Margit Djiango über Yaoundé: „Ich hatte nie Heimweh“

Stadtzentrum von Yaoundé (Foto: Ville Miettinen)
5. Dezember 2012
Über 200 Sprachen befruchten das kamerunische Französisch und Englisch: Margit Djiango, Mitarbeiterin am Goethe-Institut Yaoundé, über Wortwitz, das Grün des Mont Fébé und ein Säckchen Heimaterde.
Stimmt es eigentlich, dass in Kamerun über 280 Sprachen gesprochen werden?
Djiango: Sind es nun 220 oder 250 oder 280? Da sind sich die Linguisten nicht einig. Fest steht, dass es über 200 Sprachen in Kamerun gibt und etwa die Hälfte davon in schriftlicher Form. Auf dem Land sind die lokalen Sprachen präsenter als in der Stadt, bei der älteren Generation stärker verankert als bei der jüngeren. Ich denke, die Sprachenvielfalt befruchtet auch die Amtssprachen Englisch und Französisch. Das Französische der Kameruner ist viel facettenreicher und bildhafter als das Französisch der Franzosen. So habe ich zum Beispiel schon gehört „Elle est nombreuse“, wörtlich übersetzt: Sie ist zahlreich, um auszudrücken, dass eine Frau recht korpulent ist. Schön, nicht?
Was bewegt die Menschen in Kamerun derzeit am meisten?
Krise, Korruption und Knappheit. Die Arbeitslosenquote ist sehr hoch. Gut ausgebildete junge Menschen finden keine adäquate Arbeitsstelle und verdingen sich im informellen Sektor. Das erklärt auch die hohe Migration. In Deutschland leben derzeit rund 20.000 Kameruner, um die 6.000 sind an deutschen Hochschulen eingeschrieben. Sie werden voraussichtlich – wenn überhaupt – erst im Rentenalter nach Kamerun zurückkehren. Die Korruption ist allgegenwärtig. Ob das nun der Polizist bei einer Verkehrskontrolle oder der kleine Beamte in einem Ministerium ist – jeder verlangt einen Obolus. Ganz zu schweigen von hohen Beamten bis hinein in die Regierungsspitze, die fiktive Märkte schaffen, um das Geld zu unterschlagen. Der einzelne Bürger steht der Korruption zwiespältig gegenüber: Er ist meist Opfer, tut aber alles, um auch Nutznießer zu sein. Die Knappheit macht sich vor allem in Ballungszentren wie Yaoundé und Douala bemerkbar: Knappheit an Wasser, Strom und Straßen. Es ist keine Seltenheit, dass tagelang das Wasser gesperrt wird und der Strom für Stunden ausfällt.

Margit Djiango: „Es gibt hier einen ungeheuren Wortwitz und Alltagsklamauk“ (Foto: privat)
Sobald man hier sagt, dass man Deutsche ist, fangen die Kameruner an, von den Deutschen zu schwärmen. Wie arbeitsam sie doch seien und wie rechtschaffen, wie pünktlich und gradlinig. Wir haben manchmal ganz schön Mühe, diesem Bild gerecht zu werden! So eigenartig es auch klingen mag, aber dieses positive Bild ist auf die Kolonialzeit zurückzuführen. Da die Deutschen eine gewisse Infrastruktur aufgebaut haben, gelten sie als die besseren Kolonialherren als die Franzosen.
Wo ist Yaoundé am schönsten?
Die Stadt ist von vielen Hügeln und Bergen umgeben. Ich genieße es, an einem Sonntagmorgen vom Goethe-Institut aus zum Berg Fébé zu gehen. Je höher man steigt, desto intensiver wird das Grün, die Luft ist rein und der große, weite Himmel über dem Spaziergänger. Wunderbar!
Ihr Lieblingskünstler aus Kamerun?
Da gibt es viele. Nennen möchte ich den Saxophonisten Manu Dibango und den Schriftsteller Patrice Nganang. Manu Dibango, der den Makossa weit über die Grenzen von Kamerun hinaus bekannt gemacht hat, und Patrice Nganang, der mit seinem Roman „Temps de chien“ ein kritisches Bild vom aktuellen Kamerun aus der Perspektive eines Hundes beschrieben hat. Bezeichnenderweise leben beide Künstler nicht in Kamerun.
Was lieben Kameruner über alles?
Fußball! Von der Großmutter bis zum kleinsten Kind sehen alle mit Begeisterung Fußball. Besonders dann natürlich, wenn es um ein entscheidendes Spiel geht wie bei der WM 1990, wo Roger Milla, der Star der „Unbezähmbaren Löwen“, nicht nur durch seine Ball- sondern auch seine Tanzkünste auf dem Spielfeld beeindruckte. Kameruner sind auch ein äußerst gesprächiges Volk. Sie sitzen gern stundenlang zusammen, palavern und erzählen sich Anekdoten.
Eine Frage des Anstandes: Was sollte man in Kamerun auf keinen Fall tun?
Wir Deutschen sind direkt und sprechen Dinge klar an. Kameruner sprechen mehr durch die Blume. Das sollte man in einem Gespräch berücksichtigen. Leider trete ich auch nach über 25 Jahren Kamerun immer wieder in dieses Fettnäpfchen.
Der Mont Fébé lädt zum Spazierengehen ein (Foto: Emkal Eyongakpa)
Was hilft in Yaoundé am besten gegen Heimweh?
Als ich 1986 mit meiner Familie nach Kamerun gezogen bin, hatte ich wirklich Sorge, starkes Heimweh zu bekommen. Zur Vorbeugung habe ich ein Säckchen Heimaterde aus dem Bauerngarten meiner Eltern mitgenommen. Das half; ich hatte tatsächlich nie Heimweh.
Was wäre Ihr Traumprojekt?
Ich würde gern einen Roman über Kamerun schreiben, in dem ich den Witz und die Lebenslust dieser Menschen vermittle. Es gibt hier nämlich einen ungeheuren Wortwitz und Alltagsklamauk, den ich gern einfangen und zu Papier bringen würde.
Die Fragen stellte Gabriele Stiller-Kern
Geboren wurde Margit Djiango 1956 in einem winzigen Dorf im Unterallgäu. Als Kind träumte sie davon, Fernsehansagerin zu werden. Stattdessen studierte sie Germanistik und Romanistik für das Lehramt. In Yaoundé lebt sie, seit sie 1986 mit ihrer Familie nach Kamerun ging. Beim Goethe-Institut war sie zunächst Honorarlehrkraft, heute arbeitet sie als Beauftragte für Sprachkurse und Prüfungen. Übrigens: In ihrer Freizeit liest sie gern, lernt Italienisch und schaut sich kamerunische Theaterstücke an.










