Juli/August 2010

São Paulo: Auf der Suche nach einem anderen Brecht

Das Dramen-Fragment „Der Untergang des Egoisten Johann Fatzer" von Bertolt Brecht ist Ausgangspunkt einer Inszenierung, die das Theaterkollektiv andcompany&Co. zurzeit im Goethe-Institut São Paulo produziert. Dabei konfrontiert es Brechts Text mit dem „Minihandbuch der Stadtguerilla“ von Carlos Marighela, der in den 60er-Jahren gegen die brasilianische Militärdiktatur in den Widerstand gegangen ist. Der kulturelle und ideologische „Remix“, charakteristisch für die Arbeiten von andcompany&Co., lässt neue Formen der Aneignung zu, die in Brasilien eine lange Tradition haben.

Juli bis November 2010
São Paulo, Berlin, Mülheim an der Ruhr, Münster, Düsseldorf


© Peter ManningerDie Fragen nach Desertion, revolutionärem Defätismus und Guerillakampf stehen im Zentrum des „Fatzer“-Fragments von Bertolt Brecht. Während des Ersten Weltkriegs beschließt eine Gruppe von Soldaten „keinen Krieg mehr zu machen“ und versteckt sich in Mülheim an der Ruhr, um auf einen allgemeinen Aufstand zu warten. Bevor es jedoch zu einer Erhebung gegen den Krieg kommt, fällt die Gruppe auseinander.

Die Situation im Untergrund erinnert an die Strategie der Stadtguerilla, deren „Minihandbuch“ Carlos Marighela verfasst hat, ein ehemaliger brasilianischer Kongress-Abgeordneter, der gegen die Militärdiktatur in den bewaffneten Widerstand gegangen ist. Im Milieu der Studentenbewegung und Neuen Linken in den 1970ern wurde das „Handbuch“ auch in Deutschland folgenreich rezipiert, etwa von der Bewegung 2. Juni und der RAF.

Die Texte von Brecht und Marighela bilden den Ausgangspunkt für „FatzerBratz“, die neue Inszenierung der andcompany&Co. Das internationale Künstlerkollektiv um Alexander Karschnia, Nicola Nord und Sascha Sulimma hat das Stück in São Paulo gemeinsam mit brasilianischen Künstlern inszeniert. Diese Zusammenarbeit bietet die Chance einer gegenseitigen Verfremdung: von São Paulo und dem Ruhrgebiet, Erstem Weltkrieg und Stadtguerilla, revolutionärer Bewegung und Reformregierung. Dabei geht es nicht um einen Brecht-Export nach Brasilien, sondern darum, mit Hilfe der stark entwickelten brasilianischen Brecht-Tradition Wege zu einem „anderen Brecht“ zu finden. Der kulturelle und ideologische „Remix“, charakteristisch für die Arbeiten von andcompany&Co., lässt neue Formen der Aneignung und Einverleibung zu, die in Brasilien eine lange Tradition haben.

Vorstellungen:
17. bis 21. Juli 2010 und 4. bis 8. August:  São Paulo
27. bis 30. Oktober 2010: Berlin, HAU 3
4. bis 6. November 2010: Düsseldorf

Eine Produktion von andcompany&Co., Goethe-Institut São Paulo und interior Produções Artísticas Internacionais, in Koproduktion mit dem Serviço Social do Comércio de São Paulo (SESC SP), dem Festival Internacional de Teatro de São José do Rio Preto-SP, dem Hebbel am Ufer (HAU) sowie der Reihe „Geschichten für das Neue Jahrhundert“ von FFT Düsseldorf, Pumpenhaus Münster und Ringlokschuppen Mülheim. Die Produktion entsteht im Rahmen von „Unter Menschenfresser Leuthen. Postkoloniale Perspektiven zeitgenössischen Theaters in vier Kooperationsprojekten zwischen Theatermachern aus Deutschland und Brasilien“, gefördert von der Kulturstiftung des Bundes.
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