Jan Hillesheim über Tokyo: „Wenn ich Kaiser von Japan wär‘ …“

Japanisches Reise-Picknick: „Ekiben“ (Bahnhofsbento), ein Kästchen mit Reisröllchen, Gemüse, Pilzen, Fisch oder Fleisch, gibt es in jedem großen Bahnhof und Shinkansen zu kaufen (Foto: Jan Hillesheim)
10. September 2013
Japaner nummerieren Bäume, aber ihre Straßen haben meist weder Namen noch Hausnummern. Japaner sind sehr korrekt und ziehen die Nase hoch. Und mitten in Tokyo gibt es eine geheime Rennstrecke. Im Interview erzählt Deutschlehrer Jan Hillesheim vom Land der aufgehenden Sonne – und der untergehenden.
Stimmt es eigentlich, dass man sich in Tokyo ganz schnell verirren kann?
Hillesheim: Sowie man von den großen Straßen abkommt, ist es wie bei Rotkäppchen. Man verirrt sich im Wald der kleinen Straßen und Gassen, die keine Namen mehr haben. Wenn man nur einen Stadtplan hat, ist es sehr schwierig, eine bestimmte Adresse zu finden. Zumal in Tokyo die Häuser auch keine normalen Nummern haben. Jede Adresse besteht zwar aus einer Reihe von Zahlen, die das Viertel, den Häuserblock und das Haus kennzeichnen – die Abfolge dieser Zahlen ist aber nicht leicht verständlich. Am besten orientiert man sich an den Stromleitungen, die in Japan alle überirdisch laufen. Sie waren lange eine gängige Orientierungshilfe, bevor es Smartphones und Google Maps gab.
Was bewegt die Tokioter derzeit am meisten?
Im Moment ist es der Sommer. Der August ist der heißeste Monat in Japan, und es gibt viele Feuerwerke, zu denen junge Japaner im Yukata, einer Art leichtem Sommer-Kimono, kommen. Das andere große Thema ist die Natur. Viele Besonderheiten Japans rücken gerade in ein neues Licht – weil auch Personen, die aus dem Ausland kommen, sie wertschätzen. Sicherlich hängt das neu erwachte Interesse für die Natur auch etwas mit dem Ruck zusammen, der mit Fukushima durchs Land gegangen ist.
Für Bäume ist Tokyo ein hartes Pflaster: Bis auf die Kirschbäume wird jeder Baum nummeriert und vor dem Winter kahl gestutzt – doch bis zum Sommer hat er wieder eine dicke grüne Krone (Foto: Jan Hillesheim)
Wofür ist Tokyo zu Unrecht nicht berühmt?
Für seine wahrscheinlich einmalige Stadt-Autobahn. Sie ist auf vielen Strecken zweispurig, ohne Randstreifen, und windet sich wie ein Drache durch die Stadt. Tagsüber ist viel Verkehr – aber wer gern Auto fährt, sollte dort nachts unterwegs sein. Ein Kollege hat mir augenzwinkernd mal gesagt, dass Autos, die über 180 Stundenkilometer fahren, nicht mehr geblitzt werden. Und da gibt es natürlich eine Szene von Hobbyrennfahrern. Wenn man Glück hat, sieht man sie auf einem der kleinen Parkplätze am Autobahnring.
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Woran verzweifeln Sie in Tokyo?
Was in Tokyo anstrengend ist, sind die permanenten Lautsprecherdurchsagen; überall wird man von Stimmen beschallt, die einem freundlich, aber nachdrücklich ins Gewissen reden, dass alles geregelt ist: in der Bahn, im Fahrstuhl, im Park, im Schwimmbad, an der Bushaltestelle. Selbst außerhalb der Stadt ist man davor nicht sicher. Was mich wirklich zur Verzweiflung bringt, sind die Durchsagen am Skilift. Du fährst allein, früh am Morgen, von Schneeluft berauscht und ringsum die Berge – da dröhnt auf einmal plärrend durch die Bäume: „Der Lift endet hier. Bitte seien Sie vorsichtig beim Aussteigen!“
Und was baut Sie dann wieder auf?

