X-Wohnungen in Istanbul
Es geschieht nicht oft, dass Theater Begegnungen mit der Wirklichkeit inszeniert, die anders nicht zustande gekommen wären. In Istanbul führte das Theaterprojekt X-Wohnungen viele zum ersten Mal nach Tarlabasi, ein von Armut und sozialen Problemen geprägtes Viertel mitten in der Stadt.
Kaum 500 Meter entfernt von der hippen Einkaufsstraße Isticlal Kaddesi liegt in Istanbul das Viertel Tarlabasi, steil in einen Hang gebaut. Die architektonisch einstmals schönen alten Häuser sind heruntergekommen, die Bevölkerung arm. Familien teilen sich oft ein Zimmer von 12 Quadratmeter. Der Ruf des Viertels, das von vielen Kurden und Sintis bewohnt wird, ist nicht der beste, das Interesse von Immobilien-Investoren an der historischen Architektur und der Lage in der Stadt aber groß.
Genau hier, wohin das klassische Bildungsbürgertum und Mittelschichtsfamilien normalerweise keinen Fuß setzen, fand im Mai während des 16. Istanbuler Theaterfestivals das Theaterprojekt X-Wohnungen statt, unterstützt vom Goethe-Institut, von Pro Helvetia und İstanbul Kültür ve Sanat Vakfı. Auf zwei Touren durch das Viertel konnte man 14 Wohnungen besuchen, in denen Theatermacher, Filmregisseure und bildende Künstler aus der Türkei, Deutschland und der Schweiz kurze Szenen und Installationen eingerichtet hatten.
„Für die Stadt und ihre Kulturszene war es ein Novum, dass ein Projekt des Theaterfestival in Tarlabsi stattfindet“, sagt Claudia Hahn-Raabe, Leiterin des Goethe-Instituts in Istanbul. „Wir wussten anfangs nicht, ob das klassische Publikum des Festivals, das Bildungsbürgertum, überhaupt kommen würde. Aber innerhalb kürzester Zeit waren alle Karten ausverkauft und letztlich wurde dieses Theaterstück am häufigsten im Radio, Fernsehen und Presse besprochen.“
Für die drei Kuratoren Sven Heier, Patrick Wymann und Dilek Altunas war es gerade der zweifelhafte Ruf des Viertels, als „no-go-area“ mitten in der Stadt, der sie anregte, genau hinzuschauen. „Wenn man nach Tarlabasi kommt“, erzählt Sven Heier, „sind plötzlich 20 mal so viele Kinder auf der Straße, Teppiche werden gewaschen, Schafe geschlachtet.“ Solche Bilder sind in der Vorstellung von der Türkei von außen ganz anders besetzt als in der Selbstwahrnehmung des Landes und nicht zuletzt hat ein gewisser Hang zur romantischen Verklärung der Armut die Künstler interessiert.
Zum Beispiel den jungen Regisseur Nurkan Erpulat, der in der Türkei geboren ist und seit neun Jahren in Deutschland lebt. Seine Inszenierung handelte von der Liebe eines jungen Mannes zu seiner Waffe. Damit thematisierte er auch den Ruf des kleinkriminellen Milieus des Viertels. Anfangs dachte Erpulat, die szenische Einrichtung in der Wohnung einer Sintifamilie wäre schnell erledigt, aber dann „haben wir zwei Wochen mit der Familie gelebt und gegessen und die Kinder gehütet.“ Das Vertrauen, das die Bewohner des Viertels den Künstlern entgegenbrachten, nachdem sie einmal erkannt hatten, dass es sich nicht um Immobilienmakler handelt, war für die Beteiligten der größte Gewinn.
Eingerichtet haben X-Wohnungen in Istanbul unter anderem der Film- und Theaterregisseur Neco Celik aus Berlin, Tomas Schweigen aus Zürich, aus der Stadt selbst die Choreografin Emre Koyuncuoglu und die Dramatikerin Yesim Öszoy Gülan. Einige von ihnen waren schon bei vorherigen Ausgaben von X-Wohnungen in Berlin beteiligt. Das Theaterformat geht auf eine Idee von Matthias Lilienthal, in Berlin Intendant des HAU, zurück.
Das Anliegen, mitten im Alltag der eigenen Stadt ein Stück Wirklichkeit kennen zu lernen, das unbesehen neben der eigenen existiert, ging in Istanbul sehr gut auf. So schrieb die Theaterkritikerin Eva Behrendt in der August-Ausgabe der Zeitschrift Theater heute: „Die Lebensumstände in Tarlabasi sind so irritierend und fremd, dass sie mehr Kunstcharakter haben als jede Idee, die Off-Theatermacher mitgebracht haben. Umso eindrücklicher Fatih Pindars kurze nüchterne Filmdokumentation über jene sechsköpfige Familie, in deren leeren Wohnzimmer man die Dokumentation im Fernsehen schaut, während die Kinder kichernd in einer Ecke zusammenkuscheln und Mutter stumm im Abseits sitzt: Der Vater verkauft Muscheln im Nachtleben am Isticlal Kaddesi, seine Frau kann weder lesen noch schreiben, zwei Töchter arbeiten in der Näherei, und auch die Kleinsten müssen nach der Schule mitverdienen.“







