Mai 2011

Kulturarbeit in Ägypten: „Die Menschen haben gezeigt, wie viel sie können“

Zwei Monate nach dem Rücktritt von Präsident Mubarak bleibt die Zukunft Ägyptens ungewiss, der Ablauf der geplanten Parlamentswahlen im September ist höchst umstritten. Daniel Stoevesandt, Leiter des Goethe-Instituts in Alexandria, spricht im Interview mit Anne-Kathrin Lange über die Entwicklungen der letzten Wochen, berichtet, wie das Goethe-Institut den Demokratisierungsprozess im Land begleitet und erklärt, warum es zurzeit am wichtigsten ist, die „Menschen am Denken zu halten“.

© Goethe-Institut Seit dem Rücktritt Mubaraks sind über zwei Monate vergangen. Wie ist die Stimmung im Land?

Nach dem Rücktritt war die Stimmung sehr euphorisch. Das lag zum einen am simplen Sturz eines verhassten Regimes, zum anderen haben die Menschen ein neues Selbstbewusstsein entwickelt   Psychologisch betrachtet ist dies der spannendste Moment: Nach 30 Jahren Unterdrückung hatten viele Menschen völlig ausgeblendet, dass sie als Volk überhaupt eine Macht haben und wahrgenommen werden könnten. Plötzlich bemerkten sie, dass sie in nur zwei Wochen ein Regime stürzen konnten – und plötzlich sind sie wer. Das hat enorm viel verändert. Die Ägypter verstehen sich jetzt wieder als mündige Bürger.

Ende März ist die Euphorie etwas abgeflaut, weil sich das Tempo der Veränderung stark verlangsamt hat. Das Ergebnis der Abstimmung zur Verfassungsänderung war ein erster Dämpfer für viele Aktive der Revolution: drei Viertel der Wählerinnen und Wähler hatten für eine Überarbeitung der alten Verfassung gestimmt. Nachdem Informationen über Misshandlungen durch das Militär publik wurden, veränderte sich die Stimmung erneut. Die Ägypter haben begriffen, dass auch das Militär Teil des alten Regimes war. Die Festnahme Mubaraks und seiner Söhne hat dann wieder Hoffnungen geweckt. Auf einen Schlag wurden 20 Gouverneure ausgetauscht und der Minister für Altertumsgüter Zahi Hawass zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Das sind zumindest Symbole dafür, dass die größeren Köpfe des alten Regimes ausgetauscht werden. Dadurch wird klar gezeigt, dass nicht nur alter Wein in neue Schläuche gegossen wird – was bisher die größte Angst der Bevölkerung war.

Andererseits ist es in der Kultur gerade wie in der Wirtschaft, keiner ist bereit zu investieren. Alle wollen erst einmal die Wahlen im November abwarten. Zurzeit weiß keiner genau, wo die Reise hingeht, wie sich die Wahl entwickeln wird, ob es mehr Freiheiten gibt und welcher Couleur die neue Regierung sein wird.

Welche Rolle spielen Künstler und Kulturschaffende in der Protestbewegung?

In der heißen Phase der Revolution haben sie eine sehr wichtige Rolle gespielt. Spannend ist jetzt, welche Rolle sie nach der Revolution einnehmen können. Es gibt zurzeit in Kairo Gespräche zwischen der jetzigen Übergangsregierung des Militärs und einer ausgewählten Gruppe von Aktivisten der Revolution, was ein sehr positives Zeichen ist. Man nimmt die Künstler und Kulturschaffenden ernst und hört sich an, was sie wollen. Viele Künstler und Kulturschaffende treffen sich regelmäßig, um über die Zukunft des Landes zu diskutieren. Die Vermittlung dieser Diskussionen in die Öffentlichkeit ist aber schwierig. Zum einen fehlen die Kanäle, zum anderen scheinen sich die Akteure zu verzetteln .

