Januar 2010

Ankara: „Deutschländer“

Myr Dass die „Almanci“, die Deutschländer, in der Türkei nicht unbedingt wohlgelitten sind, ist bekannt. Ihre anatolische Herkunft ist der urbanen Elite von Istanbul oder Ankara suspekt, sie gelten als tendenziell kulturfremd. Dass dieses Klischee mit der Wirklichkeit nichts gemein hat, beweist das Festival „Almanci / Deutschländer“. Vom 7. bis 17. Dezember zeigen junge deutsch-türkische Künstler auf Einladung des Goethe-Instituts in Ankara ihre Arbeiten aus Film, Literatur, Theater und bildender Kunst.

Ankara
7. bis 17. Dezember 2009

© Myr Die Rückkunft der Herkunft
Nach einer aktuellen Studie möchte jeder vierte Deutsch-Türke früher oder später in die Türkei zurückkehren. Die, die damit ernst machen, kommen aber nicht als Türken zurück: Dort werden sie als „Almanci“ wahrgenommen, als „Deutschländer“. Ihnen ist das Kunstfestival „Almanci – Deutschländer“ gewidmet, das an seinen höchst erfolgreichen Vorgänger gleichen Namens vom Sommer 2009 in Istanbul anschließt.

Rund 50 Jahre nach Beginn der Arbeitsmigration kommen die Nachfahren der einstigen „Gastarbeiter“ jetzt mit Ihren Geschichten aus Almanya nach Ankara. Die beteiligten Künstler sind allesamt in Deutschland lebende Türken oder Deutsch-Türken. Das Festival zeigt damit nicht nur junge transnationale Kunst, es etabliert auch einen Diskurs zwischen Ankaraner Künstlern und ihren „deutschländischen“ Kollegen.

Kulturtransfer in die andere Richtung
Eröffnet wird das Festival mit einer Performance und Ausstellung von Nezaket Ekici (Stuttgart, Berlin). Die Künstlerin setzt sich in ihren Arbeiten mit den Aspekten Körperlichkeit, Zeit, Bewegung und Raum auseinander und bezieht das Publikum aktiv mit ein.

Mit seinem Tanztheater „Zey’break“ kommt der türkischstämmige Berliner Kadir Memis nach Ankara. Geprägt durch die Hip Hop-Kultur brachte er sich in den Achtzigerjahren das Tanzen selbst bei. Heute zeigt er in seinen Produktionen unterschiedliche urbane Tanzstile auf den Bühnen in Berlin, Brüssel, Osaka, Istanbul, Helsinki oder Paris.

Der Autor und Kabarettist Kerim Pamuk präsentiert sein Programm „Leidkultur“ und liest aus seinem Buch „Allah verzeiht, der Hausmeister nicht“.

In einer Filmreihe werden Werke deutsch-türkischer Regisseure gezeigt, darunter Fatih Akins „Crossing the Bridge“ und Murat Sekers „Türk gibi basla, Alman gibi bitir“. Der Dokumentarfilm porträtiert 14 Deutsch-Türken aus Kunst und Kultur, die zwar gut integriert wirken, aber doch immer wieder auf ihre Herkunft reduziert werden.

Das Jugendtheater Tiyatro Tempo zeigt das Stück „Kazandik!“, entstanden im Rahmen des „Stadtschreiberprojekts” 2007/2008, in dem die Berliner Literatin und Dramatikerin Anja Tuckermann in einem öffentlichen Tagebuch ihre Erfahrungen und Gespräche mit Ankaraner Jugendlichen aufgezeichnet hat. Die Geschichte erzählt von fünf jungen Erwachsenen und ihrem Start ins Studium in der fremden Großstadt Ankara. Inszeniert wird dieses dokumentarische Theaterstück als eine Mischung aus Puppen- und Schauspielertheater mit Videofilmen.

Derzeit läuft in Berlin mit „Istanbul Next Wave“ eine beeindruckende dreiteilige Ausstellung zur Istanbuler Kunstszene, die das hiesige Bild der zeitgenössischen türkischen Kunst nachhaltig beeinflussen dürfte. Die Rückkehr der Deutschländer – eine deutsch-türkische Parabel – dürfte wiederum das Deutschlandbild der Ankaraner durchkreuzen.

„Almanci / Deutschländer“ findet im Rahmen der Ernst Reuter-Initiative des Auswärtigen Amtes und des Türkischen Außenministeriums statt.
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