Christian Kutscher über Montevideo: „Ohne Mate geht gar nichts“

Häuserfront im Barrio Reus (Foto: Pía López)
7. November 2012
In Uruguay ist am Unabhängigkeitstag nichts los: Christian Kutscher, Mitarbeiter am Goethe-Institut Montevideo, über die Nacht, die dem Feiertag die Schau stiehlt, die Entdeckung der Langsamkeit und die eigentliche Religion Uruguays.
Stimmt es eigentlich, dass es in Uruguay einen inoffiziellen Feiertag – oder besser gesagt: Feierabend – gibt, an dem ganz Montevideo in die Vergangenheit zurückreist?
Kutscher: Oh ja. Das ist die Noche de la Nostalgia, die beliebteste Partynacht im ganzen Land. Sie beginnt am 24. August, am Tag vor dem uruguayischen Unabhängigkeitstag: Überall in Montevideo wird dann zur Musik vergangener Jahrzehnte, vor allem der Fünfziger- und Sechzigerjahre gefeiert. Fast immer ist es erwünscht, in Klamotten aus dieser Zeit zu erscheinen. Bereits Wochen zuvor spielen die Radiosender nur noch Oldies, und die Leute singen mit, beim Frisör, in der Arbeit oder auch im Bus. Am 24. August schließen die Geschäfte schon nachmittags – am Abend ist ganz Montevideo kostümiert unterwegs, auch die älteren Menschen. Der eigentliche Feiertag ist inzwischen nur mehr ein Ruhetag.
Was können wir von den Montevideanern lernen?
Dass es auch langsamer geht. In Montevideo hört man auf viele Fragen erst einmal die Antwort: „Tranquilo!“. Also: Immer mit der Ruhe. Mit der typischen Gelassenheit in Uruguay kommt man als Deutscher manchmal nicht gleich zurecht. Die Zeit tickt einfach ein bisschen anders am Río de la Plata.

Christian Kutscher: „Die Landschaft Uruguays erscheint unendlich“ (Foto: Patricia Kutscher)
Ich bin schon mit 13 Jahren von der Schwäbischen Alb nach Montevideo gekommen. Mich hat daher überrascht, dass die Landschaft Uruguays unendlich scheint. Es gibt keine Berge, der Horizont ist grenzenlos. Entweder ist es am Ende grün, weil ganz Uruguay eine riesengroße Wiese ist. Oder blau, weil Uruguay einen wunderschönen Strand am Atlantik hat. Diese horizontale Linie ist überall sichtbar.
Was bewegt die Montevideaner derzeit am meisten?
Ein aktuelles Thema sind, wie eigentlich immer, die Beziehungen innerhalb des Mercosur, des gemeinsamen Marktes Südamerikas. Beständig sorgt man sich um Uruguays Position, da wir in dieser Union das kleinste Land sind; andere Mitgliedstaaten sind Riesen, wie Brasilien oder Argentinien. Leider ist das andere große Thema im Moment die Sicherheit. Man kann nicht mehr, wie gewohnt, die Tür offen lassen. Das trübt die Lebensfreude.
Was lieben die Montevideaner über alles?
Da gibt es zwei ganz klare Leidenschaften: Die Nummer eins ist Fußball. Uruguay ist im Vergleich zum Rest Lateinamerikas wenig religiös – die wahre Religion Uruguays ist der Fußball. Sogar der jüngste Uruguayer kann alle Weltmeisterschaftsjahre aufzählen. Die zweite große Leidenschaft ist der Karneval, der mit viel Musik und Theater auf tausenden Bühnen stattfindet. Wir rühmen uns für den längsten Karneval der Welt. Neben diesem Trubel liebt man aber auch ruhige Nachmittage auf der Küstenpromenade. Dazu trinkt man Mate-Tee, von zuhause mitgebracht. Ohne Mate geht sowieso gar nichts.
Ihr Lieblingskünstler aus Montevideo?
Ich mag den Musiker Tabaré Cardozo sehr gerne. Er ist so etwas wie der Inbegriff für Murga, einer Art Musiktheater, das die wichtigste Form des montevideanischen Karnevals ist.
Was ist Ihr persönlicher Lieblingsort in Montevideo?
Das Stadtviertelchen Punta Gorda. Montevideo wurde auf einer Halbinsel gegründet und hat sich im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts am Strand entlang Richtung Osten entwickelt. Punta Gorda befindet sich auf einer Art felsigen Zunge, aber zugleich mitten in Montevideo. Dort hat man einen unglaublichen Blick auf den Río de la Plata, die Buchten von Malvín und Pocitos und ganz am Ende sogar auf die Skyline der Altstadt. Im Sommer erlebt man hier den schönsten Sonnenuntergang, den es gibt.
Kinder beim Sprung in den Río de la Plata (Foto: Andrea Sellanes)
Welches Gericht sollte man sich in Montevideo auf keinen Fall entgehen lassen?
Das typische Asado de tira, bestehend aus den gegrillten Rippen vom Rind. Man sollte es im Mercado del Puerto, einer alten Hafenhalle in Montevideo probieren. Dort sitzt man neben dem Feuer und kann bei der Zubereitung zusehen, die ein kleines Kunststück ist.
Was wäre Ihr Traumprojekt?
Mein Traumprojekt hat damit zu tun, dass ich Architekt bin: Montevideo ist ein wunderschönes Beispiel für Architektur aus den Zwanziger-, Dreißiger- und Vierzigerjahren. Das waren die goldenen Jahre, in denen sich ganz Uruguay absolut mit der Moderne identifiziert hat. Das wird aber kaum wahrgenommen. Man ist sich nicht über den kulturellen Wert der Stadt bewusst, man denkt immer eher an die Landschaft. Ich würde gerne Projekte entwickeln, die den Montevideanern helfen, ihre Stadt wiederzuentdecken oder anders zu erleben. Ich war gerade erst in Berlin beim Festival of Lights. Dabei ist mir besonders die Wirkung der beleuchteten Fassaden auf die Betrachter aufgefallen. Das war sehr inspirierend.
Die Fragen stellte Lisa Mayerhöfer.
Geboren wurde Christian Kutscher in Salto, Uruguay. Danach zog die Familie nach Deutschland auf die Schwäbische Alb. Als Kind wollte er Pilot werden. Stattdessen studierte er Architektur in Montevideo. Beim Goethe-Institut ist er seit 2007. In Montevideo ist er IT-, und Internetansprechpartner sowie in der Programmarbeit tätig. Übrigens: In seiner Freizeit gestaltet Christian Kutscher am liebsten den Garten seiner Eltern in Salto. Er hat parkähnliche Ausmaße und ist besonders beliebt bei Kolibris.










