Petra Köppel-Meyer über Kiew: „Nuuuu“

Maultaschen auf Ukrainisch: Wareniki darf man sich in Kiew nicht entgehen lassen (Foto: Colourbox / Sea Wave)
4. Juni 2013
Geografisch und kulturell ist die Ukraine gar nicht so weit von Deutschland entfernt, dennoch weiß man hierzulande wenig über den zweitgrößten Staat Europas: über die grüne Lunge von Kiew etwa oder Kurkows Pinguine. Petra Köppel-Meyer vom Goethe-Institut Kiew gibt uns Nachhilfe.
Stimmt es eigentlich, dass man im Sommer in Kiew von einem Ende der Stadt zum anderen gehen kann, ohne je den kühlenden Schatten der Bäume verlassen zu müssen?
Köppel-Meyer: Ja, das stimmt. Ich habe es zwar nicht ausprobiert, aber Kiew ist tatsächlich eine sehr grüne Stadt mit viel Wasser und Natur und besonders berühmt für seine unzähligen Kastanienbäume. Die Bäume blühen jetzt gerade und verändern das ganze Stadtbild, es ist wunderbar.
Was lieben die Kiewer über alles?
Ich denke, das Naturerlebnis. Die Menschen verbringen gern und viel Zeit draußen und belagern bei schönem Wetter die Parks oder auch den Dnepr, der im Süden von Kiew sogar Sandstrände zu bieten hat. Selbst im Winter lassen sich die Kiewer nicht von ihren Picknicks abhalten.
Blick über Kiew: die St.-Andreas-Kirche und der Andreas-Steig (Foto: Colourbox / Iurii Konoval)
Haben Sie einen persönlichen Lieblingsplatz in Kiew?
Es klingt vielleicht komisch, aber ein Lieblingsplatz ist tatsächlich das Goethe-Institut, das zum einen dank seiner Architektur und Ausstattung sehr gelungen ist, zum anderen aber in dem kreativen Stadtteil Podil liegt, den ich mit seinen Cafés und den zahlreichen kulturellen Angeboten sehr mag. Dann gibt es noch einen Ort, der mich immer an meine Kindheit in Deutschland erinnert: den Laubwald rings um und in Kiew.
Was bewegt die Menschen in Kiew derzeit am meisten?
Das ist ganz eindeutig die Frage, wohin die Ukraine politisch steuert. Ob sie sich stärker am Westen und der EU oder stärker an Russland orientiert. Das Thema ist ein Dauerbrenner und prägt das ganze Land stark – politisch, sprachlich und auch kulturell. Das Schicksal der inhaftierten Julia Timoschenko hingegen ist hier weniger Thema als in Deutschland und wird dort auch mit viel klareren Positionen diskutiert. In der Ukraine ist die Stimmung ambivalenter, und als Heilsbringerin betrachtet man die ehemalige Ministerpräsidentin hier ohnehin nicht.
Worin unterscheiden sich die Ukrainer von den Deutschen?

Goethe-Mitarbeiterin Petra Köppel-Meyer: „Das Goethe-Institut Kiew ist einer meiner Lieblingsorte“ (Foto: Ivan Dinius / Goethe-Institut)
Was haben beide Kulturen gemein?
Parallelen gibt es eindeutig beim Verhalten im öffentlichen Raum. Die Menschen sind, ähnlich wie in Deutschland, recht reserviert, sodass man auf der Straße nur selten angesprochen wird. Kennt man die Menschen aber einmal, so sind sie freundlich, herzlich und zuverlässig. Und ähnlich wie in Deutschland wird Wert auf klassische Bildung gelegt. Es wird viel gelesen und fast jedes Kind lernt ein Instrument, macht Ballett oder eine Sportart. Das ist nicht nur ein Phänomen der Oberschicht.
Gibt es eine Redewendung, die man in Kiew besonders häufig hört?
Keine Redewendung, aber einen kleinen charmanten Partikel, der im Ukrainischen und Russischen oft verwendet wird. Ein hoch gezogener Ton, der klingt, wie ein „Nuuuu“ und soviel bedeutet, wie „Nun ja, was kann man schon tun“, dabei werden die Schultern hochgezogen und wieder fallen gelassen.
Grillen hat immer Saison (Foto: Colourbox / Maxim Petrichuk)
Welchen ukrainischen Schriftsteller sollten wir unbedingt kennen?
Da gibt es einige! Zum Beispiel Andrej Kurkow. Er ist für seine Pinguin-Trilogie bekannt, und Serhij Zhadan schreibt wunderbare Essays über die aktuelle Ukraine. Die Literatur wäre also ein sehr guter Weg, um das Land und seine Mentalität etwas besser kennenzulernen.
Und welches Gericht darf man sich in Kiew keinesfalls entgehen lassen?
Teigtaschen jeglicher Art – Wareniki sind hier sehr beliebt. Es gibt sie mit vegetarischen und fleischhaltigen Füllungen, aber auch mit Obst. Wer gerne Fleisch isst, sollte sich das Kiewski Kotelett nicht entgehen lassen. Das ist ein paniertes Hühnerfilet mit flüssiger Butter im Inneren.
Die Fragen stellte Eva Hell
Geboren wurde Petra Köppel-Meyer in Unterheimbach bei Schwäbisch Hall. Als Kind wollte sie Ärztin werden, verwarf diesen Plan aber, als sie selbst als Patientin ins Krankenhaus musste. Stattdessen studierte sie Lehramt und entdeckte ihre Leidenschaft für das Unterrichten der deutschen Sprache, der sie auch in ihrer Zeit beim DAAD in Ankara und Teheran nachkommen konnte. Am Goethe-Institut ist sie seit 2010. Kiew ist ihre erste Goethe-Station, dort leitet die 47-Jährige die Sprachabteilung und arbeitet als stellvertretende Institutsleiterin. Ihr Traum: einmal mit ihrem Mann mit der Transsibirischen Eisenbahn von Moskau nach Wladiwostok zu fahren. Übrigens: Petra Köppel-Meyer spricht Deutsch, Englisch, Französisch, Türkisch, Persisch und lernt Russisch.







