Rüdiger Bolz über Athen: „Mein Tisch ist dein Tisch“

Blick über Athen (Foto: Doug Bull)
8. September 2010
„Warum mag uns Angela Merkel nicht?“ Diese Frage hört Rüdiger Bolz am häufigsten. Der Leiter des Goethe-Instituts Athen erzählt im Interview, wie die Griechen noch zu retten sind, was wir von ihnen lernen können und dass man Traumprojekte einfach nicht planen kann.
Sind die Griechen noch zu retten?
Ich formuliere die Antwort mal so flapsig-halbernst, wie die Frage gestellt ist: Nein, sie sind nicht zu retten, denn sie müssen sich selbst retten. Was die ungleich schwierigere Herausforderung ist, sie erfordert einen grundlegenden Strukturwandel und zum Teil auch einen Mentalitätswandel. Natürlich sollte der Leiter eines Goethe-Instituts in Griechenland so eine Aussage vorsichtiger formulieren – aber als langjähriger Repräsentant des Goethe-Instituts in Griechenland (von 1994 bis 1999 in Thessaloniki, seit 2007 in Athen) und durch meine Ehe mit einer Griechin als „Freund des Landes“ legitimiert, nehme ich auf nationale Überempfindlichkeiten kaum mehr Rücksicht. Im Übrigen gelten Offenheit und unbedingte Diskussionsfreiheit in Griechenland als Markenzeichen des Goethe-Instituts – seit 1952 (Athen ist das älteste Auslandsinstitut!) und dank verdienter Vorgänger.
Welches Vorurteil über die Griechen sollten wir ganz schnell wieder vergessen?
Ich schlage als alternativen Terminus „gängige Vorstellungen“ vor. Ergo mein Rat: Man lese Johann Joachim Winckelmann und seine Elogen auf die Schönheit des griechischen Menschen und seines Charismas. Diese Sicht haben Goethe, Schiller, Lord Byron, Herder, Hegel, Hauptmann und eigentlich alle Absolventen humanistischer Gymnasien zum Orientierungspunkt erkoren und viele Menschen pflegen dieses Idealbild bis heute – ungeachtet jeglicher neuzeitlicher Lebenswirklichkeit. Diese vermittelt einem am besten das Gespräch mit den Menschen, vom Hirten (ja, gibt es!) bis zum Hochschullehrer.
Was können wir von den Griechen lernen?
Vieles, zum Beispiel europäische Fördertöpfe mit kontinuierlich großem Erfolg sprudeln zu lassen. Manches sollten wir aber lieber nicht lernen, etwa – um im Bild zu bleiben – Europa gern mal zum Besten zu halten – „ein bisschen“ würde man im Griechischen sagen. Wichtiger, weil es eine Lebensregel ist: Mein Tisch ist dein Tisch und es ist mir eine Freude, wenn du meinen Wein erkennbar zu schätzen weißt.
Fotostrecke: Eine Reise durch Athen
Welche Frage über Deutschland hören Sie am häufigsten?
„Warum mag Angela Merkel uns nicht?“ (Man personalisiert gern.)
Welches griechische Buch sollten wir unbedingt lesen?
Wer das heutige Griechenland verstehen will, muss Petros Markaris lesen. Und wer einmal damit angefangen hat, wird alles von ihm lesen wollen. Es gibt keinen Schriftsteller, der mein Gastland für Griechen wie Nicht-Griechen in all seinen Widersprüchen und Liebenswürdigkeiten präziser beschreibt. Nur schade, dass Markaris, der unter anderem die bedeutendsten Goethe- und Brecht-Übertragungen ins Griechische vorgenommen hat, noch immer nicht Träger der Goethe-Medaille ist. Ein besonderer Tipp nebenbei: Nikos Themelis, Jenseits von Epirus, München 1998. Und natürlich setze ich Werkkenntnis von Ritsos, Seferis, Kazantzakis voraus ...
Welches deutsche Buch kennt man in Griechenland?
Danke für diese Frage! Man kennt nämlich fast alles und das Interesse ist ungebrochen. Ausgezeichnete Übersetzer, risikogewohnte Verleger, die wahrlich aufmerksame Übersetzungsförderung des Goethe-Instituts und ein wohl präpariertes Feuilleton sorgen dafür, dass kaum eine literarische oder wissenschaftlich bedeutende Publikation aus Deutschland unübersetzt bleibt.
Worauf freuen Sie sich am meisten, wenn Sie nach Deutschland kommen?
Auf (bayerisches) Kabarett auf einer Kleinkunstbühne. Welch ein Genuss, eine Sprache bis in die kleinsten Nuancen und Anspielungen zu verstehen.

Institutsleiter Rüdiger Bolz: „Die Griechen lernt man am besten im Gespräch kennen“ (Foto: Goethe-Institut)
Zugegeben, es ist klischeehaft: von der aufgehenden Sonne geweckt zu werden und dies beinahe täglich.
Was wäre Ihr Traumprojekt?
Ich habe Traumprojekte erlebt – wie jede Kollegin und jeder Kollege im Goethe-Institut. Man hat dann nach einer Veranstaltung auf dem Heimweg dieses Gefühl: Das war sinnvoll, davon bleibt was! Das Fatale (für mich aber Schönste) daran: Es ist nicht planbar. Ein Beispiel: Das Institut hat eingeladen zur Uraufführung eines Dokumentar-Filmporträts über einen Überlebenden des Massakers der deutschen Wehrmacht in Distomon. Der Protagonist ist da, der Regisseur, ebenso etliche Historiker, Journalisten, diverse Prominente, auch Fernsehteams. Im Anschluss an den Film gibt es eine äußerst hitzige Diskussion über die Forderung deutscher Reparationszahlungen. Da meldet sich der Intendant des Staatlichen Fernsehens zu Wort und erklärt vor laufender Kamera, für ihn sei das Wesentliche, dass Veranstaltungen wie diese Filmpremiere plus heikler Auseinandersetzung selbstverständlich und immer am Goethe-Institut stattfänden. Rund 400 Menschen haben spontan Beifall geklatscht. So etwas ist nicht planbar. Im Rückblick aber ein „Traumprojekt“.
Die Fragen stellte Gabriele Stiller-Kern
Rüdiger Bolz leitet das Goethe-Institut Athen und ist Direktor der Region Südosteuropa. Zuvor war er für die Goethe-Institute in San Francisco, Murnau, München, Thessaloniki und Istanbul tätig.










