Neun Fragen an ...

Anette Rummel über Jerusalem: „Dieses Puzzle ist nicht einfach zusammenzusetzen“

Martin TschepeCopyright: Anette Rummel
Blick auf die Altstadt von Jerusalem (Foto: Anette Rummel)

4. April 2013

In Jerusalem treffen Judentum, Islam und Christentum aufeinander – bisweilen mit voller Wucht. Da können selbst Falafel und Hummus zwischen die Fronten geraten. Anette Rummel spricht über biblische Tiere, den Jerusalemer Marathon und israelische Putzgewohnheiten.

Stimmt es eigentlich, dass der Jerusalemer Zoo eine Abteilung mit „biblischen Tieren“ hat?

Rummel: Ja, das stimmt. Der Zoo versucht die über 100 Tierarten, die in der Bibel genannt werden, zu beherbergen. Viele von ihnen sind natürlich schon ausgestorben, aber besonders diejenigen, die in der freien Wildbahn bedroht sind, finden hier ein sicheres zu Hause.

Wo ist Jerusalem am schönsten?

Wo ist Jerusalem nicht am schönsten, müsste ich eigentlich gegenfragen. Ich habe diverse Lieblingsorte. Einer davon ist die Altstadt, ein anderer wirklich ganz persönlicher Lieblingsort ist die Haas-Promenade. Sie liegt im Stadtviertel von Talpiot und bietet einen ganz wunderbaren Überblick über Jerusalem: über die arabischen Dörfer, über die Altstadt und über das neue Jerusalem.

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Blick von der Haas-Promenade auf Jerusalem (Foto: Martin Tschepe)

Welche Frage über Deutschland hören Sie besonders oft?

Kannst du mir etwas über Berlin erzählen? Wie komme ich nach Berlin? Kann ich vielleicht ein Stipendium über das Goethe-Institut für Berlin bekommen? Berlin ist momentan in Israel einfach für alle auf Platz eins.

Wofür ist Jerusalem zu Unrecht nicht berühmt?

Für seinen Marathon! Er existiert erst seit zwei oder drei Jahren und ist unter Sportlern schon ziemlich bekannt. Die Marathonstrecke geht auch über den Ölberg und durch die Altstadt – eigentlich ist das ein historischer Marathon. Leider hat die Palästinensische Autonomiebehörde aufgrund der politischen Situation Teilnehmer und Sponsoren dazu aufgefordert, die Veranstaltung zu boykottieren. Insgesamt sind deswegen nur ganz wenige palästinensische und mögliche Teilnehmer aus dem arabischen Raum mitgelaufen.

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Goethe-Mitarbeiterin Anette Rummel: „Ich wünschte mir, dass sich manches einfacher regeln lassen würde“ (Foto: Martin Tschepe)
Welches Gericht sollte man sich in Jerusalem auf keinen Fall entgehen lassen?

Falafel und Hummus. Dieses Gericht vereint einerseits die jüdischen, christlichen und arabischen Bewohner Jerusalems, andererseits trennt es sie. Anlass für einen neuerlichen Streit war der Besuch Obamas, der zusammen mit Schimon Peres das israelische Nationalgericht essen sollte: Falafel und Hummus. Daraufhin ist in arabischsprachigen Zeitungen ein Proteststurm ausgebrochen, denn die palästinensische Seite reklamierte das auch für sich! Man kann sich also über alles streiten – selbst über Essen.


Eine Frage des Anstands: Was sollte man in Jerusalem auf gar keinen Fall tun?

Es wird überhaupt nicht gerne gehört, wenn man aus dem Ausland kommt und sofort eine Lösung für den israelisch-palästinensischen Konflikt bereithält. Da bekommt man als Außenstehender ganz schnell zu hören: Hast du überhaupt schon mal hier gelebt? In Jerusalem kann man so schnell zwischen die religiösen und politischen Fronten geraten. Besuchern rate ich, sich erst einmal Dinge anzuschauen und abzuwarten, denn dieses Puzzle Jerusalem ist wirklich nicht einfach zusammenzusetzen. Man denkt, man hätte ein Bild fertig, aber schon am nächsten Tag passen die Teile gar nicht mehr zusammen.

Welches Vorurteil über die Jerusalemer sollten wir ganz schnell wieder vergessen?

In Israel selbst herrscht das Vorurteil, dass die Jerusalemer etwas dickschädliger sind als alle anderen, und ihr Gemüt etwas „schwerer“ ist. Tel Aviv ist die Stadt, in der das Leben brummt und Partys stattfinden, in Jerusalem scheinen dagegen alle religiös und ultraorthodox zu sein. Dabei hat Jerusalem auch eine säkulare Bevölkerung, die häufig einfach untergeht.

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Fußgängerzone in Jerusalem (Foto: Anette Rummel)

Worin unterscheiden sich Israelis am meisten von den Deutschen?

In den generellen Umgangsformen, die sind härter. Israel kann schon ein Ellenbogenland sein. Für viele, die das erste Mal Israelis miteinander sprechen hören, entsteht der Eindruck, als schrien die sich kontinuierlich an. Außerdem mischen sich Israelis häufig in alles ein. Man kann zum Beispiel am Bankautomaten stehen, und wenn man nicht schnell genug ist mit der Eingabe der PIN-Nummer, kommt jemand von hinten und sagt: „Komm, ich helfe dir schnell bei der Eingabe", das würde in Deutschland niemand machen.

Welche Erfahrung werden Sie nie vergessen?

Nach einem Umzug innerhalb Jerusalems haben mich die Frauen in meiner neuen Nachbarschaft richtig unter die Lupe genommen. Sie haben aus dem Fenster geguckt und gesagt: „Guck mal, da unten wohnt die Ashkenazi, die Deutsche, sie putzt nicht richtig! Sie hat noch Geschirr in der Spüle stehen.“ Trotzdem wurde ich in die Nachbarschaft aufgenommen: Eine Zeitlang machte mir ein Mann den Hof und wartete immer an meinem Gartentor – eines Tages war ich so genervt von ihm, dass ich ihn einfach auf Hebräisch anschrie. Plötzlich gingen alle Fenster auf und mit einem Mal ging ein Hagel von Flüchen auf Marokkanisch, halb Arabisch und Hebräisch auf den Mann los: „Du kommst hier nicht mehr her!“

Die Fragen stellte Amelie Artmann

Geboren wurde Anette Rummel in Stuttgart. Als Kind dachte sie daran, Tierärztin zu werden. Dann wurde ihr jedoch klar, dass sie sich in erster Linie um Menschen kümmern wollte, deshalb studierte sie Sozialpädagogik. Am Goethe-Institut Jerusalem ist sie seit 1998. Seit Ende 2007 arbeitet sie auch für das Goethe-Institut Tel Aviv und leitet dort die Verwaltung. Ihr Traum: eine Zeitreise durch einige Quadratmeter Jerusalemer Bodens zu unternehmen – am besten durch die letzten 3000 Jahre.

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