Jens Rösler über Shanghai: „Chinesisch ist nicht schwer“

Eine typische Straßenszene in Shanghai: eine schmale Gasse zwischen den Hochhausschluchten nördlich des Wusong (Foto: Aapo Haapanen)
4. Juni 2010
In China arbeiten die Menschen sieben Tage die Woche, essen Hunde und haben noch nie etwas von Individualismus gehört. Wie viel Wahres hinter den Stereotypen wirklich steckt, berichtet Jens Rösler vom Goethe-Institut in Shanghai.
Was bewegt die Menschen in Shanghai derzeit am meisten?
Das ist natürlich die Expo. In den Medien ist sie beinahe allgegenwärtig, aber bei 100 Millionen Besuchern, die erwartet werden, ist das, glaube ich, ganz natürlich. Im Vorfeld hat sich die Stadt sehr verändert: Die Infrastruktur wurde ausgebaut, und eine ganze Wohnsiedlung wurde abgerissen. Generell ist die Halbwertszeit der Gebäude hier nur sehr kurz. Es wird wahnsinnig schnell etwas aufgebaut, aber vieles wird dann auch innerhalb kürzester Zeit wieder abgerissen. In den nächsten Monaten sollen 50 neue Fünf-Sterne-Hotels gebaut werden, dies nur mal, um dem Klischee vom materiell armen China entgegenzuwirken.
Welches Vorurteil über die Chinesen sollten wir ganz schnell wieder vergessen?
Das fängt bereits bei „den“ Chinesen an. Bei 1,3 Milliarden Menschen existieren sehr große Unterschiede – was das wirtschaftliche Entwicklungsniveau und die Berufschancen betrifft, aber auch in Bezug auf die eigenen Ansprüche an das Leben.
Fotostrecke: Shanghai, die Stadt über dem Wasser
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Was lieben die Menschen in Shanghai über alles?
Das Essen! Das Essen spielt eine ganz zentrale Rolle in der chinesischen Kultur. Aber auch da gibt es wieder nicht „das“ chinesische Essen, sondern sehr unterschiedliche regionale Küchen. Das Essen hat für die Familien eine soziale Funktion, und beruflich dient es um Geschäftskontakte anzubahnen. In Shanghai isst man wegen seiner Lage am Meer natürlich besonders gern Fisch und Meeresfrüchte. Da gibt es zum Beispiel den sogenannten „Sungshu Yu“, den Eichhörnchenfisch. Dabei wird die Oberfläche eines gebratenen Fischs in kleine Stücke geteilt und mit einer süßen Soße beträufelt, deren Farbe an Eichhörnchen erinnert.
Welchem kulturellen Hochgenuss frönen die Menschen in Shanghai besonders?
Grundsätzlich geht man auch hier gerne ins Kino oder ins Theater. Daneben ist ein Revival klassischer chinesischer Kultur zu beobachten, die durch die Kulturrevolution verdrängt wurde. Doch das Leben in Shanghai ist ein sehr schnelles, deswegen haben die wenigstens Menschen wirklich Zeit für Muße und Kontemplatives. Nachdem man sechs bis sieben Tage die Woche gearbeitet hat, geht man lieber mal mit der Familie essen.
Was ist das Schwierigste an der chinesischen Sprache?
Chinesisch ist nicht schwer. Das ist ein Klischee. Man braucht einfach nur sehr viel Zeit und Geduld, um die Sprache zu lernen, weil der Vergessensprozess sehr schnell einsetzt. Um die 2000 bis 3000 Schriftzeichen zu lernen, die man im Alltag braucht, muss man am Anfang relativ viel wiederholen und genau wie die chinesischen Schulkinder ein Zeichen 20 bis 30 Mal hintereinander schreiben. Eine weitere Eigenart der chinesischen Sprache sind die verschiedenen Tonhöhen. Je nachdem in welcher der vier Tonlagen man Worte ausspricht, wechseln sie ihre Bedeutung. Trotz dieser Hürden ist diese Sprache wirklich kein Hexenwerk.

Jens Rösler: „Wenig Zeit für Vergnügen“ (Foto: Goethe-Institut)
Das ist ganz unterschiedlich. Ins Sprachlernzentrum kommen meist Menschen zwischen 20 und 35 Jahren, die Deutsch für ihren Beruf brauchen, aber auch viele Technik- und Kunst-Studenten, die einmal in Deutschland studieren wollen. Ein ganz klarer Unterschied zu anderen Sprachzentren ist allerdings, dass die Menschen hier sehr schnell und sehr viel lernen. Weltweit geht der Trend ja mehr zu Abendkursen. In Shanghai dagegen haben wir vormittags und nachmittags Kurse, wobei die Intensivkurse mit fünf Unterrichtseinheiten an fünf Tagen in der Woche am gefragtesten sind.
Welche Frage über Deutschland hören Sie besonders oft?
Wenn ich mit den Menschen auf der Straße ins Gespräch komme, sind es selten Fragen, die ich zu hören bekomme. Meist spürt man allerdings die wohlwollende Einstellung, die die Leute Deutschland gegenüber hegen. Autos und Fußball sind natürlich auch hier die kulturellen Exportschlager – wie überall auf der Welt. Doch man merkt auch, dass Deutschland einfach sehr weit weg ist. Wissen über Deutschland ist nicht wirklich verbreitet.
Welche Erfahrung werden Sie nie vergessen?
Es ist nicht ein bleibendes Erlebnis, sondern es sind Hunderte – es ist ein konstanter Lernprozess. Ich lebe nun seit drei Jahren hier, und am meisten beeindruckt mich die Vielfältigkeit dieses Landes, dieses Dasein, in dessen Mittelpunkt kollektive Ziele stehen, nicht das Individuum. Das sieht man auch gut am Beispiel der Expo. Ein deutscher Durchschnittsbürger würde seinen Wohnraum höchstwahrscheinlich nicht so bereitwillig räumen wie die Menschen hier – auch nicht um ein schönes Expo-Gelände zu schaffen.
Was werden Sie am meisten vermissen, wenn Sie zurück nach Deutschland gehen?
Das, was man vermisst – unabhängig von dem Land – ist ja immer ein Lebensgefühl. An das Lebensgefühl in Shanghai habe ich mich relativ schnell gewöhnt. Es ist diese Aufbruchstimmung, genau das, was schon Churchill sinngemäß über Asien gesagt hat: Die Eigenschaft, in Problemen nicht das Problem zu sehen, sondern eine Chance. Diese Grundzuversicht ist sehr erfrischend und erfüllt die gesamte Stadt.
Das Interview führte Franziska Kekulé
Jens Rösler
ist seit drei Jahren Referent für Bildungskooperation Deutsch und pädagogischer Leiter des Goethe-Sprachlernzentrums in Shanghai. Er hat Sinologie in Heidelberg und Beijing studiert.












