natürlich auch sicher, dass für Sie jetzt nicht der Ruhestand beginnt, sondern ein neuer – wiederum aktiver – Lebensabschnitt.

Auch dafür viel Glück und Erfolg. Alles Gute für Sie. Und nochmals herzlichen Dank!

Klaus-Dieter Lehmann

gehalten am 26. Januar 2012 anlässlich der Verabschiedung von Hans-Georg Knopp