Neun Fragen an ...

Katharina von Ruckteschell über Johannesburg: „Afrika und gleichzeitig auch nicht“

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Johannesburg: „Jeden Tag entsteht etwas Neues“ (Foto: Chris Eason)

4. September 2009

In den Goethe-Instituten in aller Welt stehen hinter Kulturprogrammen und Spracharbeit Menschen, die in Dialog mit ihrem Wirkungsort treten. In neun Antworten offenbaren in dieser Rubrik Institutsleiter ihre wertvollsten Erkenntnisse und geben Insidertipps. Diesmal: Katharina von Ruckteschell aus Johannesburg.

Wie lebt es sich in Johannesburg?

Ruckteschell: Gut, um nicht zu sagen sehr gut. Vorausgesetzt, man gehört zu der kleinen privilegierten, meist weißen Minderheit, die es sich leisten kann, in schönen Villen mit Swimmingpool und tropischen Gärten zu wohnen – wenn auch hinter hohen Mauern und mit der allgegenwärtigen Angst vor Überfällen. Die Tatsache, dass sich gesellschaftliche Klassen in Südafrika nach wie vor über die Hautfarbe definieren, ist belastend. Der Zuordnung als Mitglied der „weißen Minderheit“ lässt sich nie entkommen

Was ist in Johannesburg ganz anders?

Johannesburg ist undefinierbar und das ist wohl das Faszinierende an dieser Stadt. Man ist in Afrika und gleichzeitig auch nicht. Ich habe Südafrikaner, Schwarze und Weiße, sagen hören, dass sie nach „Afrika“ reisen, wenn sie zum Beispiel nach Nigeria oder Kenia fliegen. Johannesburg ist eine Stadt, die es nicht zulässt, in vorgegebenen Schablonen zu denken und zu handeln. Man muss sich täglich klarmachen, dass Herkunft, Aussehen, sozialer Status, die eigene Sprache und letztlich auch das Geschlecht in Johannesburg so viele Varianten der Identität zulassen, dass man sich letztlich nur als Individuum definieren kann. Schade, dass es (noch) nicht möglich ist, sich in einem der Hochhäuser in Downtown einzumieten, um dieses Leben hautnah mitzuerleben.

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Katharina von Ruckteschell (Foto: Privat)
Was genießen Sie in Johannesburg am meisten?

Die Tatsache, dass nichts still steht und jeden Tag etwas Neues entsteht. Das gilt besonders für die Kulturszene, die ständig neue Orte erobert und neue Ausdrucksformen findet. Und ich genieße die Sonne!

Wie gastfreundlich sind die Johannesburger? Wenn mit „gastfreundlich“ gemeint ist, dass Fremde offen und herzlich aufgenommen werden und schnell Kontakt finden, dann sind die Johannesburger kaum zu schlagen. Es dauert eine Weile, bis sie Vertrauen gewinnen, aber dann ist es leicht, Freunde zu finden.

Welches deutsche Buch kennt man in Johannesburg?

Das Problem, diese Frage zu beantworten, ist das Wort „man“. Wer ist „man“ und wie könnte „man“ in einer Stadt definiert werden, deren Einwohner so unterschiedlich sind? Ich kann nur berichten, welche deutschen Bücher ich hier in den Auslagen der Buchhandlungen entdeckt habe: Neben den deutschen Klassikern sind das Bücher von Ilija Trojanow, Patrick Süskind, Daniel Kehlmann oder Bernhard Schlink.

Welches südafrikanische Buch sollten wir kennen?

In jedem Fall sollte man mehr kennen, als wir es gemeinhin tun. Wer einmal aus der „weißen“ Perspektive auf Johannesburg sehen will, sollte unbedingt Ivan Vladislavics Johannesburg – Insel aus Zufall lesen. Auf meinem Nachttisch liegt außerdem ein Buch von Zakes Mda, der mir als erfolgreichster und interessantester zeitgenössische Autor Südafrikas empfohlen wurde.

Wer kommt zu Ihnen ins Goethe-Institut?

Es kommen eigentlich immer genau die Menschen, die wir mit unseren Angeboten erreichen wollen. Allerdings sind es meist eher wenige und nur selten kommen Besucher spontan vorbei. Die Lage des Instituts in einer stark bewachten Wohngegend, geschützt durch eine hohe Backsteinmauer und das Fehlen einer Cafeteria haben meines Erachtens bisher verhindert, dass Menschen auch ohne „Einladung“, ohne besonderen Anlass, ins Goethe-Institut kommen. Wir sind alle gerade kräftig dabei, dies zu ändern – auch indem wir dahin gehen, wo unsere Zielgruppen sind.

Wer kommt nicht?

Der Rest der Einwohner von Johannesburg.

Was wäre ihr Traumprojekt?

Mein Traumprojekt ist schon in Arbeit. Im November 2009 wollen wir, begleitet von vielen künstlerischen Aktionen, die Mauer um unser Goethe-Institut abreißen. Ich hoffe, dass viele Menschen dabei tatkräftig helfen – allen voran der Präsident des Goethe-Instituts.

Katharina von Ruckteschell ist seit August 2008 Leiterin des Goethe-Instituts Johannesburg, das als Regionalinstitut für die Koordination der Arbeit in den Ländern Subsahara-Afrikas verantwortlich ist.
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