Juni 2011

Arabische Filmtage: Was schon vor dem Umbruch möglich war

Mit der Reihe „Vor dem Sturm“ bringt das Goethe-Institut unabhängiges Kino aus arabischen Ländern nach Deutschland. An sechs Abenden, vom 17. bis 22. Juni, geben kurze und lange Filme Einblicke in die Zeit vor dem „arabischen Frühling“. Irit Neidhardt, eine der Kuratoren der Reihe, sprach mit Regina Peper über Hollywood am Nil, eine neue Generation von Filmschaffenden und den „arabischen Frühling“.

© privatWelche Rolle spielen Kino und Film im kulturellen Leben der arabischen Welt?

Grundsätzlich ist es ähnlich wie in Europa, wo möglich, gehen die Menschen in die Multiplexe, kaufen Popcorn und Cola und sehen sich die neuesten Produktionen aus Hollywood an. Aufgrund der geringen Kinodichte und teilweise hohen Eintrittspreise weichen viele auf DVDs aus, die Dank der Piraterie für den Großteil der Bevölkerung erschwinglich sind. Alles Weitere kommt stark auf das jeweilige Land an: Die Filmindustrien in den einzelnen arabischen Ländern unterscheiden sich weit mehr voneinander als es zum Beispiel die europäischen tun. Etwas verkürzt kann man sagen, dass nur Ägypten eine eigene Filmindustrie hat. Alle anderen Länder produzieren mit europäischer Förderung. In Nordafrika und in Syrien allerdings sind noch Rudimente einer staatlichen Filmförderung zu erkennen. Von dem Aufbruch nach der Dekolonisierung, der Cinéclub-Bewegung und den Manifesten zum Film, die stark in den Debatten ums Dritte Kino verankert waren, ist jedoch so gut wie nichts geblieben. Dieser Aufbruch fand zu der Zeit statt, als in der Bundesrepublik die staatliche Filmförderung wieder eingeführt wurde, mit deren Unterstützung heute der Löwenanteil der Produktionen finanziell abgesichert wird. Der Slogan „Kultur als Waffe“ gegen Fremdbestimmung ist vergessen. Die arabischen Staaten haben kulturell abgerüstet. Was das Kino betrifft, spielt Hollywood die Hauptrolle.

Was für Filme werden im Kino Arsenal zu sehen sein?

Im Kino Arsenal werden Kurzfilme aus dem Programm „Arab Shorts“ des Goethe-Instituts gezeigt. Das sind Filme, die qua Genre und Produktionsbedingungen, freier und experimenteller sein können als abendfüllende Arbeiten für das Kino.
Darüber hinaus gibt es vier Abende mit unabhängigen ägyptischen Spielfilmen, die vor dem politischen Umbruch in der Filmszene und unter Intellektuellen diskutiert wurden, weil sie mit staatlichen sowie marktorientierten Vorgaben für Filmproduktionen gebrochen haben: Sei es, indem keine Drehgenehmigungen eingeholt und die Geschichten in Workshops entwickelt wurden oder weil sie fast ohne die alles dominierenden Stars auskommen. Es sind die Arbeiten von Ibrahim El Batout und Ahmad Abdalla, die je zwei in diesem Sinne unabhängige Spielfilme für das Kino realisiert haben. Durch die Beständigkeit ihrer nicht konformen Arbeitsweise, die Wiederholungstat, haben sie bewiesen, dass es anders gehen kann.

In welchem Verhältnis stehen die Filme zu dem dramatischen Umbruch, den wir derzeit in der arabischen Welt erleben?

Die Filme, die gezeigt werden, sind allesamt vor dem Umbruch entstanden. Sie spiegeln Debatten und Bewegungen in ihren Produktionsländern und zeigen, dass kein Regime es schafft, Freiräume hermetisch zu verschließen. Was Ägypten betrifft, so hat Mubarak zwar 28 Jahre mit Notstandsgesetzen regiert, aber erst in den letzten sieben bis fünf Jahren Gesetze massiv verschärft. Umgehend haben die ersten Kritiker und Kritikerinnen angefangen, das System als diktatorisch zu bezeichnen und sich stärker zivilgesellschaftlich organisiert. Im Filmbereich bedeutete dies die Herausbildung einer neuen Generation unabhängiger Kreativer, die sich aufgrund technischer Veränderungen und gesunkener Produktionskosten gesellschaftlich breiter aufstellen kann als die Generation davor. Teile der Bevölkerung haben also immer ihre Freiräume vehement verteidigt und direkt gegen die politische Verengung opponiert – dies jeweils in ihrem unmittelbaren Betätigungsbereich und mit den dafür adäquaten Mitteln wie Streiks, Eingaben beim Obersten Verfassungsgericht, Demonstrationen oder Kunst und Kultur. Im Kino Arsenal wird diese Zeit „Vor dem Sturm“ im Gespräch mit den Regisseuren am Beispiel ihrer Filme reflektiert.

