Neun Fragen an ...

Michael Chand über Kathmandu: „Wir sind an Chaos gewöhnt“

Sandra VoglreiterCopyright: Sandra Voglreiter
Geordnetes Chaos: Kreuzung in Kathmandu (Foto: Sandra Voglreiter)

20. Oktober 2010

Der Gedanke an die atemberaubende Landschaft am Himalaya ruft bei Deutschen Urlaubern Entzücken hervor – der Gedanke an Deutschland begeistert vor allem junge Nepalesen. Über den Wunsch Deutsch zu lernen, die große Leidenschaft der Nepalesen für Feste jeder Art und ihre ewige Suche nach dem Frieden berichtet der Leiter des Goethe-Zentrums Kathmandu.

Warum lernen Nepalesen Deutsch?

Chand: Die Nepalesen wollen Deutsch lernen, weil sie zum Beispiel eines Tages in Deutschland oder Österreich studieren, arbeiten oder auch heiraten wollen. Viele schätzen die Qualität des Studiums in Deutschland und haben vor, später nach Nepal zurückzukehren und ihre Bildung ihrem Land zugute kommen zu lassen. Der zweite Grund ist: Unser Land ist sehr attraktiv für Touristen. Es kommen auch viele Deutsche, also lernen viele Nepalesen die Sprache, um zum Beispiel in Reisebüros arbeiten zu können. Nur fünf Prozent der Schüler sagen, wir haben Zeit, wir wollen einfach nur so Deutsch lernen, zum Beispiel weil sie eine Brieffreundschaft haben.

Was können die Deutschen von den Nepalesen lernen?

Das Leben in Deutschland ist ganz anders als in Nepal. Hier herrscht manchmal Chaos – aber wir Nepalesen sind daran gewöhnt, auch mit Chaos umzugehen. In Deutschland ist das nicht der Fall, da hat alles seine Ordnung. Ich möchte Deutschland nicht kritisieren, da sind die Gegebenheiten einfach anders – man muss viel arbeiten, hat Stress – aber ein bisschen können die Deutschen auch von Nepalesen lernen, wie locker man eine Situation behandeln oder mit einem Problem umgehen kann. Schließlich ist es eine Sache des Akzeptierens. Man muss die Gegebenheiten akzeptieren, sonst ärgert man sich nur.

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Michael Chand (Foto: Sandra Voglreiter)
Welche Frage über Deutschland hören Sie besonders häufig?

Aktuelle deutsche Politik interessiert die Menschen in Nepal nicht so sehr, aber ich werde oft gefragt, wie die Deutschen nach den beiden verheerenden Kriegen weitergekommen sind, wie hart sie gearbeitet haben. Ich denke, man kann von den Deutschen lernen, wie fleißig oder wie intelligent sie sind, so richtig mathematisch. Wir Nepalesen sehen auch die deutsche Sprache als eine mathematische Sprache. Und weil die Sprache so mathematisch ist, denken die Leute auch mathematisch. Das wollen wir lernen von den Deutschen. Außerdem denken meine Studenten Deutschland sei ein Land, in dem Milch und Honig fließen. Sie sind überzeugt, da bessere Chancen und viele Möglichkeiten zu haben.

Was ist Ihr Lieblingsort in Kathmandu?

Das ist natürlich Thapathali, der Stadtteil, in dem unser Institut liegt. Einerseits ist es einfach ein ruhiger Ort. Und ich bin manchmal sehr sentimental: Ich habe mein ganzes Leben der deutschen Sprache gewidmet, ich liebe die deutsche Sprache und bin damit weitergekommen. Für mich ist deshalb der beste Platz das Goethe-Zentrum Kathmandu, weil ich mich auch als Lehrer und Direktor damit identifiziere.

Welches kulturelle Highlight sollten Kathmandu-Besucher nicht verpassen?

Das sind immer wieder die Feste und Feierlichkeiten. Man kann einen Ort versäumen, das ist nicht so schlimm – aber die Feste sollte man nicht verpassen. In der Hauptstadt gibt es jede Woche irgendwo ein Fest. Und die Urbewohner des Kathmandu-Tales, die Newari, haben in einem Monat zwanzig Tage lang hintereinander Feste. Was man als Deutscher in Nepal allgemein nicht versäumen sollte, ist der Alltag der Leute, wie sie denken, was sie essen und dergleichen. Natürlich ist Nepal kein reiches Land, die Inflation ist hoch – aber trotzdem sind die meisten Menschen sehr zufrieden, lachen, gehen zum Basar. Das sollte man nicht verpassen.

Was lieben die Nepalesen über alles?

Die Nepalesen wollen Frieden im Land. Jeder Nepalese zündet eine Kerze an, sogar im Sonnenlicht, und sucht nach Frieden. Wir brauchen Frieden, wir wollen in Sicherheit leben. Das ist der erste Wunsch, die erste Priorität. Dinge wie Autofahren oder Motorradfahren, das ist dann eine andere Sache. Man muss erst einmal sicher sein, dass man auch spät in der Nacht mit seiner Familie das Haus verlassen kann, wie in Deutschland. In Nepal sieht man erst einmal an den Horizont um festzustellen, ob der Frieden überhaupt gerade da ist oder nicht.

Copyright: Sandra Voglreiter Fotostrecke: Feste und bunter Alltag in Nepal


Welches deutsche Buch kennen die meisten Nepalesen?

Die meisten Leute haben nur von einem Buch gehört, und das ist Mein Kampf. Dieses Buch kann man auch kaufen. Die meisten reden aber nur darüber und haben es nicht gelesen und es gibt auch nur einen sehr kleinen Kreis, der die historischen Zusammenhänge tatsächlich kennt. Die Nepalesen fangen erst jetzt langsam an, überhaupt Bücher zu lesen. Es gibt natürlich auch Leute, seriöse Professoren, die Nietzsche, Thomas Mann, Günter Grass oder andere Autoren gelesen haben. Aber das sind sicherlich eher wenige.

Welches nepalesische Buch sollten die Deutschen unbedingt kennen?

Um die jetzige Realität zu verstehen, sollte man das Buch „Palpasa Café“ von Narayan Wagle lesen. Das wurde inzwischen ins Englische übersetzt und ist die Schilderung der politischen und sozialen Situation in diesem Land. Das Buch ist vor ein paar Jahren erschienen. Und es gibt natürlich noch die berühmten Bücher über Nepal, Landbeschreibungen, Festivals of Nepal – solche Sachen.

Was wäre Ihr Traumprojekt für das Goethe-Zentrum?

Mein Traumprojekt wäre, eine große Mediothek mit zehn oder 15 Computern zu haben. Damit hätten die Schüler einen sehr guten Zugang zum Internet und könnten noch mehr Übungen machen. Dann wäre es noch leichter, Stipendien zu bekommen, um mehr und mehr Deutsch zu lernen. Mein Traum ist, ganz kurz gesagt, dass viele Nepalesen Deutsch lernen.

Michael Chand war der erste Nepalese in der Geschichte des Landes, der ein Deutsch-Diplom erwarb. 2008 wurde er für seine Verdienste um die Deutsche Sprache in Nepal vom Bundespräsidenten mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet. Seit 1997 leitet Chand das Goethe-Zentrum Kathmandu. Bis 2005 war er außerdem Journalist für Radio Nepal, von 1976-1979 arbeitete er bei der Deutschen Welle in Köln.

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