Deutschlehrer Hillesheim: „Deutsch ist für Japaner eine echte Herausforderung“ (Foto: privat)
Die Japaner mögen Beethoven, produzieren gern Autos, sind diszipliniert, pünktlich und arbeitsam – unterscheiden sie sich denn in irgendetwas von den Deutschen?
Ja. Im Umgang mit dem Tod zum Beispiel. Verstorbene Verwandte sind in japanischen Familien viel präsenter als in deutschen. Es gibt über das Jahr hinweg wichtige Tage, wo man ihrer gedenkt – gerade jetzt im August waren die Obon-Tage, wo die Familien die Toten wieder nach Hause einladen, ihnen abends den Weg leuchten und sie mit Speis und Trank willkommen heißen. Japan ist bekannt als Land der aufgehenden Sonne, und gleichzeitig ist es auch das Land der untergehenden, weil sich in allem die Vergänglichkeit und die Todesnähe widerspiegeln. Zum Beispiel in der Kirschblüte, die für den Deutschen auf den ersten Blick mit ihren zartrosa, blassen Blüten einfach nur schön ist. Japaner sehen darin auch das Symbol der Vergänglichkeit. Dadurch dass der Tod überall gegenwärtig ist, nimmt es ihm seinen Schrecken; deshalb haben Japaner auch eine andere Haltung zu Schicksalsschlägen. Das macht sie ruhiger und gelassener.
Tokyos Stadt-Autobahn auf Pfeilern: Das Netz aus zwei Ringen und 22 Strecken ist im Stadtgebiet 300 Kilometer lang, Maut: Sieben Euro (Foto: Wikimedia Commons)
Warum lernen Japaner Deutsch?
Es gibt vier Hauptgruppen, die bei uns am Goethe-Institut Deutsch lernen: zum einen junge Japaner, die in Deutschland, Österreich oder der Schweiz studieren wollen; und zum anderen schon erfahrene Deutschlandkenner, die bereits Deutsch können und es bei uns pflegen, um auch in Tokyo weiterhin einen Fuß in Deutschlands Tür zu haben. Dazu noch die Berufstätigen und die Hobbylerner. Deutsch ist für Japaner eine echte Herausforderung. Es gilt als schwierige Sprache für intelligente Lerner. Deshalb werben japanische Deutschsendungen und -lehrbücher hier mit Titeln wie Deutsch macht doch Spaß oder Keine Angst vor Frau Grammatik.
Eine Frage des Anstands: Was sollte man in Japan auf keinen Fall tun?
Ins Taschentuch schnauben. Japaner ziehen die Nase hoch – was überhaupt nicht anstößig ist.
Tokyo hat über über neun Millionen Einwohner und 23 Stadtbezirke: Das ist Shibuya, wo Japaner gern shoppen und ausgehen (Foto: Dominik Baur)
Wenn Sie einen Tag tauschen könnten, welcher japanische Prominente wären Sie gern?
Der Tenno, der japanische Kaiser. Dann würde ich in einer öffentlichen Ansprache Japans Atomausstieg und Energiewende verkünden: Die Vierte Revolution! Der gleichnamige Film von Carl Fechner kam hier sehr gut an; bei seiner Vorpremiere im Goethe-Institut war unser Saal so voll wie noch nie. Als Fechner im Podiumsgespräch sagte, Japan dürfe diese Chance zur Energiewende nicht verpassen, ging ein Raunen durch die Menge. Aber von dieser Stimmung ist nicht mehr viel zu spüren, mit dem zivilen Ungehorsam klappt es nicht so richtig in Japan. Wer weiß, ob das je was wird – dafür funktioniert aber der zivile Gehorsam. Und den würde ich gern als Tenno in die richtige Richtung lenken.
Die Fragen stellte Daniela Gollob
Jan Hillesheim, 50, ist in Hamburg geboren und aufgewachsen. Schon als Kind wollte er Skilehrer werden, was er später auch eine Saison im Zillertal war. Danach studierte er ein paar Semester Sinologie in Hamburg und Peking und war dann als freier Journalist tätig, unter anderem für das Sportressort der DPA und Radio Japan in Tokyo. Dort führte ihn 1990 die Liebe hin. Am Goethe-Institut in Tokyo unterrichtet er seit 1991 Deutsch und koordiniert die Prüfungen und Neuen Medien.







