Wolf Iro über Moskau: „Individuelle Freiheit im Stau“

Verstopfte Lebensadern: Moskaus Straßen sind meist dicht (Foto: Andrey Belenko)
4. März 2010
Moskauer lieben ihre Autos – auch wenn sie darin mehr Zeit stehend als fahrend verbringen. Welchen Stellenwert Theater in Russland haben und warum viele ein schon fast zu positives Bild von Deutschland pflegen – neun Antworten von Wolf Iro, dem Leiter der kulturellen Programmarbeit am Goethe-Institut Moskau.
Was lieben Russen über alles?
Iro: Ich habe immer ein Problem mit Verallgemeinerungen. Aber nun gut, wenn ich mich so in Moskau umschaue, fällt die Anzahl der Autos auf. Sie werden als Ausdruck individueller Freiheit angesehen, was absurd ist, weil man am Tag bis zu drei Stunden im Stau steckt. Aber das eine widerspricht hier dem anderen nicht – ein Auto muss her. Und dann steht man eben wartend und vollzieht so seine individuelle Freiheit. Eine zweite Auffälligkeit ist die nahezu unfassbare Anzahl von Blumenläden. Die Moskauer lieben Blumen, und zwar obwohl sie hier relativ teuer sind. Blumen werden immer verschenkt, insbesondere zu Festtagen. Diese werden in Russland sehr bewusst begangen. Wir hatten zum Beispiel gerade den Festtag des Mannes. Ich weiß allerdings nicht, ob Männer an diesem Tag auch Blumen bekommen. Ich habe jedenfalls keine bekommen, dafür aber von wildfremden Menschen alle möglichen Glückwünsche.
Über welches Thema wird in der russischen Presse zurzeit am heftigsten diskutiert?
Das russische Fernsehen ist wenig diskursiv, noch um einiges weniger als in Deutschland. Der Meinungskorridor, in dem man sich bewegen darf, ist sehr eng, man spürt doch deutlich den politischen Durchgriff. In Zeitungen und im Internet wird mehr diskutiert. Ein aktuelles Thema aus dem Bereich Kultur ist zum Beispiel die neue Filmförderung. Das derzeit hierzu vorbereitete Gesetz hätte im Wesentlichen zur Folge, dass hauptsächlich Blockbuster und erfolgreiche Filme gefördert würden. Das russische Arthouse-Kino hingegen, das sich gerade wieder einen guten Stand zu erkämpfen vermocht hatte, würde weitestgehend im Abseits bleiben.
Eine andere Geschichte, die starke Resonanz gefunden hat, schwappt so halb aus dem Bereich Kultur hinüber ins Gesellschaftliche. Es geht um die Fernsehproduktion „Schule“, eine semi-dokumentarische, semi-fiktionale Serie über eine russische Schule – mit all den normalen oder zum Teil auch weniger normalen Problemen, die dort existieren. Es gibt ein Drehbuch, andererseits aber reale Akteure, also Schüler statt richtigen Schauspielern. Diese Serie fällt zum Teil aus dem oben genannten Meinungskorridor heraus und wird deshalb grundsätzlich in Frage gestellt.

Wolf Iro (Foto: Goethe-Institut)
Welche Fragen über Deutschland hören Sie besonders häufig?
Ich werde nicht wirklich häufig über Deutschland gefragt. Man muss dazu sagen, dass Deutschland in Russland eigentlich ein fast zu positives Image hat. Es ist wirklich ganz erstaunlich, dass ein Land, das vor nicht mehr als 65 Jahren so fürchterlich unter der deutschen Invasion gelitten hat, eine grundweg positive Einstellung gegenüber Deutschland hat. Das ist auch historisch schon immer so gewesen. Man hat das in verschiedener Form, mit verschiedenen Typen skizziert. Ein klassisches Werk stammt zum Beispiel von Ivan Goncharov und heißt „Oblomov“. Das ist ein geniales, komisches, aber zugleich auch trauriges Buch. Es gibt zwei Hauptfiguren: den Gutsbesitzer Oblomov, der im Wesentlichen nicht aus dem Bett kommt und mit seinem eigenen Müßiggang kämpft. Oblomov ist befreundet mit einem Deutschstämmigen, der sich durch eine enorme Emsigkeit auszeichnet. Diese Gegensätze werden sozusagen kulturhistorisch immer schon ein bisschen in das Verhältnis der beiden Nationen eingeschrieben. Und der Wertschätzung angeblich deutscher Eigenschaften hat auch die Katastrophe des Zweiten Weltkriegs nichts anhaben können.
Fotostrecke: Moskau in Standbildern
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Welches kulturelle Highlight sollten Moskau-Besucher auf keinen Fall verpassen?
Wenn ich zwei herausgreife, gehört auf jeden Fall „Das Theater der dramatischen Schule“ dazu. Im Volksmund wird es auch „ Vassiliev-Theater“ genannt, weil es in der Perestrojka von dem berühmten russischen Regisseur Vassiliew gegründet und vor allem auch nach seinen Plänen erbaut wurde. So ein Theater habe ich sonst noch nicht gesehen, es ist schon als Ort faszinierend. Es hat sieben Bühnen, darunter auch eine Art „Shakespear`sche Tonnenbühne“. Die ist kreisrund, die Zuschauer sitzen in verschiedenen Galerien und schauen nach unten auf die Schauspieler. Zu der Vielfalt an Bühnen gibt es dort sogenannte Laboratorien, wo die Stücke über drei, vier oder sechs Monate entwickelt werden. Es ist einfach gigantisch. Und es verschlägt einem fast die Sprache, dass es auch in Zeiten der wirtschaftlichen Krise eine staatliche Unterstützung erhält. Aber eine befreundete Russin erklärte mir, mit dem Vassiliev-Theater sei es wie mit der Sternwarte oder dem Zoo: so etwas hat jede Metropole, niemand stelle sie in Frage, und in Moskau habe man eben auch noch das Vassiliev-Theater. Das zweite ist das Nationale Zentrum für zeitgenössische Kunst, mit dem wir als Goethe-Institut auch sehr viel zusammen machen. Das ist die allererste Adresse für zeitgenössische Kunst in Moskau. Bisher ist es noch in einem relativ kleinen, aber sehr schönen knallroten Gebäude untergebracht. Da laufen immer hervorragende Ausstellungen, die im Takt von zwei bis drei Wochen wechseln. Einer meiner echten Lieblingsorte in Moskau.
