Raimund Wördemann über Seoul: „Westlich Bewährtes fremd aussehen lassen“

Immer in Bewegung: Südkoreas Hauptstadt Seoul (Foto: Christian Senger)
5. Februar 2010
Sie leben in einem geteilten Land - auch deshalb interessieren sich viele Koreaner besonders für das wiedervereinigte Deutschland. Über Ansichten zum „Berlin-Bonn-Modell“, Fallen in Hotelzimmern und feierbegeisterte Koreaner berichtet Raimund Wördemann, der Leiter des Goethe-Instituts Korea.
Was bewegt die Menschen in Seoul zurzeit am meisten?
Wördemann: Gerade wird heftig diskutiert, ob wirklich einige Regierungsstellen und Behörden in der neu errichteten Stadt Sejong getrennt von Seoul untergebracht werden sollen, wie von der letzten Regierung geplant. Da das deutsche Modell Berlin-Bonn gerne als besonders umständlich und teuer funktionierendes Negativbeispiel zitiert wird, möchten viele Kritiker Ähnliches in Korea vermeiden. Sie wollen die Regierung komplett in Seoul belassen und Sejong eher als Wirtschaftsstandort etablieren. Desweiteren wird heftig spekuliert, ob das Land im Sommer 2010 zum kompletten Stillstand kommt, wenn erstmals die südkoreanische und die nordkoreanische Mannschaft an einer Fußballweltmeisterschaft teilnehmen.
Welche Frage über Deutschland hören Sie besonders oft?
Jeder Deutsche in Korea wurde zuletzt anlässlich des 20. Jahrestages des Mauerfalls gefragt, was er am 9. November 1989 gemacht (und gedacht) habe. Manche wissen das gar nicht mehr. Insgesamt gibt es mehr freundliche Worte zu Deutschland als Fragen.

Raimund Wördemann (Foto: Privat)
Ich habe gerne einen guten Überblick von weiter oben. Dafür bieten sich diverse Hochhausaussichtsgelegenheiten ebenso an wie der schöne und sportive Berg Namsan, der direkt gegenüber vom Goethe-Institut thront und derzeit zum Nationalpark ausgeweitet wird. Es hat nichts mit Dienstbeflissenheit zu tun, wenn ich auch meinem Arbeitsplatz im Goethe-Institut Seoul eine gewisse Attraktivität zugestehe. Das liegt zum einen daran, dass er wirklich schön ist. Zum anderen bietet er einen Blick auf einen Grundschulhof, und wenn der dort herum tobende Nachwuchs kreischt und singt, dann wird man täglich gewahr und wünscht sich weiter, dass auch die Jugend des Landes, wie ihr künstlerischer Nachwuchs, jetzt und in Zukunft viele gute Gründe sieht, sich mit Europa und Deutschland insbesondere produktiv und kritisch auseinanderzusetzen.
Was können wir von den Koreanern lernen?
Von „den Koreanern“ lässt sich bestimmt genau so gut lernen wie von „den Deutschen“. Aber ich stelle fest, dass Gespräche und das Zusammensein mit jedem Koreaner, weiblich wie männlich, immer wieder erfrischend sind. Vor allem, wenn sie aus der anderen, der koreanischen Kultur heraus westlich-bewährte Denkansätze und Gewissheiten etwas fremd aussehen lassen - was noch keine Bewertung darstellt.
Was war Ihr größter „Kulturschock“?
Wir Goethe-Leute sollten ja, zumindest nach einigen Jahren, einigermaßen kulturschockresistent sein. Etwas überrascht war ich jedoch, um nicht zu sagen: ratlos, als nachts um halb vier in einem dunklen Badezimmer eines Pjöngjanger Hotels die Badezimmertür hinter mir ins Schloss fiel, der Türknauf komplett herunterkam, ich offenbar eingesperrt war, das Telefon neben dem Waschbecken nicht ging, und ich mich fragte, ob ich wohl bis um halb sechs morgens da raus käme, um meinen Rückflug nach Peking zu kriegen.
Was ist das Schwierigste an der koreanischen Sprache?
Wer die Zeit findet, sich auf die koreanische Sprache voll und ganz einzulassen, am besten vorbereitend und in Klausur, der wird sehr schnell nicht mehr über Schwierigkeiten sprechen.
Fotostrecke: Leben südlich der Mauer
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Welches kulturelle Highlight sollten Seoul-Besucher auf keinen Fall verpassen?
Seoul-Besucher sollten als Korea-Besucher kommen und sich mobil halten. Wer nicht zu einem ganz bestimmten der zahlreichen Festivals kommt, nehme sich einfach zu einer der Hochbetriebszeiten ein paar Wochen frei, und tauche ab in die betriebsame Stadt- und Landeskultur. Zum Beispiel im Oktober, der viele atemlos hinterlässt. Goethe-Leute haben das Glück, vom Pusan-Filmfestival nahtlos ins Seoul International Dance Festival und von dort ins Seoul Performing Arts Festival zu fallen. Fortsetzungen folgen.
Was möchten Sie in Seoul unbedingt noch erleben?
Ich bin nicht in der Verfassung, dass ich etwas „unbedingt noch“ erleben möchte. Aber ich möchte kontinuierlich von Seoul aus und in Seoul verfolgen, wie der ostasiatisch-pazifische Kulturraum sich weiter aufeinander zubewegt und Gemeinsamkeiten in einer starken Kontur entdeckt und präsentiert. Wenn dies im frischen und freien Dialog mit anderen Regionen der Welt geschieht, aus bekannten Gründen vor allem mit Deutschland und Europa, dann lassen sich viele aufregende Projekte gemeinsam entwickeln.
Was wäre Ihr Traumprojekt?
Mit Traumprojekten bin ich vorsichtig, vor allem, wenn sie zunächst eigenen Vorstellungen folgen. Es ist und bleibt traumhaft, wenn wir neben den (re)präsentativen Pflichten die Jugend unserer Länder und politischen Gemeinschaften, die Künstler und Kulturschaffenden wie die gesellschaftlich Aktiven, stimulierend zusammenbringen und damit neue gemeinsame Taten heben helfen, die bleibende Spuren hinterlassen. Etwas bemüht und auch abgedroschen wäre es, an dieser Stelle die koreanische Einheit zu beschwören, das sagenumwobene Friedenskonzert an der (fallenden) Grenze oder ähnlich. Immerhin haben wir, mit deutschem und koreanischem DJ, zum 9. November 2009 unter dem Motto "Dancing down the wall. Tanzt die Mauer weg" eine erwartbare Party fröhlich politisch angereichert und durchgefeiert. Ansonsten ist jedes Projekt, das wir in einem gemeinsamen koreanisch-deutschen Interesse voranbringen, ein traumhaftes. Für 2011 haben wir uns „Die Leiden der Jungen“ vorgenommen.
Raimund Wördemann
leitet das Goethe-Institut Korea in Seoul. Von 2005 bis 2008 war er Leiter der Kulturabteilung am Deutschen Generalkonsulat in Shanghai.












