Kaie Kukk über Estland: „Auch wir haben ein Bierfest“

Tallinns Häuser bestechen durch ihren architektonischen Mix aus Mittelalter und Moderne. (Foto: Kaie Kukk)
7. April 2010
Die Esten haben Grund zur Freude: Bald soll der Euro eingeführt werden, und Tallinn darf sich nächstes Jahr mit dem Titel Europäische Kulturhauptstadt schmücken. Über ewige Eiszapfen, den Erfindungsreichtum der Esten und die Fülle an Festivals berichtet Kaie Kukk.
Was bewegt die Menschen in Estland derzeit am meisten?
Kukk: Die Wirtschaftskrise ist immer noch bestimmendes Thema in der Presse. Heute geht es mit der Wirtschaft zwar wieder ein wenig bergauf, man investiert wieder mehr. Aber die Arbeitslosigkeit ist ziemlich hoch. Sie liegt derzeit bei 14 Prozent. Ein anderes Thema, über das die Esten zurzeit oft sprechen, ist der Euro und ob er im Januar 2011 hier eingeführt wird. Das wird Ende Juli entschieden. Ich bin zuversichtlich, denn es scheint so, als würden wir ihn kriegen. Was die Kulturszene betrifft, gibt es auch einen klaren Favoriten: Tallinn wird 2011 Kulturhauptstadt und die Bewohner rätseln, was für ein Programm es wohl gibt. Denn das steht immer noch nicht fest. Bei der Organisation gibt es wohl noch einige Probleme. Da wir dieses Jahr einen langen Winter haben und immer noch sehr viel Schnee liegt, sprechen die Esten auch über das Wetter.
Welches Vorurteil über die Esten sollten wir ganz schnell wieder vergessen?
Das Vorurteil wird es wahrscheinlich nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen Ländern geben: Alle glauben, dass wir ein slawisches Volk sind und alle russisch sprechen. Dass wir unsere eigene Sprache, nämlich das Estnische haben, wissen viele nicht. Das Estnische gehört zu den finno-ugrischen Sprachen, hat also gar nichts mit dem Slawischen zu tun. Estnisch ist eine agglutinierende Sprache und daher dem Finnischen sehr ähnlich.
Was können wir von den Esten lernen?
Vielleicht ihre Arbeitsamkeit, ihren Fleiß, ihre Spontaneität. Außerdem machen die Esten vieles gerne selbst. Sie lieben es, etwas mit den Händen zu erschaffen. Anfang der Neunzigerjahre, als wir frei, also von Russland unabhängig wurden, mangelte es an vielen Sachen.

Kaie Kukk (Foto: Goethe-Institut)
Welches estnische Buch sollten wir unbedingt lesen?
Das ist eine schwierige Frage, weil kaum Bücher von hier ins Deutsche übersetzt werden. Einer der populärsten estnischen Schriftsteller der Gegenwart ist Andrus Kivirähk, der Anfang der Siebzigerjahre geboren wurde. Ihn liest man hier sehr gerne. Seine Bücher handeln von der Geschichte Estlands und von der Nähe der Esten zur Natur. Er beschreibt das mit viel Humor. Wer seine Bücher liest, braucht also einen gewissen Sinn für Humor. Aber ich weiß nicht, ob dieser Humor in der Übersetzung noch rüberkommt.
Fotostrecke: Auf den Spuren des Mittelalters
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Welches deutsche Buch kennt man in Estland?
Ich würde lieber von Schriftstellern sprechen. Die Esten kennen natürlich die Klassiker, also Goethe und Schiller. Auch in Estland wachsen die Kinder mit den Gebrüdern Grimm auf. Zeitgenössische Schriftsteller kennt man hier weniger. Da fällt mir nur Daniel Kehlmann ein. „Die Vermessung der Welt“ wurde auch ins Estnische übersetzt.
Was ist Ihr persönlicher Lieblingsort in Tallinn?
Für Touristen ist die Altstadt bestimmt sehr attraktiv. Sie ist sehr gut erhalten. Ich persönlich aber gehe gerne ans Meer oder in den Park von Kadriorg. Das ist der größte Park in Tallinn, und dort ist auch der Amtssitz des estnischen Staatspräsidenten. Dort und in der Umgebung befindet sich das Kunstmuseum und sehr schöne Holz- und Steinhäuser, die noch aus dem 19. und 20. Jahrhundert stammen.
Warum lernen die Menschen in Estland deutsch?
Viele lernen deutsch, um später in Deutschland zu studieren oder vielleicht auch eine Weile in Deutschland zu arbeiten.
Welche Frage über Deutschland hören Sie besonders oft?
Das sind in der Tat immer die gleichen Fragen: wie viel die Deutschen verdienen, ob sie wirklich so pünktlich sind. Und ein Dauerbrenner ist natürlich auch, wie schnell man in Deutschland auf den Autobahnen fahren darf. Hier in Estland gibt es zwar von der Größe her keine vergleichbaren Straßen, doch auch hier haben wir strenge Regeln. Im Winter darf man nur 90 Stundenkilometer fahren und im Sommer sind auf einigen Straßen höchstens 110 Stundenkilometer erlaubt.
Welchem kulturellen Hochgenuss frönen die Bewohner Tallinns besonders?
Bei uns gibt es die Altstadttage, die finden jeden Sommer statt. Außerdem haben wir viele unterschiedliche Musikfestivals, darunter auch ein Jazzfestival. Das Black Nights Film Festival, bei dem Filme aus der ganzen Welt gezeigt werden, findet immer im Herbst statt. Das Tanz- und Sängerfest ist alle vier Jahre. Das gibt es auch für Kinder. Dort singen Chöre aus dem ganzen Land, die sich zuvor für die Teilnahme qualifizieren mussten. Und auch wir haben im Sommer ein Bierfest. Dort sitzt man gemütlich zusammen und trinkt helles oder dunkles Bier. Das brauen wir in Estland übrigens selbst.
Das Interview führte Angelika Luderschmidt
Kaie Kukk
ist Estin und studierte Germanistik in Tallinn. Seit 2004 arbeitet sie am Goethe-Institut als Sachbearbeiterin für Bildungskooperation Deutsch.












