Klaus Krischok über Sydney: „Die beste vietnamesische Nudelsuppe außerhalb Hanois“

Sydney: „Wo Wasser ist, ist die Stadt am schönsten“ (Copyright: Semuthutan)
3. Oktober 2009
Ist Bier in Deutschland wirklich ein Lebens- und kein Genussmittel? Diese Frage hört Klaus Krischok in Australien immer wieder. Überhaupt überrascht den Leiter des Goethe-Instituts in Sydney das große Interesse an Deutschland. Neun Auskünfte über Wasser, Vorurteile und den „Berlin-Faktor“.
Was bewegt die Menschen in Sydney derzeit am meisten?
Klaus Krischok: Wie wohl fast überall auf der Welt bewegt die Menschen hier vor allem die Finanzkrise. Man klagt auf hohem Niveau, denn Australien hat in den letzten 15 Jahren vor der Globalisierung enorm profitiert. Der weltweite Hunger nach Rohstoffen hat das Land und die privaten Haushalte sehr reich werden lassen. Nun wird der Ruf nach mehr Regulierung, nach sozialeren Ansätzen und letztlich auch nach ökologischen Reformen lauter. So gesehen bietet die Krise auch eine Chance: Wachstum um jeden Preis, Schäden an der Umwelt eines Landes und die bisweilen übertriebene Dominanz des Privaten vor den Anliegen der Gemeinschaft werden seit langem einmal wieder kritisch hinterfragt.
Wo ist Sydney am schönsten?
Überall da, wo Wasser ist. Sydney besitzt den wahrscheinlich schönsten Hafen der Welt – und der wird gehegt und gepflegt. Außerdem vielleicht im Vorort Cabramatta, wo es die beste vietnamnesische Nudelsuppe außerhalb Hanois und auch sonst viel asiatisch Überraschendes gibt.
Ihr größter Kulturschock?
Man reist 24 Stunden bis ans vermeintliche Ende der Welt, kommt an und empfindet das Land auf den ersten Blick als gar nicht exotisch, sondern sehr schnell als sehr vertraut. Man erwartet einen liberalen Staat, der aber in Hinsicht auf Regeln und Vorschriften Deutschlands nur wenig nachsteht. Man erwartet auch eine multikulturelle Gesellschaft und spürt dann, dass die weiße und anglophone Schicht nach wie vor den Ton angibt. Man erwartet, dass man auf der Straße ungestört Deutsch sprechen kann und ist überrascht, wie viele hier Deutsch verstehen. Und schließlich: Man lernt, welch großen Vorteil vorurteilsfreies Verhalten mit sich bringt.

Klaus Krischok (Foto: Privat)
Die Menschen hier sind dem Rest der Welt nicht so entrückt wie es die geografische Entfernung vermuten ließe. Die alte „Tyrannei der Distanz“ führt eher dazu, dass die Menschen gelernt haben, Impulse und Eindrücke von außen begierig aufzunehmen. Australier sind informiert und wissen viel mehr über uns als wir über sie. Okay, und sie trinken und feiern gern.
Welches deutsche Buch kennt man in Sydney?
Zurzeit Bernhard Schlinks Der Vorleser und den Baader-Meinhof-Komplex von Stefan Aust. Die Filmveröffentlichungen haben beide Stoffe sehr bekannt gemacht und das Goethe-Institut hat dabei mitgeholfen.
Welches australische Buch sollten wir unbedingt lesen?
Wie wäre es mit Tim Wintons Breath, das jetzt auf Deutsch erschienen ist? Man erfährt eine Menge über die Psyche des modernen Mannes, das Leben in der Kleinstadt und darüber, wie schwierig es ist, ein Held mit Gefühlen zu sein.
Warum lernen Australier Deutsch?
Ich bin immer wieder überrascht, wie viele Menschen hier Deutsch lernen. Unsere letzte Erhebung kam auf 140.000 Schüler. Das ist angesichts von rund 21 Millionen Einwohnern eine ganze Menge. Viele Schulen bieten Deutsch als das akademische Plus an, das früher Latein innehatte, andere beziehen sich auf die sehr intensiven Wirstchaftsbeziehungen und vermeintlich bessere Karrierechancen. Und dann ist das der „Berlin-Faktor“: Berlin steht in Australien für den kreativen und etwas anarchistischen Untergrund, die erlebbare Geschichte, das neue Europa und eine erhoffte oder erträumte andere Identität.
Welche Frage über Deutschland hören Sie am häufigsten?
Ob es stimmt, dass man auf der Autobahn immer noch unbegrenzt schnell fahren kann. Und ob es wahr ist, dass Bier ein Lebens- und kein Genussmittel ist.
Was möchten Sie in Sydney unbedingt noch erleben?
Das Goethe-Institut hier hat zwei Standorte, einen in Sydney und einen in Melbourne. Ich pendle sehr oft hin und her, bin außerdem häufig in Brisbane, Adelaide und Canberra. In all diesen Städten habe ich eines noch nicht gesehen: den berühmten südlichen Sternenhimmel, der erst im Outback strahlt, wenn die Großstadtlichter weit entfernt sind.
Klaus Krischok arbeitet seit 1991 beim Goethe-Institut. Bevor er nach Australien ging, war er für das Goethe-Institut in München, Prien, Santiago de Chile, Frankfurt, York und Montreal. Zuvor arbeitete er unter anderem für den DAAD und die Universität Marburg. Die derzeitigen Schwerpunkte seiner Arbeit: Film, Literatur und Kunst, außerdem Sponsoring. 2007 wurden die Goethe-Institute Sydney und Melbourne zum Goethe-Institut Australien zusammengelegt, so dass Krischok nun oft genug Wochenendpendler ist. In Sydney lebt er mit seinem Lebenspartner.










