Neun Fragen an ...

Leena Reimavuo über Helsinki: „Die Leute suchen hier immer nach Eisbären“

Copyright: Aglaya Jacobson
Jedes Land hat seine Vorbilder: die Statue des Dichters Aleksis Kivi vor dem Finnischen Nationaltheater in Helsinki (Foto: Aglaya Jacobson)

6. Februar 2013

Lassen Sie sich keinen Bären aufbinden! Wer bei Finnland nur an Sauna, Seen und Tango denkt, kann sich von Leena Reimavuo vom Goethe-Institut Helsinki eines Besseren belehren lassen – und entdecken, warum deutsche Literatur in Finnland dieses Jahr hoch im Kurs steht.

Stimmt es eigentlich, dass die Finnen eine Vorliebe für deutsche TV-Krimis haben?

Reimavuo: Ja, das stimmt. Krimis sind in Finnland ohnehin sehr beliebt, aber die deutschen Krimis scheinen wohl das finnische Gemüt besonders anzusprechen. Es läuft jeden Samstag ein Krimi im Fernsehen, und die meisten Finnen kennen Ein Fall für Zwei oder Die Kommissarin.

Welches Vorurteil über die Finnen sollten wir ganz schnell wieder vergessen?

Ich weiß nicht, ob das nur ein deutsches Gerücht ist, aber die Leute sind hier immer wieder auf der Suche nach Eisbären. Wir werden oft gefragt, ob rund um Helsinki welche leben. Dabei gibt es in ganz Finnland keine.

Copyright: Leena Reimavuo
Leena Reimavuo: „Im Bereich Übersetzungen passiert in Finnland wirklich viel“ (Foto: privat)
Was bewegt die Finnen derzeit am meisten?

Im Moment vor allem das Rentendefizit. In den Nachkriegsjahren gab es in Finnland einen regelrechten Babyboom. Nun gehen die Menschen aus dieser Generation nach und nach in Rente, so dass immer weniger Leute arbeiten. Die Prognosen sagen, dass 2030 zwei Drittel der Einwohner Finnlands für das restliche Drittel sorgen müssen – für die große Zahl der Rentner, für Kinder und Arbeitsunfähige. Und Arbeitslose sind dabei noch gar nicht berücksichtigt. Das ist ein großes Problem. Deshalb wird hier viel darüber diskutiert, ob das Rentenalter erhöht werden sollte.

Worin unterscheiden sich die Finnen am stärksten von den Deutschen?

In ihrer Art und Weise zu diskutieren. Während Deutsche eher impulsiv auftreten und ihren Standpunkt verteidigen, sind Finnen in Diskussionen ein wenig scheu und sprechen ihre Meinung nicht immer aus. Finnen reden außerdem oft langsam und machen viele Pausen, die von Deutschen dann häufig als Ende des Gesprächsbeitrags missverstanden werden.

Welches deutsche Buch kennt man in Finnland?

Natürlich kennt man Goethe und Schiller. Es gibt aber auch ein großes Interesse an deutscher Gegenwartsliteratur, und es wird viel übersetzt. Die Bücher von Günter Grass und Wladimir Kaminer sind sehr bekannt. Und seit In Zeiten des abnehmenden Lichts liest man auch viel von Eugen Ruge. Dieses Jahr ist Deutschland Gastland der Helsinkier Buchmesse und es gibt bereits 18 Übersetzungen von neuen deutschen Büchern.

Copyright: Lars Kastilan
Leder, Leinen und Papier: Bücher in der Finnischen Nationalbibliothek Kansalliskirjasto in Helsinki (Foto: Lars Kastilan)

Und welches finnische Buch sollte man in Deutschland kennen?

Wenn man sich wirklich für Finnland interessiert, sollte man das finnische Nationalepos, die Kalevala, kennen. Im 20. Jahrhundert war Väinö Linna ein sehr wichtiger Autor. Seine Bücher sagen viel über die finnische Seele aus, zum Beispiel Der unbekannte Soldat, das vom sogenannten Winterkrieg und dem Kampf um Karelien erzählt. Von den jüngeren Autoren empfehle ich Sofi Oksanen und ihr Buch Fegefeuer. Es spielt zwar nicht in Finnland, ist aber ein Riesenerfolg überall auf der Welt. Und dann kommen wir auch wieder auf die Krimis zurück. Da muss man natürlich Leena Lehtolainen gelesen haben.

Warum lernen Finnen Deutsch?

In Finnland wird nicht mehr so viel Deutsch gesprochen wie früher. Die meisten Finnen lernen es, weil sie es in ihrem Beruf brauchen. Wenn man etwas nach Deutschland verkaufen möchte, dann muss man es auf Deutsch anbieten. Kaufen kann man es auch auf Englisch, aber Verkaufen funktioniert nur auf Deutsch.

Copyright: Leena Reimavuo
Vor den Toren Helsinkis: Kein Eisbär weit und breit (Foto: Leena Reimavuo)

Was lieben die Finnen über alles?

Ihre Sommerhütten – bedenkt man, dass ein Volk von etwas über 5,4 Millionen Einwohnern 500.000 Sommerhütten hat! Außerdem lieben die Finnen Eishockey, das sowohl Jungen als auch Mädchen spielen. Nach Kanada sind wir, glaube ich, das zweitgrößte Eishockeyland.

Ihr Lieblingskünstler aus Finnland?

Ich mag Theater sehr, und mein Lieblingsschauspieler heißt Esko Salminen. Er ist ein großer Künstler, und wenn es jemanden gibt, den ich gern einmal treffen möchte, dann ihn. Er spielt vor allem am Theater, aber als er noch ein junger Mann war, hat er auch Filme gedreht. Für viele war er damals ein Star. Ich habe immer gedacht, aus dem wird nichts, doch dann hat er sich zu einem großartigen Schauspieler entwickelt.

Die Fragen stellte Stephanie Scharf

Geboren wurde Leena Reimavuo in Helsinki. Als Kind wollte sie eigentlich Ballerina werden. Stattdessen wurde sie Diplom-Ingenieurin der Chemie und Informationsmanagerin. Am Goethe-Institut ist sie seit 2001. In Helsinki ist sie Informations- und Bibliotheksleiterin und seit 2006 auch Leiterin der Verwaltung. Ihr Traum: noch einmal einige Zeit im Ausland zu wohnen, in London, Berlin oder Merano – und Geschichte zu studieren. Übrigens: Ihre Freizeit verbringt Leena Reimavuo am liebsten auf dem Golfplatz.

    Goethe aktuell:

    Über den RSS-Feed
    können Sie sich über Neuigkeiten aus der Welt des Goethe-Instituts auf dem Laufenden halten.

    Jahrbuch-App 2013

    Entdecken Sie die Arbeit des Goethe-Instituts weltweit und klicken Sie sich durch die Höhepunkte des Jahres 2013. Unsere Jahrbuch-App für iPads steht ab jetzt kostenlos zum Download im App Store bereit.

    Goethe-Institut.
    Reportagen Bilder Gespräche

    Das Magazin des Goethe-Instituts berichtet dreimal im Jahr über die Arbeit des Instituts.

    Twitter

    Aktuelles aus den Goethe-Instituten