Hätte es eine neue Verfassung gegeben, hätte das bedeutet, dass auch die Wahlen viel später stattfinden. Und das hätte den oppositionellen Kräften, ob nun aus der Kultur oder anderen Bereichen, sehr viel mehr Zeit gegeben, sich zu organisieren und zu formieren. Diese Zeit ist jetzt relativ begrenzt. Wir leben hier in einem Land, in dem in den Sommermonaten nicht viel erledigt wird, weil es unerträglich heiß ist. Erschwerend kommt hinzu, dass der August Fastenmonat ist. Das heißt, die Opposition hat nur bis Mitte Juni Zeit, etwas auf die Beine zu stellen und Parteien zu gründen. Was sie bis dahin nicht auf den Weg gebracht hat, schafft sie meiner Meinung nach auch nicht mehr. Es gibt enorm viele Ideen, aber zu wenig Zeit, um Strukturen zu entwickeln und Ideen in die Öffentlichkeit zu bringen.

Das vom Goethe-Institut gemeinsam mit ägyptischen Partnerinstitutionen initiierte Tanzprojekt „Nassim el Raqs“, das im Mai in Alexandria stattfindet, setzt sich mit der Rolle von Kunst im öffentlichen Raum auseinander. Wie war das während des Mubarak-Regimes? Konnte Kunst im öffentlichen Raum überhaupt stattfinden?

Dieses Projekt ist schon im Spätsommer des vergangenen Jahres entwickelt worden, das ist das Spannende daran. Wir haben hier ein Land, in dem sich ein großer Teil des Lebens außerhalb der Wohnungen und geschlossener Räume abspielt. Die Menschen sind ständig unterwegs und auf der Straße. Gleichzeitig gibt es aber das Phänomen, dass öffentliche Plätze nur begrenzt zugänglich sind für Kunst. Das war im alten Regime ganz klar nicht gewollt. Kulturveranstaltungen hatten bitteschön in geschlossenen Räumen stattzufinden, vor denen dann zwei Sicherheitsleute standen. Es wurde nie klar formuliert, aber man konnte die Angst immer spüren, dass nicht-konforme Veranstaltungen in spontane Demonstrationen ausarten. Und das hat uns motiviert, zu sagen: Wenn einer es schaffen kann, in der Öffentlichkeit Kunst zu zeigen und Menschen zu motivieren, Kunst für öffentliche Orte zu entwickeln, dann sind es internationale Akteure.

In meinem ersten Jahr in Ägypten habe ich ein Straßentheaterfestival organisiert. Wir hatten es damals bewusst in einer Straße in Kairo geplant, die nur für Fußgänger zugänglich ist. Denn wenn man irgendwo den Verkehr blockiert, gibt es erst recht keine Genehmigung. Wir bekamen dann zwar eine Erlaubnis, aber als wir morgens an den Ort des Geschehens kamen, war die Straße komplett abgeriegelt von Soldaten. Die Botschaft war klar: „Bitteschön, ihr könnt Theater machen, aber macht es doch am besten ohne Zuschauer.“ Wir haben unsere Veranstaltung damals zum Glück doch noch hinbekommen, aber die Situation zeigt sehr anschaulich, wie die Regierung versucht hat, die Kontrolle jederzeit zu bewahren.

Die Idee, sich mit Tanz in den öffentlichen Raum zu wagen, war noch heikler: Tanz ist sehr körperlich, kann schnell erotisch werden. Außerdem kommt das Problem hinzu, dass es in Ägypten für Frauen noch immer ungewöhnlich ist, sich in der Öffentlichkeit zu bewegen und ihren Körper zu zeigen. Daher passt unser Projekt genau in die Zeit. In den letzten acht Wochen haben immer mehr junge Leute mit spontanen Straßenfesten öffentliche Plätze erobert. Sie haben keine Genehmigungen eingeholt, einfach Generatoren gemietet und losgelegt. Plötzlich fanden überall Konzerte statt. Interessanterweise aber auch nicht mehr als das. Es gibt keine anderen Formate. Für uns ist es wichtig, dass es nicht nur bei dieser Musikschiene bleibt und wir am Ball bleiben, auch wenn die Aktivitäten der Ägypter wieder abflauen. Und wir müssen uns auch zutrauen zu sagen: „Es kann noch ein wenig spannender sein, als fünf Musiker auf eine Bühne zu stellen“.