Was möchten Sie in Moskau unbedingt noch erleben?
Ich habe mir irgendwann mal vorgenommen, alle Theater der Stadt zu besuchen, aber ich werde es mit Sicherheit nicht schaffen. In vielen war ich schon, aber es gibt einfach eine ganze Menge, die genaue Anzahl kenne ich gar nicht. Theater genießen in Russland traditionell eine sehr hohe Wertschätzung.
Welches russische Buch sollten wir unbedingt kennen?
Als Slawist fallen mir da natürlich viele ein. Wenn ich nur eines oder zwei nennen wollte, gehörte dazu „Die Reiterarmee“ von Isaak Babel, über den ich promoviert habe – schon aus reiner Loyalität, aber auch, weil ich es wirklich noch immer glaube: Babel ist einer der allergrößten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Durch ihn und sein Werk geht sozusagen der Riss dieses Jahrhunderts. Er war Jude und überzeugter Kommunist. Nach der Russischen Revolution nahm er aktiv am Bürgerkrieg teil. Er war Mitglied der „Reiterarmee“, die im Wesentlichen aus notorisch antisemitischen Kosaken bestand und die von der kommunistischen Regierung ins mehrheitlich von orthodoxen Juden bewohnte polnische Grenzgebiet ausgesandt wurde, um dort mit Gewalt die Revolution zu etablieren. Eine unglaubliche Geschichte, die er mit eigenen Augen miterlebte und die in sich die Widersprüche und Utopien und die verzweifelte Suche nach dem dritten Weg birgt. Später kam Babel in den Gefängnissen Stalins um. Außerdem kommt man natürlich um Dostojewski nicht herum. Die Frage hier heißt immer: Tolstoi oder Dostojewski –ich würde letztendlich doch „Der Idiot“ von Dostojewski nennen, das zu den genialsten Werken der Weltliteratur gehört. Er selbst hielt es gar nicht für sein vollkommenstes Buch, aber für dasjenige, welches ihm am nächsten war. Ich glaube, gerade das macht die spezifische Qualität des Buches aus.
Was wäre Ihr Traumprojekt?
Wenn der „Lettre Ulysses Award“ wieder aufgelegt werden könnte, und zwar diesmal in Russland. Ich halte ihn für ein absolut bahnbrechendes Projekt, doch dieser Preis musste vor drei oder vier Jahren aus Geldmangel leider eingestellt werden. Der „Lettre Ulysses Award“ ist ein Weltpreis für politische Reportagen – und er wurde eben auch mit dem Anspruch organisiert, ein Weltpreis zu sein. Das brachte eine unglaublich aufwändige Juryarbeit mit sich, die immer in einer Preisverleihung im Herbst kulminierte, kurz vor der Frankfurter Buchmesse. Sieben Autorinnen und Autoren kamen auf eine Shortlist. Große Teile ihrer Texte wurden dann gelesen. Für mich war das immer ein ganz faszinierendes Erlebnis und auch Ausdruck journalistischer Unabhängigkeit, journalistischer Utopie. Wenn es gelänge, diesen Preis nach Moskau zu holen, dann wäre das natürlich eine Sensation. Der Preis ist mir persönlich extrem wichtig. Bisher hat es stets am Geld gemangelt. Aber vielleicht klappt es ja doch noch. Hier in Russland sagt man immer: Die Hoffnung stirbt als letzte.
Worauf freuen Sie sich am meisten, wenn Sie nach Deutschland kommen?
Da herrscht einfach ein anderer Ton, ein anderer Modus. Alleine schon, dass man ohne Schwierigkeiten von einem Ort zum anderen kommt. Das ist tatsächlich so banal, aber diese Frage der Staus und des Transports in Moskau greift tief in die eigene Lebensgestaltung ein. Man muss sich dauernd überlegen, ob man zum Beispiel vom Institut ins Zentrum fährt, um einen Partner zu treffen. Und wenn ja, muss man das gleich mit zwei oder drei anderen Terminen verknüpfen, weil bei einer Fahrt ins Zentrum sofort der halbe Tag weg ist.
Und worauf, wenn Sie wieder in Moskau sind?
Bevor ich ins Institut fahre, bringe ich immer meine Kinder in die Schule beziehungsweise in den Kindergarten. Dazu nutzen wir die zu dieser Tageszeit überfüllten öffentlichen Verkehrsmittel, und es steht immer jemand auf. Das gehört auch zu diesen schweigenden gesellschaftlichen Vereinbarungen, dass man für Kinder aufsteht. Kinder finden immer einen Platz.
Wolf Iro
ist seit Januar 2009 Programmleiter am Goethe-Institut Moskau. Der promovierte Slawist leitete zuvor den Bereich Sponsoring im Hauptstadtbüro des Goethe-Insituts in Berlin.











