Neun Fragen an ...

Jutta Gehrig über Belgrad: „Unsere Gäste sind immer begeistert“

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Laut und lebendig: Serbiens Metropole Belgrad (Foto: Sroown)

3. November 2009

Die Belgrader verbringen ihre Freizeit am liebsten im Café. Was sie dabei lesen und wieso sich viele fragen, ob die Deutschen schlecht über Serben denken, beantwortet die Leiterin des Goethe-Instituts Belgrad, Jutta Gehrig.

Was lieben die Belgrader über alles?

Gehrig: Sich mit Freunden in der Stadt treffen. Egal ob morgens, mittags oder abends, in den Cafés ist immer viel los, und es wird dort auch nicht nur Kaffee getrunken.

Was bewegt die Menschen in Belgrad zurzeit am meisten?

Die Frage, ob ab dem 1. Januar 2010 die Visumspflicht für die Einreise in die Schengen-Staaten aufgehoben wird. Dann könnten die Leute endlich wieder freier reisen – vorausgesetzt, sie haben das notwendige Geld. Leider werden sich auch bei Wegfall der Visumspflicht nur wenige eine Reise nach Deutschland leisten können.

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Jutta Gehrig (Foto: Privat)
Was ist Ihr persönlicher Lieblingsort in Belgrad?

Mein Lieblingsort in Belgrad ist meine Wohnung, weil ich dort beim Blick auf den Himmel und umgeben von Hund und Katze am besten entspannen kann. Außerdem gefallen mir einige Orte in der näheren Umgebung von Belgrad, wo man am Fluss spazieren gehen oder im Café sitzen kann, wie Zemun oder Grocka. Das sind eher ruhige Orte, Belgrad ist mir durch den Verkehr, die laute Musik in vielen Restaurants etc. oft zu laut.

Wer kommt zu Ihnen ins Goethe-Institut?

Junge Leute, Frauen und Männer, die ihren in Deutschland lebenden Partner heiraten wollen und dafür eine Deutschprüfung machen müssen, und Touristen – das Institut liegt an der Hauptflaniermeile der Stadt. Das sind die Leute, die einfach so mal vorbeischauen. Zu unseren Veranstaltungen im Goethe-Institut kommt ganz unterschiedliches Publikum, je nachdem, um was für eine Veranstaltung es sich handelt. Je ungewöhnlicher die Veranstaltung, desto jünger die Besucher.

Warum lernen Serben Deutsch?

Deutschkenntnisse sind von Vorteil bei der Suche nach einer guten Stelle, viele Unternehmen haben enge Geschäftsbeziehungen mit deutschen Firmen. Außerdem gibt es die schon erwähnten Heiratswilligen mit einem Partner in Deutschland und Menschen, die an Deutschland interessiert sind, weil sie dort Verwandte oder Freunde haben.

Welche Frage über Deutschland hören Sie besonders oft?

Die Frage „Warum denken die Deutschen so schlecht über die Serben?“ Das ist vielleicht eher eine Meinung, vielleicht auch eine Erfahrung, die noch auf die Milosevic-Zeit zurückgeht. Ich sage dann häufig, dass das Bild vieler Menschen durch die Berichterstattung über die politischen Probleme bestimmt ist, dass man aber nicht von den politischen Verhältnissen auf die Menschen in einem Land schließen sollte. Am besten kann man sich ein Bild machen, wenn es Gelegenheiten für eine persönliche Begegnung gibt. Unsere deutschen Gäste sind von Belgrad eigentlich immer begeistert.

Copyright: jorge11, lilit, backkratze Fotostrecke: Die vielen Gesichter Belgrads


Welches deutsche Buch kennt man in Belgrad?

Der Vorleser von Bernhard Schlink. Das Buch wurde ins Serbische übersetzt und auch der Film wurde hier gezeigt. Außerdem Holm Sundhaussens Geschichte Serbiens. Das Buch wurde ebenfalls ins Serbische übersetzt und heftig diskutiert, unter anderem weil sich Sundhaussen kritisch mit der Darstellung einiger serbischer Historiker auseinandersetzt.

Welches serbische Buch sollten wir unbedingt kennen?

Aleksandar Tismas Buch Der Gebrauch des Menschen (im Original 1980 erschienen, die deutsche Übersetzung 1991). Das Buch beschreibt das Leben von Menschen in der zweitgrößten serbischen Stadt, in Novi Sad. Bis zum Zweiten Weltkrieg kommen die Serben, Ungarn, deutschsprachigen „Schwaben“ und Juden dort relativ friedlich miteinander aus. Doch dann regieren Krieg und Unmenschlichkeit, und wer gestern noch Freund war, wird plötzlich als Feind behandelt. In den 1990er-Jahren hat sich diese Erfahrung für viele wiederholt.
Außerdem empfehle ich immer David Albaharis Buch Götz und Meyer über zwei SS-Offiziere, die Insassen des Belgrader Konzentrationslagers in einem LKW abtransportierten und während des Transports durch in das Innere geleitete Abgase töteten. Albahari ist auch ein gutes Beispiel für die Frage, wer als serbischer Schriftsteller gilt – Albahari wurde in Pec im Kosovo geboren, er ist Jude und lebt heute die meiste Zeit in Kanada.

Welches Erlebnis werden Sie nie vergessen?

Wie mir ein Verkäufer an einem Marktstand eine ganze Tüte voll Erdbeeren geschenkt hat, weil ich eine so geringe Menge kaufen wollte, dass er anscheinend dachte, ich hätte nicht genug Geld für mehr.

Jutta Gehrig leitet das Goethe-Institut Belgrad, das Projekte in Serbien, Kosovo und Montenegro organisiert.
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