Anfang April wurde im Goethe-Institut Kairo die Tahrir-Lounge eröffnet, ein neuer Ort für den künstlerischen und intellektuellen Austausch. Seit Mitte März gibt es „Transit“, eine Online-Plattform, auf der junge arabische und internationale Autoren über ihre Sicht des ägyptischen Frühlings schreiben. Wie wird es weitergehen? Welche Schwerpunkte setzt das Goethe-Institut Alexandria, um den Demokratisierungsprozess im Land zu begleiten?

Die Tahrir-Lounge ist aus dem Wissen entstanden, dass man Plätze braucht, wo man sich treffen und austauschen kann, ohne gefragt zu werden, was man da eigentlich macht. Die Tahrir-Lounge ist nur 350 Meter vom Platz des eigentlichen Geschehens entfernt. Sie ist ein Ort, an dem Menschen in Ruhe miteinander sprechen können, einen Kaffee trinken und ihre Emails lesen oder die neuesten Fotos ins Netz stellen.
 
Was die Arbeit des Goethe-Instituts Alexandria angeht, bin ich der Meinung, dass es nicht unsere Aufgabe ist, schulmeisterlich aufzutreten und jetzt beispielsweise Demokratietrainings anzubieten. Ich persönlich denke, die Menschen hier haben gezeigt, dass sie sehr viel selber können. Die Revolution wurde ja nicht von ausländischen Akteuren organisiert. Deswegen möchte ich in den nächsten Monaten hier Aktivitäten veranstalten, die Denkanstöße geben und gegen das Vergessen wirken. Es ist wichtig zu zeigen, wie es in Deutschland aussieht, zu sagen: „Schaut euch in Ruhe an, wie wir es machen, ihr könnt hinterher immer noch sagen, dass es bessere Ideen gibt. Aber schaut euch an, wie andere Leute arbeiten und entwickelt daraus eigene Visionen.“ Denn viele Menschen in Ägypten haben keine Vorstellung davon, was für alternative politische und gesellschaftliche Systeme es überhaupt gibt in der Welt.

Das können künstlerische Arbeiten sein oder auch ganz andere Dinge, wie zum Beispiel Workshops zum Thema Hochschuldemokratie. Nach Ostern hatten wir eine Veranstaltung mit drei Mitgliedern von Studentenvertretungen aus verschiedenen Teilen Deutschlands, die hier gemeinsam mit zwölf Studenten aus den drei Hochschulen in Alexandria die Möglichkeiten von Studentenvertretungen diskutierten. In der ersten Stunde des Workshops hörten die deutschen Teilnehmer nur zu, dann berichteten sie aus Deutschland. Anschließend entwickelten die ägyptischen Studenten in Arbeitsgruppen ihre Vorstellungen einer demokratischen Hochschule.

So stelle ich mir die Begleitung der Veränderungsprozesse vor. Ende Mai werden wir ein deutsches Theaterstück inszenieren, das sich mit der Vision vom „goldenen Europa“ und der Flüchtlingsproblematik auseinandersetzt, aber auch mit den  Reaktionen der Deutschen auf die Einwanderer. Das ist zurzeit ein wichtiges Thema, weil viele von der Emigration träumen. Statt zu sagen, wir bleiben hier und bauen unser Land auf, wollen manche Ägypter so schnell wie möglich ihre Heimat verlassen.

Die Menschen am Denken zu halten – das ist meines Erachtens das wichtigste. Einerseits gibt es ein starkes und verständliches Bedürfnis nach einem normalen Alltag, andererseits liegt darin auch die Gefahr des Stillstands. Ich sehe unsere Rolle darin, Punkte vorzugeben, über die man hier nachdenken sollte.

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