Eleonore Ellwanger über Rumänien: Zwetschgenschnaps statt Dracula

Bukarest zeigt sich heute von seiner modernen Seite, hat jedoch nichts von seinem Charme verloren (Foto: Mastermindsro)
7. Juli 2010
Korruption, Kriminalität, Kommunismus: Seit 2007 ist Rumänien in der EU und dennoch hängen dem osteuropäischen Land noch immer negative Assoziationen an. Eleonore Ellwanger erzählt, warum sie falsch sind und es sich im facettenreichen Bukarest besonders gut leben lässt.
Was bewegt die Menschen in Bukarest zurzeit am meisten?
Finanzielle Nöte und Politikverdrossenheit. Eine seit September andauernde Regierungskrise hat dazu geführt, dass der IWF und die EU das 20-Milliarden-Darlehen aussetzten, das Rumänien zur Deckung seines Haushaltsdefizits erhalten hatte. Die Geldgeber forderten rigorose Sparmaßnahmen und Reformen. Vom jetzigen Präsidenten wird erwartet, dass er auf Sparkurs geht und die Korruption bekämpft. Seither wurden 10.000 Beamtenstellen gestrichen. Lehrer und Polizisten wurden in den unbezahlten Zwangsurlaub geschickt. Und das ist leider noch nicht das Ende. Und die Medien berichten noch immer hin und wieder über Herta Müller. In der Gândul, einer der großen rumänischen Tageszeitungen, wurde zum Beispiel die Frage aufgeworfen: Ist der Nobelpreis für Herta Müller auch ein Nobelpreis für Rumänien?
Was lieben die Rumänen über alles?
Essen! Gäste werden hier mit den leckersten Speisen verwöhnt: mit Kohlwickeln, Auberginencreme, Maisbrei, viel Fleisch, sauren Suppen, saurer Sahne und sauer eingelegtem Gemüse, Schokoladen- und Cremetorten. Dazu gehören immer Rotwein und ein von Verwandten auf dem Land gebrannter Obstler oder Zwetschgenschnaps. Anders wären diese „Bomben“ auch gar nicht zu verdauen!
Was gefällt Ihnen besonders an Ihrer Arbeit als Bibliothekarin?
Ich mag die Zusammenarbeit mit den Kolleginnen und Kollegen anderer öffentlicher und wissenschaftlicher Bibliotheken in Rumänien. Sie sind sehr offen für unsere Workshops zur Kundenorientierung, Leseförderung und Bildung von Konsortien. Das sind Themen, die in den rumänischen Bibliotheken noch vor Jahren kaum eine Rolle gespielt haben. Der Leiter der Universitätsbibliothek Bukarest und Präsident des rumänischen Bibliotheksverbands hält die Fäden zusammen und bemüht sich sehr um internationale Kontakte. Da ich für die Betreuung von vier deutschen Lesesälen in Craiova, Iaşi, Cluj und Chişinăuş sowie Bibliotheken an deutschen Kulturzentren verantwortlich bin, komme ich auch in andere schöne Städte, in denen es weniger hektisch zugeht als in der Hauptstadt.
Wer kommt zu Ihnen in die Bibliothek?
Vor drei Jahren mussten wir mit unserer Bibliothek in eine Zwischenunterkunft ziehen, danach wurde sie für ein Jahr geschlossen. Seit 2008 geht es wieder aufwärts mit unseren Besucherzahlen. Vor allem jüngere Berufstätige und Studenten kommen zu uns, meist sind es Studenten der Wirtschaftswissenschaften und der Germanistik. Ungefähr ein Drittel unserer Besucher macht einen Sprachkurs am Goethe-Institut.
Welche Bücher werden am häufigsten ausgeliehen?
Deutsche Literatur, Wirtschaft, Gesellschaft und Deutsch als Fremdsprache sind die am häufigsten gefragten Bereiche. Sehr beliebt sind aber auch CDs mit klassischer Musik oder Pop, Spielfilme junger deutscher Regisseure und Zeitschriften wie Stern, Focus, Brigitte und Psychologie heute.

Bibliothekarin Ellwanger: „Gäste werden mit den leckersten Speißen verwöhnt“ (Foto: Goethe-Institut)
Ich möchte Rumänien: Mehr als Dracula und Walachei von Hilde Gerdes vorschlagen. Ihr Buch ist ein besonderer Reiseführer, eine kritische und zugleich liebevolle Beschreibung von Rumänien, die – hoffentlich – ein wenig dazu beigeträgt, dass Rumänien nicht mehr ausschließlich mit Securitate, Straßenkindern, Korruption und Kriminalität assoziiert wird, sondern mit einem Land, das sich lohnt zu bereisen. Auch die Hauptstadt Bukarest, die bei vielen Goethe-Kollegen jahrelang als „No-go- Standort“ galt, wird in diesem Buch als sehenswerte und facettenreiche Großstadt lebendig: Ich kann das nur bestätigen!
Welche Fragen über Ihr Leben im Ausland hören Sie besonders oft?
Taxifahrer fragen mich häufig, woher ich komme und sind entzückt, wenn ich erzähle, dass ich aus Stuttgart bin: Ahh ... Mercedes … Porsche ... schöne Autos, perfekte Technik! Außerdem wollen alle wissen, wo mein Mann arbeitet. Womit ein Hausmann seine Zeit verbringt, können sich allerdings die wenigsten vorstellen. Auch nicht, wie man es solange fern der Heimat aushalten kann.
Was ist Ihr persönlicher Lieblingsort in Bukarest?
In den ersten zwei Jahren habe ich Bukarest als wüstes Nebeneinander von Brachen, Wohnhäusern, Verfall und Hektik erlebt. Jetzt mache ich von Zeit zu Zeit Streifzüge durch die nördlichen Stadtviertel, wo es, besonders in den Nebenstraßen, eine große Vielfalt an Baustilen zu entdecken gibt. Am Wochenende fahre ich vormittags gerne mit dem Fahrrad oder auf Rollschuhen durch den größten Park in Bukarest, den Herestrau. Die Ruhe dort ist himmlisch – bis zum Nachmittag, dann füllt sich der Park mit Familien, Liebespaaren und Skateboard-Fahrern.
Worauf freuen Sie sich am meisten, wenn Sie nach Deutschland kommen?
In zweieinhalb Jahren werde ich pensioniert. Dann geht es statt in den Heimaturlaub mit einem One-Way-Ticket nach Süddeutschland. Ich freue mich auf unsere alten Freunde, mit denen wir über all die Jahre immer im Kontakt geblieben sind, auf schwäbische Maultaschen, auf die Bienenhaltung, auf viel Besuch und darauf, dass ich meinem schwäbischen Mundwerk wieder freien Lauf lassen kann.
Eleonore Ellwanger leitet die Informations- und Bibliotheksarbeit im Goethe-Institut Bukarest. Bevor sie 2005 nach Rumänien ging, war sie für das Goethe-Institut in Ankara, Jakarta, Warschau und Sofia tätig.










