Juni 2010

„Mein Ansatz ist immer politisch“

Der argentinische Regisseur Marcelo Massa inszeniert in Argentinien und Uruguay zwei Stücke von René Pollesch: „Sex“ und „Liebe ist kälter als das Kapital“. Im Interview mit Matthias Bitzl sprach er über seine Geistesverwandtschaft mit dem „enfant terrible“ der deutschen Theaterszene und erläutert, warum Südamerika ein neues, anderes Theater braucht.

© Marcelo MassaWas fasziniert Sie an René Pollesch?

Das erste Mal, dass ich ein Stück von René Pollesch gesehen habe, war 2002 in Berlin. Die „Prater-Trilogie“ bestärkte mich in meiner Suche nach einer Regiearbeit, die mit den traditionellen Mustern des Theaters in Südamerika bricht. In Pollesch fand ich einen Regisseur, der mit „Nicht-Repräsentation“ auf eine Art und Weise arbeitet, die mich sehr ansprach. Seine Arbeit erlaubt es, die Parameter sozialer Konstruktion zu hinterfragen, ähnlich wie Foucaults Analysen der westlichen Gesellschaft.

Seit 2001 sind in der Welt, und besonders in Argentinien, die Repräsentationsmuster brüchig geworden. Sämtliche Aspekte des Alltäglichen, der Politik und der Kunst mussten einer Revision unterzogen werden. Man muss bedenken, dass Argentinien ein Land ist, das zur Peripherie der westlichen Welt zählt, man könnte fast sagen, dass wir der Wilde Westen der westlichen, kapitalistischen Welt sind.

Können Sie uns einen Einblick in die Theaterszenen in Uruguay und Argentinien geben?

Obwohl ich die Theaterszene in Uruguay nicht so gut kenne, wage ich zu behaupten, dass das Theater in Montevideo in traditionellem Sinne realistischer ist als das Theater in anderen Teilen Südamerikas. Es gibt allerdings auch Künstler, die sich heute von diesem Einfluss zu lösen versuchen. In Córdoba gibt es dagegen eine wichtige Underground-Theaterszene, die mit einer gewissen Freiheit unterschiedliche Poetiken aufgreift und immer auf der Suche nach einer persönlichen szenischen Sprache bleibt. Es gibt viel Experimentelles, aber wenig Publikum – normalerweise nur 30 bis 40 Zuschauer. Das Fehlen eines Marktes erlaubt es einerseits zu experimentieren, andererseits ist es aufgrund fehlender finanzieller Mittel schwierig, zu produzieren. Parallel existiert nach wie vor die eher konservative Theaterszene, die wenige Produktionen hervorbringt und durchweg dem Realismus verpflichtet ist.

Haben Sie eine Vermutung, welche Wirkung die ungewöhnliche Theaterpraxis René Polleschs auf die eher traditionelle Theaterszene in Südamerika haben wird?

Bereits im letzten Jahr habe ich dank des Goethe-Instituts Córdoba eine Produktion von René Pollesch in Montevideo aufführen können. Das Stück „Insourcing des Zuhause. Menschen in Scheißhotels“ rief die unterschiedlichsten Reaktionen beim Publikum hervor – von „Das ist doch kein Theater!“ bis zu „Das hat mich fasziniert“. Ich bin mir ganz sicher, dass die Zuschauer in Uruguay und Córdoba auch jetzt nicht gleichgültig bleiben werden.

Warum haben Sie sich gerade die Stücke „Sex“ und „Liebe ist kälter als das Kapital“ ausgesucht?

„Sex” scheint mir das Stück zu sein, mit dem ich mich dem traditionellen Publikum in Montivedeo am besten nähern kann. Für das Verhältnis zwischen Sex und Geld interessiert sich jeder. „Liebe ist kälter als das Kapital” hingegen berührt ein sehr aktuelles Thema in Argentinien, die Konstruktion von Realität, da hier gerade über ein neues Mediengesetz diskutiert wird. Die politische Diskussion über die Konstruktion von Realität erscheint mir daher sehr wichtig. Außerdem gehört dieses Stück aus meiner Sicht zu einem anderen Abschnitt in Polleschs Werk, der seinen Standpunkt der „Nicht-Repräsentation” und die ideologischen Parameter nicht aus den Augen verliert, aber hier mit anderen diskursiven Mitteln vorgeht.

Welche Rolle spielt das Goethe-Institut für Ihre Arbeit?

Ich arbeite bereits seit 1998 eng mit dem Goethe-Institut zusammen. Dabei entstanden Fortbildungsseminare, Produktionen und Werkinszenierungen von Autoren wie Marius von Mayenburg, Gesine Danckwart, Franzobel und aktuell René Pollesch. Ich konnte sogar eine multimediale Inszenierung zum Thema Identität verwirklichen. Mein Stück „Was ist ein Deutscher?” zum Beispiel basiert auf Befragungen von Einwohnern Córdobas verschiedener sozialer und kultureller Herkunft und Altersgruppen. Kern des Ganzen ist, dass man bei dem Versuch, eine andere Person zu definieren, indirekt immer auch Aussagen über die eigene Identität trifft.

Ich bin grundsätzlich sehr daran interessiert, Stücke und Texte aus Deutschland zu diskutieren, um diese dann im Theater umzusetzen. Aber ich inszeniere sie nur unter der Voraussetzung, dass ich eine Verbindung zu den sozialen Geschehnissen in Córdoba oder in Argentinien herstellen kann. Meine Arbeiten versuchen stets, Themen zu behandeln, die mit meinem Alltag zu tun haben. Mein Ansatz ist immer politisch.

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