März 2010

„Eine Reise in die Eingeweide lateinamerikanischer Gesellschaften“

Goethe-InstitutAlfons Hug, Leiter des Goethe-Instituts Rio de Janeiro und Kurator der Ausstellung „Weniger Zeit als Raum“, spannt den Bogen von Alexander von Humboldt zu den lateinamerikanischen Befreiungsbewegungen und spricht über die faszinierenden Ergebnisse der aktuellen künstlerischen Recherchen für die Ausstellung.

© Goethe-Institut Unter dem Motto „Die Kunst der Unabhängigkeit“ beteiligt sich das Goethe-Institut mit zahlreichen Veranstaltungen an den Unabhängigkeitsfeiern in Lateinamerika. Was haben Deutschland und die Deutschen mit der Geschichte der lateinamerikanischen Freiheitsbestrebungen zu tun?

Alfons Hug: Es liegt ein klarer Deutschlandbezug vor, denn mehrfach erwähnt Simón Bolívar in seinem Manifest „La Carta de Jamaica“ den „Barón de Humboldt“, der für Amerika mehr getan habe als alle seine Eroberer. Mythenumrankt sind die beiden Treffen Alexander von Humboldts mit seinem Freund Bolívar 1804 in Paris und 1805 in Rom. Selbst in Venezuela gibt es Stimmen, die meinen, Humboldt sei der geistige Vater der lateinamerikanischen Unabhängigkeitsbewegung gewesen und habe den „Libertador“ inspiriert. Humboldt warnte aber schon vor 200 Jahren vor politischer Zwietracht, der Fragilität von Institutionen, der Nichteinhaltung von Gesetzen und der Selbstherrlichkeit von Caudillos. An den genialen Entwürfen Bolívars und Humboldts muss sich die heutige Realpolitik, die sich in permanenter Krisenbewältigung aufreibt, messen lassen. Der Kunst wiederum verhelfen die wie in Stein gemeißelten Zeilen der Vorväter zur Klärung ästhetischer Positionen. Wie nah darf sich die Kunst dem Alltag annähern und wie weit kann sie sich von den drängenden Problemen der Gegenwart entfernen, wo steht Geschichte im Weg und wo kann sie Leitschnur sein?

Welche Überlegungen haben Sie bei der Auswahl der Künstler geleitet?

Wie immer standen die Qualität der Arbeit und eine gewisse Affinität zum Thema im Vordergrund. Ich habe Künstler ausgewählt, die in der Lage sind, historische Gegebenheiten so zu verarbeiten, dass eine Relevanz für die Gegenwart entsteht. Die polnisch-deutsche Künstlerin Agata Madejska beispielsweise folgte in Peru und Ecuador dem legendären Inkapfad, der einst über Tausende von Kilometern ein Riesenreich in den Anden verband. Ihre Fotografien von archäologischen Ausgrabungen in Huaca de la Luna und Pachacámac oder architektonischen Überresten in Machu Picchu sind stumme Zeugen untergegangener Kulturen. Die Terrassen von Pisac und die Gemäuer der verlorenen Stadt Chan Chan rückt Madejska dermaßen vorteilhaft ins Licht, dass sie aus ihrem tausendjährigen Schlaf erwachen und wie beseelt wirken. Die Künstlerin gibt dem Kontinent sein kulturelles Rückgrat wieder, das in Jahrhunderten von Conquista und Bürgerkrieg schwer beschädigt worden ist.
In die Geschichte zurück geht auch Pablo Cardoso aus Cuenca in Ecuador, nämlich zur Revolution in Haiti, der nach den USA zweitältesten Republik Amerikas. In Cap-Haïtien bestieg er die Zitadelle. Diese an die berühmten Kerker-Radierungen von Giovanni Battista Piranesi erinnernde, größte Festungsanlage der westlichen Hemisphäre ließ der selbsternannte König Henri Christophe zwischen 1805 und 1820 von 20.000 Zwangsarbeitern gegen die napoleonischen Truppen errichten. Der Künstler folgt dem Pfad der ehemaligen schwarzen Sklaven, die Stein um Stein zur Zitadelle schleppten. Sie ist zum Symbol eines für den Kontinent so typischen Widerspruchs geworden: formale Unabhängigkeit auf der einen Seite und fortdauernde Knechtschaft auf der anderen. Fernando Gutiérrez aus Peru hat einen Nachfahren des legendären Admirals Miguel Grau, der im sogenannten Pazifikkrieg (1879-1884) der chilenischen Flotte unterlag, zu einer viertausend Kilometer langen Reise im VW-Bus von Lima nach Südchile eingeladen. Die fahrende Truppe besichtigte unterwegs auch das in Talcahuano festgesetzte Schlachtschiff Huáscar und organisierte in den Küstenstädtchen Performances. Wenn Geschichte schon nicht korrigiert werden kann, dann soll der in Lateinamerika so verbreitete Personenkult wenigstens eine ironische Lesart erfahren.

Sämtliche Werke sind speziell für diese Ausstellung entstanden. Welche Vorgaben haben Sie den Künstlern gestellt?

Die Künstler waren frei in ihrer Interpretation des Themas. Das spiegelt sich auch in den Werken wieder, die eine erstaunliche Bandbreite aufweisen, von historischer Recherche bis hin zu ironischen und satirischen Lesarten. In mehreren Fällen kam es auch zu einem intensiven Dialog mit den am Projekt beteiligten Intellektuellen aus Deutschland und Südamerika. Interessant dabei ist, dass der neue „Indigenismus“, der in mehreren Ländern des Kontinents derzeit zu beobachten ist, sowohl von Künstlern wie von Essayisten aufgegriffen wurde, etwa von Olaf Holzapfel aus Berlin, der seine Skulptur mithilfe traditioneller Webstoffe der Wichi-Indios schuf, oder vom uruguayischen Intellektuellen Raúl Zibechi, der die indigenen Bewegungen in Bolivien untersuchte.

Die Bicentenario-Feierlichkeiten werden in Lateinamerika durchaus kritisch gesehen. Sehen Sie die Ausstellung als einen Beitrag zur kritischen Hinterfragung solcher Gedächtnisfeiern?

Zeitgenössische Kunst ist nie eine affirmative Praxis, sie feiert in der Regel auch nichts, sondern nähert sich dem historischen Erbe eher skeptisch und kritisch, gelegentlich auch ironisch. Die Jubelfeiern überlassen wir den Regierungen. Unsere Ausstellung dürfte eine der wenigen rein zeitgenössischen Manifestationen im Reigen der offiziellen Bicentenario-Veranstaltungen sein.

Mit welchen Erwartungen sind Sie selbst an das Projekt herangegangen und haben diese sich erfüllt?

Eine Ausstellung zu kuratieren, die komplett aus Auftragsarbeiten besteht, ist ein Privileg und aufgrund der erheblichen Investitionen ein eher seltener Vorgang, der garantiert, dass die Werke frisch wirken und sich sehr dem Thema annähern.
Die Suche nach geeigneten Ausstellungsräumen in verschiedenen Städten und Ländern Lateinamerikas war eine Reise in die Eingeweide der jeweiligen Gesellschaften. Kulturelle Infrastruktur gibt Aufschluss über das Selbstverständnis der jeweiligen Nationen und ihrer Administrationen. Der Zustand der Museen ist ein Symbol für den Respekt, den die einzelnen Staaten ihrem kulturellen Erbe entgegenbringen. In einigen Städten verrinnt die Zeit zu langsam, in anderen zu schnell. In einigen fällt es der zeitgenössischen Kunst schwer, Fuß zu fassen, in anderen wird sie mit offenen Armen empfangen.

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