Vor welchen Herausforderungen stehen die Filmemacher El Batout und Abdalla in der aktuellen Situation?

Ich glaube, dass alle, die in den letzten Jahren Formen freier Räume geschaffen oder verteidigt haben, jetzt vor der Herausforderung stehen, mit dem enormen Tempo der Veränderung umzugehen und gleichzeitig zu erkennen, wann sie gelassen bleiben können. Sie haben Erfahrungen in der Verteidigung demokratischer Rechte, die jetzt zentral sein sollten. Gleichzeitig hat sich ihre Position völlig verändert. Sie haben in den Jahren zunehmender Einschränkungen enorme Kraft entwickelt, die die Verschiebung der Machtverhältnisse mit ausgelöst hat. Die Verantwortung, die sich daraus ergibt, will erst einmal erkannt, verdaut und durchdacht werden. Es mangelt jedoch an Zeit, da die Wahlen bereits im September stattfinden und der Alltag auf dem Kopf steht.

Der Produzent Mohammed Hefzy sagte in einer Pressemitteilung zu der Dokumentarfilm-Kompilation „Tahrir Square“, es sei natürlich, dass sich die internationale Aufmerksamkeit jetzt auf Ägypten richte. Daher habe er diesen Film produziert, in dem die Revolution aus Sicht ihrer Macherinnen und Macher gezeigt wird und aus keiner anderen. Er spricht damit einen sehr wichtigen Punkt an, nämlich den der Vereinnahmung der Revolution, oder der – sehr uneinheitlichen – Bewegung, die eigenartigerweise nie Intifada genannt wird, und die Macht über die Bilder. Die Definitionsmacht zu behalten und selbstbestimmt die Zukunft zu gestalten, ist eine riesige Herausforderung.

Und wie können internationale Kulturmittlerorganisationen sich in dieser Umbruchphase beteiligen?

Ich finde die Tahrir-Lounge im Goethe-Institut Kairo eine sehr gute Form der Unterstützung. Das Goethe-Institut ist seit Jahrzehnten in der Stadt, aber der Umbruch ist nicht der seine. Einen Raum anzubieten, in dem man sich treffen und besprechen kann, finde ich angemessen.

Im Kontext der Rolle internationaler Organisationen denke ich an Palästina, an die Euphorie bis Mitte der neunziger Jahre und das Elend, das wir jetzt sehen. Die Erste Intifada war ebenso wie die Revolte auf dem Tahrir Platz ein Kampf um Selbstbestimmung. Sie richtete sich nicht nur gegen die Besatzung, sondern auch gegen die PLO-Führung in Tunis, die ihre Bevölkerung in Palästina fernab der Realitäten vor Ort regierte. Die palästinensische Delegation auf den offiziellen Friedensverhandlungen, die mit der Konferenz in Madrid 1991 begannen, bestand aus Repräsentanten der Intifada. Sie wussten nicht, dass in Oslo geheime Parallelverhandlungen stattfanden, die schließlich zur Amtseinsetzung der Palästinensischen Autonomiebehörde führten. Um die so installierte Demokratie – ein Begriff der nicht definiert wurde – in Palästina zu unterstützen, haben Institutionen der Geberstaaten verschiedenartige Demokratisierungskurse unterrichtet. Es scheint, als sei die starke Selbstorganisation, die die Bevölkerung in den Jahren zuvor aufgebaut hatte, bedeutungslos geworden, sobald offizielle Strukturen vorhanden waren.
Die internationalen Institute und NGOs sind im Land geblieben, es kommen ständig spannende Projekte hinzu. Auf palästinensischer Seite wird von einer NGOisierung der Gesellschaft gesprochen und der damit einhergehenden Privatisierung nationaler Interessen. Dies führt zu wachsendem Unmut und Widerstand. Auf die beiden bekanntesten international geförderten Kulturprojekte, das Cinema Jenin und das Freedom Theatre, wurden Brandanschläge verübt. Juliano Mer Khamis vom Freedom Theatre ist Anfang April diesen Jahres nach wiederholten Morddrohungen – oder Warnungen – durch mehrere Schüsse vor seinem Theater hingerichtet worden. Das Guest House des Cinema Jenin rät den Internationals derzeit von einem Besuch ab, Graffitis in der Stadt fordern ‚internationals out‘. Dies ist eine sehr besorgniserregende Entwicklung, die allerdings absehbar war. Wenn man das für Ägypten vermeiden kann, wäre viel gewonnen.

Irit Neidhardt, Gründerin von mec film (middle eastern cinemas), einer Verleih- und Vertriebsfirma für Filme aus dem Nahen Osten, ist Koproduzentin des mehrfach ausgezeichneten jordanischen Dokumentarfilms „Recycle“ (2007) sowie des preisgekrönten libanesischen Dokumentarfilms „The One Man Village“ (2008). Sie arbeitet als Referentin zum Themengebiet Kino und Nahost und ist Autorin zahlreicher Artikel zum Thema.
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