Hintergrund

Copyright AdK BerlinDie Ausstellung wurde in Anlehnung an „Doppelleben. Literarische Szenen aus Nachkriegsdeutschland“ – ein Projekt der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und des Literaturhauses Berlin, in Zusammenarbeit mit dem Archiv der Akademie der Künste, Berlin, dem Deutschen Literaturarchiv Marbach und weiteren Partnern – vom Goethe-Institut und der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung realisiert.

www.doppelleben.org

 

Copyright DLA MarbachFür die Historiker steht es längst fest: Es gab nach 1945 keine „Stunde Null“ in Deutschland. In der literarischen Diskussion scheint das nicht so eindeutig zu sein, zu sehr ist das Wort vom „Kahlschlag“ im Gedächtnis und die Gründung der später so einflussreichen „Gruppe 47“. Man hat allerdings vergessen, wer in den ersten Jahren nach dem Krieg im Westen den Ton angab: Das waren Lyriker wie Rudolf Alexander Schröder oder Autoren, die als Literaturfunktionäre und Netzwerker auftraten, allen voran Kasimir Edschmid (PEN-Generalsekretär und Vizepräsident der Deutschen Akademie) und Frank Thiess, der Agitator gegen Thomas Mann. In der Sowjetischen Besatzungszone ist Johannes R. Becher als Multifunktionär das Paradebeispiel. Das literarische Leben wurde von 55- bis 70-Jährigen dominiert, die sich im Westen als „innere Emigranten“ ausgaben und im Osten aus der Sowjetunion zurückkehrten. Für die „junge Generation“ und heimkehrende Emigranten gab es im Westen keinen Platz. Erst Mitte der fünfziger Jahre wurden neue Konturen erkennbar, vor allem durch die wachsende Bedeutung der Gruppe 47.

Copyright Deutsche AkademieDie Ausstellung widmet sich den wichtigsten Debatten: der Auseinandersetzung um Thomas Mann, der als Symbolfigur der Emigration zum Teil heftig angefeindet wurde, dem kometenhaften Wiederaufstieg von Gottfried Benn, der durch seine radikale Ästhetik um Elite und Einsamkeit massenhaft Identifikationsmöglichkeiten bot, dem politisch-ästhetischen Konflikt zwischen Becher und Brecht in der DDR sowie dem Streit zwischen Ost und West um die deutsche Einheit, der schon auf dem Schriftstellerkongress im Oktober 1947 in Berlin die Unvereinbarkeit der Positionen erkennen ließ. Nach dem Nationalsozialismus war in der frühen Bundesrepublik vor allem der Antikommunismus der wichtigste innenpolitische Kitt. Erstmals werden Materialien zur Gründungsgeschichte der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt veröffentlicht, die den Geist der Bundesrepublik unter Konrad Adenauer dokumentieren. Hier zeigt sich auch, wie mühsam es war, in die von außen ermöglichten demokratischen Strukturen hineinzuwachsen.

Helmut Böttiger
Kurator der Ausstellung „Doppelleben" arbeitet als Kritiker und Kolumnist

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