Katrin Sohns über Jakarta: „Die Indonesier haben einen ähnlichen Humor wie wir“

Auf den Straßen Jakartas ist immer viel los (Foto: Anna Maria Kribus)
6. März 2013
Das mit dem Stau in Jakarta ist nicht nur eine vielzitierte Eigenart der Stadt, sondern vor allem wahr. Katrin Sohns, Programmdirektorin des Goethe-Instituts Jakarta, über den Verkehr, der sie die typisch deutsche Pünktlichkeit kostet, und indonesische Flexibilität, von der die Deutschen noch viel lernen können.
Stimmt es eigentlich, dass sich die Bewohner Jakartas gegenseitig via Twitter über den besten Arbeitsweg informieren, um den schlimmen Staus zu entgehen?
Ja, das stimmt. Der Stau ist ein ganz großes Problem in Jakarta. Täglich werden hier mehr als 1.000 neue Motorräder zugelassen, aber es werden kaum neue Straßen gebaut. Eine Methode, den Stau zu umgehen, ist eben, sich via Twitter zu informieren. Es werden auch gerne Onlinedienste genutzt, die Livebilder von den Straßen Jakartas senden. Oft verlassen die Einwohner Jakartas ihre Büros erst, wenn die Kameras anzeigen, dass die Straßen etwas leerer sind. Der Verkehr kostet unglaublich viel Zeit und Geld: Der Stau verzögert Lieferungen und setzt Arbeitskräfte außer Gefecht. Die indonesische Regierung hatte vor zirka zwei Jahren sogar in Erwägung gezogen, ihren Sitz in die Provinz zu verlegen.
Typisch Jakarta: Stau so weit das Auge reicht (Foto: Katrin Sohns)
Wie ist es um die Frühstückskultur in Jakarta bestellt?
Hier isst man morgens warm. Meistens frühstücken die Indonesier Hühnersuppe oder Nasi Goreng. Das Frühstück variiert natürlich von Region zu Region: Indonesien ist ein riesengroßer Inselstaat und da unterscheiden sich auch die Esskulturen. Aber Nasi Goreng und Soto Ayam, die Suppe, sind die Klassiker, die man überall findet. Obwohl ich festgestellt habe, dass warmes Frühstück in dem tropischen Klima Indonesiens bekömmlich ist, bleibe ich persönlich bei meinem sehr deutschen Frühstück.
Welche Redewendung hört man in Jakarta besonders oft?
„Tidak apa-apa“, das heißt: „Ist nicht so schlimm“. Diese Redewendung spiegelt den indonesischen Umgang mit Problemen wider. Die Indonesier reagieren sehr flexibel auf Schwierigkeiten, es wird viel improvisiert. Auch in verzwickten Situationen lachen die Menschen und versuchen, dadurch eine positive Stimmung zu bewahren. Das lerne ich täglich mehr zu schätzen.
Fischer im alten Hafen Jakartas (Foto: Katrin Sohns)
Worin unterscheiden sich die Indonesier am meisten von den Deutschen?
Da passt genau dieses Stichwort: Improvisation. In der deutschen Gesellschaft zählt eher der Perfektionismus, dabei ist Improvisation eine große Kunst. Die Indonesier können viel flexibler auf unvorhersehbare Probleme reagieren – was ja auch immer relevanter wird in unserer schnelllebigen Welt. Diese Eigenschaft können wir Deutschen uns von den Indonesiern ruhig abschauen.

Goethe-Mitarbeiterin Sohns: „Das Kulturangebot in Jakarta wächst ständig“ (Foto: privat)
Ihren Humor. Es überrascht mich immer wieder, wie die Indonesier bei Filmvorführungen im Goethe-Institut einen doch relativ deutschen Humor verstehen und lauthals mitlachen. Es scheint da also durchaus Gemeinsamkeiten zu geben.
Was machen die kulturell interessierten Bewohner Jakartas in ihrer Freizeit am liebsten?
Generell ist das Kulturangebot in Jakarta noch relativ begrenzt. Die indonesische Wirtschaft befindet sich aber im Aufschwung und dadurch wandeln sich auch Gesellschaft und Kultur: Es werden immer mehr Konzerthallen gebaut, um dem gesteigerten Interesse der Mittelklasse an Konzerten und guten Filmen gerecht zu werden. Sehr beliebt ist nach wie vor das Wayang, das typisch indonesische Schattenspieltheater. Das Goethe-Institut spielt in Jakarta eine wichtige Rolle, weil es eben nicht so viel Auswahl gibt, und da wird unser Angebot sehr gut wahrgenommen.
Was sollte man als Besucher Jakartas unbedingt sehen?
Man sagt immer: Jakarta eignet sich nicht für Besuche, sondern um hier Lebenserfahrung zu sammeln, denn es gibt in dem Sinne kaum Sehenswürdigkeiten. Der alte Hafen ist sehr schön, in den die traditionellen Barken einlaufen, die hier noch immer benutzt werden. Der Hafen macht einem bewusst, dass Indonesien ein Inselstaat ist – der größte der Welt. Hier weht den Besuchern die indonesische Schifffahrtskultur und deren Bedeutung entgegen. Sehr schön ist auch das Old Batavia, die alte Kolonialstadt. Leider verfällt sie ziemlich, aber die Stimmung dort ist trotzdem toll.
Der Hafen in Jakarta (Foto: Katrin Sohns)
Das monatliche Nettoeinkommen eines deutschen Haushalts betrug im Jahr 2011 im Durchschnitt 2.700 Euro. Wie gut könnte eine Familie in Jakarta damit leben?
Wenn man lokales Essen isst und nur wenige westliche Annehmlichkeiten genießt, sind die Lebenshaltungskosten natürlich geringer und man kann mit der Summe in Jakarta relativ gut leben. Wenn man jedoch einen Lebensstandard wie in Deutschland verfolgt, sind die Lebenshaltungskosten und Mietpreise genauso hoch wie in einer deutschen Großstadt. Das darf man nicht unterschätzen.
Ihr größter Kulturschock?
Das bringt uns wieder zurück zum Anfang. Einer der größten Kulturschocks war tatsächlich der Stau, insofern, als man durch ihn eben auch ständigem Kontrollverlust erliegt. Man kann in Jakarta unglaublich schlecht planen. Deshalb war es schon schwer für mich, als ich das erste Mal zu einem Meeting gefahren bin mit dem Ziel, pünktlich da zu sein – wie die Deutschen eben sind. Plötzlich stellt man dann fest, dass man die nächsten drei Stunden im Stau stehen wird.
Die Fragen stellte Elisa Stahmleder
Geboren wurde Katrin Sohns, 34, in München. Als Kind wollte sie eigentlich Star-Köchin werden. Stattdessen studierte sie Kulturwissenschaft, Spanisch und Neuere, Neueste Geschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin. Sie lebte bereits in Sydney, Sevilla, Berlin und New Delhi. Für das Goethe-Institut Jakarta arbeitet sie seit drei Jahren. Seit September 2012 ist sie dort Programmdirektorin mit Regionalauftrag (Südostasien, Australien, Neuseeland). Ihr Traum: Einmal mit ihrem alten blauen Volvo von Jakarta bis Berlin fahren. Übrigens: In ihrer Freizeit kocht sie immer noch gerne.










