Anja Geissel über Singapur: „Essen, essen, essen!“

Singapurs Chinatown: Viele historische Gebäude sind hier noch erhalten (Foto: Margret Gehrke)
4. Januar 2010
Die Singapurer sind Genießer, aber auch Bürokraten. Sie sind streng in ihrer Gesetzgebung, aber tolerant gegenüber dem ethnisch und kulturell Anderen. Wie funktioniert das Gleichgewicht des Ungleichen? Anja Geissel, seit drei Monaten Sprachabteilungsleiterin des Goethe-Instituts Singapur, berichtet.
Was können wir von den Singapurern lernen?
Geissel: Das Essen zu genießen. Die Bedeutung des Essens ist hier geradezu existenziell. Die Singapurer kochen allerdings meistens nicht zu Hause, sie essen auswärts und das immer zu geregelten Zeiten. Die Vielfalt an Küchen ist hier aber auch beeindruckend. Es gibt unglaublich viele Garküchenstände, Markthallen, Imbissläden und natürlich Restaurants. Was im öffentlichen Leben besonders auffällt und wovon wir auch etwas lernen können, ist die Toleranz zwischen den Religionen. Alle wichtigen Feste der vier vertretenen Religionen - Buddhismus, Hinduismus, Islam und Christentum - sind hier offizielle Feiertage. Zwar weiß nicht immer jeder, was das jeweilige Fest gerade bedeutet, aber die Gleichstellung der Religionen scheint zumindest nach außen hin zu gelingen.
Was hat Sie am meisten überrascht?
Was mich an Singapur sehr überrascht hat, ist, wie durchorganisiert eigentlich das ganze Leben ist. Wenn man zum Beispiel draußen grillen möchte, was man hier natürlich sehr schön am Strand oder in Parks machen kann, muss man zuvor einen Grillplatz anmieten. Einfach das Grillgut unter den Arm nehmen, den Grill aufstellen und loslegen funktioniert nicht. Und das gilt hier für fast alles.
Fotostrecke: Singapur – der wahre Großstadtdschungel
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Welches Vorurteil über die Singapurer sollten wir ganz schnell wieder vergessen?
Ich habe vorher sehr oft gehört, dass man in Singapur auf gar keinen Fall bei rot über die Ampel gehen darf, weil das schwer geahndet würde. Aber ich gehe ständig bei rot über die Straße und bin noch nicht verhaftet worden. Wenn aber ein Polizist in der Nähe ist, bleibe ich vorsichtshalber stehen.
Was ist Ihr persönlicher Lieblingsort in Singapur?
Das ist der Botanische Garten für Kinder. Es gibt hier einen normalen Botanischen Garten, der ist auch wunderschön, aber es gibt noch einen Garten speziell für Kinder. Man kommt da auch nur in Begleitung eines Kindes rein. Ich war mit meiner vierjährigen Tochter dort. Der Garten ist geradezu rührend angelegt und auf die Bedürfnisse von Kindern zugeschnitten.
Was bewegt die Singapurer derzeit am meisten?
Essen, essen, essen! Nein, im Ernst: Was die Singapurer aktuell sehr bewegt, ist die Schweinegrippe. Hin und wieder sieht man Leute mit Mundschutz, es gibt hier häufiger Krankheitsfälle. Möglicherweise werden hier einfach aber nur mehr Fälle bekannt als in anderen Ländern.
Was möchten Sie in Singapur unbedingt noch erleben?
Da ich ja erst drei Monate hier bin, steht noch eine ganze Menge auf der ToDo-Liste, denn in Singapur gibt es sehr viel zu sehen. Vor und nordöstlich von Singapur liegen sehr schöne Inseln - St. John´s und Pulau Ubin – die noch ganz ursprünglich sein sollen. Darauf bin ich sehr neugierig. Und in den vielen Naturreservaten hier kann man Affen, Schlangen und Echsen erleben. Ein weiterer Vorzug Singapurs ist natürlich die Lage. Man ist von hier aus sehr schnell im weiteren südostasiatischen Raum und kann viele verschiedene Länder besuchen. Das habe ich vor.
Welche Frage über Deutschland hören Sie besonders oft?
Die häufigste Frage ist, ob es wirklich kalt in Deutschland ist. Kälte ist etwas ganz Fremdes für die Singapurer, denn sie kennen sie nur von den klimatisierten Räumen, die wirklich sehr kühl sind. Drinnen trage ich also meistens eine Strickjacke und draußen dann Sommerkleidung. Ansonsten geht es bei den Fragen um Fußball, Autos und Technik.
Warum lernen Singapurer Deutsch?
Überwiegend aus beruflichem Interesse, aber unsere Kurse werden auch zunehmend von Frauen besucht, die wegen des Ehegatten-Nachzugs Deutsch lernen. Wir haben auch einige Ausnahmen, die aus Interesse und Freude an der deutschen Sprache und Kultur kommen. Das ist natürlich sehr erfreulich. Kürzlich hat jemand einen Einstufungstest gemacht, der sagte, sein Ziel sei es, einmal die Blechtrommel im Original zu lesen und zu verstehen. Das fand ich richtig schön.
Was machen Ihre Sprachkenntnisse?
In Singapur kommt man sehr, sehr gut mit Englisch zurecht, eine andere Sprache braucht man eigentlich nicht. Aber ich war ja vorher zwei Jahre in Shanghai und spreche daher ein bisschen Chinesisch. Die Vorkenntnis hilft auf jeden Fall, um die Menschen zu verstehen – gar nicht so sehr von der Sprache her als von der Mentalität.
Das Interview führte Martina Bingel
Anja Geissel
arbeitet seit 2002 beim Goethe-Institut. Bis 2005 war sie Referentin für Bildungskooperation am Goethe-Institut in Prag. Bevor sie im September 2009 die Leitung der Sprachabteilung in Singapur übernahm, war sie für zwei Jahre Expertin für den Unterricht am Goethe-Institut Shanghai.





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