Moritz Kasper über Nairobi: „Ich merke hier, wie deutsch ich eigentlich bin“

Kenner der urbanen Musikszene Nairobis: Das Team des Projekts „Ten Cities“ (Foto: Goethe-Institut Nairobi)
10. Juli 2013
Eigentlich wollte Moritz Kasper nur ein Praktikum in Nairobi machen, mittlerweile lebt er seit einem Jahr in der kenianischen Millionenstadt. Im Interview erzählt er, warum er den deutschen Sommer vermisst, was die Heavy-Metal-Szene Nairobis bietet und wie Kenianer seine Kochkünste finden.
Stimmt es eigentlich, dass sich der Preis für eine Busfahrkarte in Nairobi täglich ändert?
Kasper: Ja. Matatus heißen diese Kleinbusse, in die etwa zwölf Leute passen. Jedes Matatu ist sein eigenes Business, es gibt keine Institution, die alles koordiniert. Das heißt, die Fahrer entscheiden eben selbst, wie viel sie gerade für einen Fahrschein wollen und das ändert sich je nach Tageszeit, Wochentag und Laune ...
Welche Frage über Deutschland hören Sie in Nairobi besonders oft?
Man hört viele Fragen über Autobahnen. Und ob es wirklich so kalt ist in Deutschland. Ich sage den Leuten dann, dass es natürlich sehr kalt werden kann, schwärme ihnen aber auch immer vom deutschen Sommer vor. Jahreszeiten in dem Sinne kennt man hier ja nicht. Ich vermisse das. Dieses Gefühl, dass sich die Natur ständig ändert.
Blick über Nairobi (Foto: Moritz Kasper)
Welche Frage über Nairobi hören Sie aus Deutschland besonders oft?
Es gibt die klassischen Tierfragen: Ob ich schon einen Löwen gesehen habe, zum Beispiel. Viele Fragen drehen sich aber auch um das Thema Essen. Alle sind überrascht, wenn ich sage, dass es hier völlig normales Essen gibt. Ich habe auch schon Kartoffelsalat oder Knödel gemacht. Es gibt nichts, was man hier nicht kaufen könnte. Es kann nur sein, dass es zu teuer ist.
Was können wir von den Kenianern lernen?
Das ist jetzt klischeemäßig, aber es stimmt: ein bisschen entspannter zu sein. Ich bin nicht der „typische“ Deutsche, der immer pünktlich ist und bei dem alles geregelt abläuft. Aber ich merke hier, wie deutsch ich eigentlich bin, und manchmal auch, wie verkrampft wir Deutschen das eine oder andere angehen. Allerdings lernt man schnell und dann kehrt eine gewisse Ruhe ein. Wenn etwas nicht in den nächsten fünf Minuten passiert, dann passiert es eben morgen.
Haben Sie ein Lieblingswort in Swahili?

Goethe-Mitarbeiter Kasper: „Ich vermisse die Jahreszeiten“ (Foto: Goethe-Institut Nairobi)
Wer kommt zu Ihnen ins Goethe-Institut Nairobi?
Bei den Sprachkursen haben wir ein sehr junges Publikum, wir sind nicht weit weg von der Universität Nairobi. Was die Kulturarbeit angeht, ist es sehr durchmischt, aber meist ist ein Kern von Künstlern und Kulturaktiven da. Ganz aktuell bei Ten Cities hatten wir dieses riesige Konzert: Wir hatten mit sechs- oder siebenhundert Leuten gerechnet und am Ende waren es 1.400 – ein richtiges Stelldichein der urbanen Musikszene Nairobis.
Wie ist denn die Club- und Musikszene vor Ort?
Moderne afrikanische Popmusik – live gespielt – und traditionelle Klänge von verschiedenen Stämmen Kenias mischen sich mit modernen Geschichten. Es gibt sogar eine Heavy-Metal-Band. Die Club-Szene insgesamt ist aber gerade erst am Wachsen. Das heißt, wenn man abends ausgeht, ist die Chance groß, dass man zu Rihanna tanzen muss. Aber in letzter Zeit ändert sich das, es passiert mehr. Es gab sogar schon eine Drum’n’Bass-Party, die einen großen Wow-Effekt hatte.
Streetart trifft Business-Metropole (Foto: Marah Köberle)
Was hilft in Nairobi am besten gegen Heimweh?
Sich in einer Gruppe von fünf Deutschen am Samstagabend ein Schnitzel machen und dann das Gefühl haben, dass man kurz wieder zu Hause ist. Bei Kenianern kommt das übrigens auch sehr gut an, ich habe schon oft Freunde aus Nairobi zu den Schnitzelabenden eingeladen.
Was war Ihr größter Kulturschock?
Ich glaube, der größte Kulturschock ist doch die Armut, weil man in Europa nie so damit konfrontiert wird wie hier. Natürlich kann man sich davor verstecken, was viele Ausländer auch machen, die sich in ihren umzäunten Communitys einschließen. Aber wenn man wirklich in Nairobi leben will, dann wird man auch mit Armut konfrontiert. Wir vom Goethe-Institut haben zum Beispiel einige Künstler, mit denen wir auf der Programmschiene zusammenarbeiten und die in Kibera leben. Das ist das größte Slum Nairobis, aber auch ein ganz normales Wohnviertel. Da man kann locker mal am Wochenende auf ein Bier vorbeischauen.
Die Fragen stellte Sonja von Struve
Moritz Kasper, 28, ist in München geboren und aufgewachsen. Nach seinem Abschluss in Geografie und Raumplanung hatte er eigentlich einen Studienplatz in London. Aber dann machte er ein Praktikum am Goethe-Institut in Nairobi und blieb einfach. Inzwischen ist er der Internet-Redakteur des Instituts und bastelt nebenbei noch an der Website zum Projekt Ten Cities. In seiner Freizeit kocht er gerne, hört Musik, und sein Hund hat gerade Junge bekommen, mit denen er alle Hände voll zu tun hat. Zukunftswünsche hat er nicht. Er hat aufgegeben, sich etwas vorzustellen, weil ihm die letzten Jahre gezeigt haben, dass es sowieso anders kommt als geplant und dann meistens besser als gedacht.







