Neun Fragen an ...

Jana Binder über São Paulo: „Von wegen Rhythmus im Blut!“

Jana Binder, Andre Deak, Carlos AlkminFernando Stankuns
Blick über São Paulo: Das bunte Haus im Hintergrund beherbergt die Galeria Pagé (Foto: Fernando Stankuns)

4. Dezember 2009

Politische Skandale, Kriminalität und Dreck. Das ist das Image von São Paulo. Jana Binder verrät uns, wie die Millionenstadt wirklich tickt. Im Interview spricht die dortige Leiterin der Kulturabteilung über Stadtgestaltung, Anarchie der Orte und die hohe Kunst des „Jeitinho“.

Über welches Thema wird in der brasilianischen Presse zurzeit am heftigsten gestritten?

Binder: Wie viele Skandale sind nötig, damit ein Politiker sich genötigt fühlt oder gezwungen werden kann, von seinem Amt zurückzutreten? Die Hoffnung, mit einer „linken“ Regierung setze sich auch eine andere moralisch-ethische Haltung in der Politik durch, hat sich nicht erfüllt. Haarsträubende Skandale, Seilschaften, Verquickungen von persönlichen Interessen mit politischen Entscheidungen kommen ans Licht und bleiben ohne Konsequenz.

Welches Vorurteil über die Brasilianer sollten wir ganz schnell wieder vergessen?

Die Vorstellung, dass alle Brasilianer Rhythmus im Blut haben. Wenn in der Tanz- und Trommelschule, die gegenüber unserem Goethe-Institut liegt, geübt wird, ist deutlich zu hören, dass auch für einen Brasilianer der Weg zu einem guten Perkussionisten sehr, sehr weit sein kann.

Copyright: Privat
Jana Binder (Foto: Privat)
Was können wir von den Brasilianern lernen?

Die Kunst des „Jeitinho“, des kleinen Drehs, mit dem sich verfahrene Situationen lösen und geschmeidig Widerstände umgehen lassen. Der „Jeitinho“ erfordert eine Mischung aus Einfallsreichtum, Spontaneität, Flexibilität, Souveränität und auch Autonomie. Mit einmal getroffenen Entscheidungen oder Gesetzen, die ihren persönlichen Interessen widerstreben oder sich als unbrauchbar erweisen, finden sich Brasilianer längst nicht so leicht ab wie Deutsche. Das kann zu Chaos führen, aber auch helfen, chaotische Situationen schnell zu entwirren.

Interessieren sich die Paulistas für deutsche Sprache und Kultur?

Und ob! Mit 1.300 Kursteilnehmerinnen und -teilnehmern pro Semester platzen die Deutschkurse des Goethe-Instituts aus allen Nähten. Die meisten lernen Deutsch, um ihre Karrierechancen bei einer der über 800 großen deutschen Firmen in São Paulo zu verbessern. Aber auch viele Partner der Kulturabteilung unseres Instituts belegen Deutschkurse, weil sie stärker mit deutschen Kulturinstitutionen kooperieren wollen oder von der deutschen Kunstszene fasziniert sind. Da deutsche Kultur hier von der Kritischen Theorie über Fassbinder, Herzog, Wenders bis zu Streichorchestern omnipräsent ist, können wir uns im Goethe-Institut auf das Neue und Unbekannte aus Deutschland konzentrieren.

Welche deutschen Bücher kennt man in São Paulo?

Die Klassiker: Goethe und den Faust, Thomas Mann und den Zauberberg, Hermann Hesse und seinen Demian. Im Goethe-Institut bemühen wir uns zu vermitteln, dass es auch zeitgenössische Autorinnen und Autoren in Deutschland gibt, die aktiv und gar nicht mal so schlecht sind. Dank Litrix, dem Projekt zur weltweiten Vermittlung deutscher Literatur, kommen in nächster Zeit Bücher von Ingo Schulze, Ulrich Peltzer, Juli Zeh, Antje Rávic Strubel und Saša Stanišić auf den brasilianischen Buchmarkt.

Welches brasilianische Buch sollten wir unbedingt lesen?

Leider ist bisher wenig brasilianische Literatur ins Deutsche übersetzt. Sehr interessant ist der Roman Asche vom Amazonas von Milton Hatoum. Er spielt in Manaus und erzählt die Geschichte von zwei Freunden: Raimondo, der gegen die Militärdiktatur kämpft und später ins Exil geht, und Olavo, der aus einfachsten Verhältnissen stammt, mit den Militärs kooperiert und vor allem um seinen Aufstieg bemüht ist. Die Aufarbeitung der Militärdiktatur in Brasilien ist zurzeit ein sehr aktuelles Thema.


Copyright: Jana Binder, Andre Deak, Carlos Alkmin Fotostrecke: Stein, Stahl, Beton und Glas - Ansichten einer Weltstadt


Worauf freuen Sie sich am meisten, wenn Sie nach Deutschland kommen?

Auf Kleinstädte wie Berlin, München, Hamburg und Frankfurt – wo nicht nur viele Freunde wohnen, sondern jeder Ort einfach und schnell zu erreichen ist und wo man an einem Tag so unglaublich viel erledigen und erleben kann. Außerdem kommt es vor, dass der Weg von A nach B, der sich vielleicht sogar mit dem Fahrrad zurücklegen lässt, durch einen Park führt. Wunderbar, welch ein Luxus!

Und worauf, wenn Sie wieder in São Paulo sind?

Auf die Anarchie der Orte, die es in den Zwischenräumen der Stadt zu entdecken gibt – Gemeinschaftsunterkünfte in Brückenpfeilern, selbst gebastelte Fitnessstudios unter Viadukten, leer stehende Kinos aus den Dreißigerjahren, Ateliers in ehemaligen Gesindehäusern, verfallene Villen und verwilderte Gärten.

Was wäre Ihr Traumprojekt?

Ich würde diese Orte gern bespielen, den öffentlichen Raum zurückerobern und zeigen, dass es nicht nur Dreck und Kriminalität auf den Straßen gibt, sondern auch Freiräume. Als deutsches Kulturinstitut würden wir gerne am Beispiel Berlin zeigen, was man mit den „Blind Spots“ einer Stadt anstellen kann: Wir wollen Bands, DJs, Künstler, Designer et cetera, die in Berlin arbeiten, an diesen Orten präsentieren und mit Künstlern aus São Paulo zusammenbringen.

Jana Binder arbeitet seit 2004 beim Goethe-Institut. Bevor sie 2008 als Leiterin der Kulturabteilung nach São Paulo ging, war sie in der Zentrale des Goethe-Instituts im Bereich Kultur und Gesellschaft tätig.
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