Neun Fragen an ...

Anne Gaffrontke über La Paz: „Ich werde die Herzlichkeit vermissen“

Anne GraffotkeCopyright: Anne Gaffrontke
Lama-Liebe: Streetart in den Straßen von La Paz (Foto: Anne Gaffrontke)

6. August 2013

Das Kulturfreiwilligenjahr von Anne Gaffrontke ist fast vorüber. Leider, denn die gefühlte Hauptstadt Boliviens hat es ihr angetan. Ein Interview über traumhafte Aussichten, Multikulti und das richtige Verhalten in der Salzwüste.

Stimmt es eigentlich, dass es in La Paz ein Gefängnis gibt, das von den Insassen selbst geführt wird?

Gaffrontke: Ja, es heißt San Pedro, und man sagt, es sei wie eine kleine eigenständige Stadt. Die Insassen können Häuser, Wohnungen oder Zimmer mieten und es gibt Essensmärkte und Restaurants. In den teuren Bezirken wohnen die gutbetuchten Insassen in Häusern mit Pools. Auch die Familien der Insassen leben da und die Kinder gehen dort zur Schule. Sie haben allerdings immer Ausgangsrecht. Früher konnte man San Pedro besichtigen, aber nun wird es sogar bald schließen, aus Platzmangel. Außerhalb der Stadt bauen sie deshalb jetzt ein größeres Gefängnis.

Was sehen Sie, wenn Sie aus Ihrem Bürofenster schauen?

Ich sehe Hochhäuser verschiedenster Farbe, Größe und Bauart. Alles ist sehr bunt und gemixt hier in La Paz. Die Stadt liegt in einem Kessel und daher kann man im Tal, wo das Goethe-Institut liegt, eigentlich immer nur die Hochhäuser und manchmal die Berge dahinter sehen. Dann vor allem den Illimani, den größten Berg der Gegend. Er ist schneebedeckt und riesengroß.

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Blick auf den Illimani, leider nicht aus dem Büro (Foto: Anne Gaffrontke)

Was bewegt die Menschen in La Paz derzeit am meisten?

Die Evo-Morales-Affäre wirkt nach. Es hat für viel Aufregung gesorgt, dass der beliebte Präsident in Wien am Flughafen festgehalten wurde. Es gab Proteste, manche Demonstranten haben sogar Flaggen vor den involvierten europäischen Botschaften verbrannt. Ansonsten ist es im Moment sehr ruhig. Die meisten Demonstrationen veranstalten Arbeitergruppen, wie die Busfahrer oder Minenarbeiter.

Was hat Sie am meisten überrascht, als Sie nach La Paz gekommen sind?

Mich hat überrascht, wie multikulturell La Paz ist. Nicht nur wegen der indigenen Bevölkerung, sondern auch wegen der vielen Afrobolivianer, Franzosen, Kanadier und Deutschen. Das erwartet man ja eher von Chile und Argentinien. Viel mehr noch hat mich jedoch überrascht, dass ein Großteil der Menschen in La Paz Deutsch sprechen kann, vielleicht nicht fließend, aber mehr noch als Englisch. Dann sitzt man beispielsweise im Taxi und der Fahrer redet mit einem Deutsch.

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Cholitas auf dem Plaza Murillo in La Paz (Foto: Anne Gaffrontke)

Warum lernen die Menschen in La Paz Deutsch?

Viele sehen Deutschland als eine Wirtschaftsmacht an und haben den Wunsch, nach Deutschland zu gehen und dort zu arbeiten. Gerade medizinische Berufe oder ein Ingenieurstudium sind hier sehr gefragt und dafür gibt es in Deutschland gute Möglichkeiten. Viele Menschen in La Paz haben mir außerdem gesagt, dass sie sich der deutschen Kultur verbunden fühlen, vor allem der Musik und der Philosophie.

Eine Frage des Anstands: Was sollte man in Bolivien auf gar keinen Fall tun?

Ich denke, das Schlimmste ist, sich wie ein reicher Westeuropäer aufzuführen. Bolivien ist eines der ärmsten Länder in Südamerika. Als ich unterwegs war, habe ich Situationen mit Touristen erlebt, die waren sehr unangenehm und peinlich. Manche Touristen haben die Einheimischen von oben herab behandelt oder mitten im Salar de Uyuni, der Salzwüste, Strom und eine warme Dusche verlangt. Auf Reisen sollte man sich benehmen. Dazu gehört in meinen Augen, dass man in Bolivien zumindest, „Guten Tag“, „Auf Wiedersehen“ und „Danke“ auf Spanisch sagen kann. Das ist eine Sache des Respekts. Dann schließen einen die Bolivianer auch gleich ins Herz.

Was ist Ihr persönlicher Lieblingsort in La Paz?

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Goethe-Mitarbeiterin Gaffrontke an ihrem Lieblingsort in La Paz (Foto: privat)

Mein Lieblingsort ist einer der vielen Aussichtspunkte, der sogenannte mirador Kili Kili. Er befindet sich auf einer Art Felsvorsprung mitten in der Stadt und man kann dort über ganz La Paz sehen. Das ist einzigartig und unfassbar schön. Außerdem ist man da ein bisschen für sich, ohne den normalen Krach und Verkehr.

Was machen junge kulturell interessierte Bolivianer in ihrer Freizeit am liebsten?

Unglaublich viel, es kommt ein bisschen darauf an, in welcher Szene sie sich bewegen. Hier gibt es eigentlich alles, von Gothic bis Hip-Hop. Gerade auf den öffentlichen Plätzen tanzt man viel Hip-Hop und Breakdance. Doch eigentlich rennen vor allem die jungen Leute überall hin, wo etwas geboten wird. Es gibt viele Ausstellungen. Interesse besteht vor allem an Streetart und Fotografie; vor zwei Monaten hatte die Oper eines bolivianischen Künstlers ihre Uraufführung, auch so etwas interessiert die jungen Menschen hier. Wenn in La Paz eine Veranstaltung stattfindet, egal wie speziell das Thema sein mag, kann man sich darauf verlassen, dass immer jemand kommt. Das ist wirklich schön zu sehen.

Was haben Sie heute nach Feierabend geplant?

Ich habe Spanischunterricht, und danach geht es nach Hause. Ansonsten gehe ich nach Feierabend gern in meine Lieblingsbar Matheus, gleich im Zentrum, im Stadtteil Sopocachi. Ich muss nur die Straße hinuntergehen, das ist sehr praktisch. Dort treffe ich dann meine Freunde. Sie und ihre bolivianische Herzlichkeit werde ich sehr vermissen.

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Blick vom Kili Kili (Foto: Anne Gaffrontke)

Die Fragen stellte Lisa Mayerhöfer

Anne Gaffrontke, 24, ist in Halberstadt in Sachsen-Anhalt geboren und in Berlin aufgewachsen. Was sie als Kind werden wollte, weiß sie nicht mehr, als Teenager war es Designerin. Nach ihrem Abitur hat sie jedoch Kunst, Musik und Medien: Organisation und Vermittlung in Marburg studiert. Seit September 2012 absolviert sie den Freiwilligendienst des Auswärtigen Amtes „kulturweit“ im Goethe-Institut La Paz. Ihr größter Traum ist im Moment, einen Masterstudienplatz für Kulturmanagement in Berlin zu bekommen.

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